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Sport Fußball
05/03/2012

Hickersberger: "Koller kann schon profitieren"

Josef Hickersberger im KURIER-Interview über verarmte Scheichs, die schwache Liga und die rosige Zukunft des Nationalteams.

Eine Skihalle in einer Shopping-Mall, in der Königspinguine auf der Piste herumwatscheln; ein Turm (Burj Khalifa), der mit 830 Metern alle Gebäude dieser Welt überragt; ein Hoteltempel (Emirates Palace), in dem ein Automat richtige Goldbarren ausspuckt – da behaupte noch jemand, die USA wären das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Doch es ist längst nicht mehr alles Gold, was in den Vereinigten Arabischen Emiraten glänzt. Es ist Sand im finanziellen Getriebe des Wüstenstaates. Das bemerkt auch Josef Hickersberger als Trainer von Al Wahda Abu Dhabi. Viele Spieler warten auf Prämien, Hickersberger selbst zählt die Tage bis zu seinem Abschied in einem Monat. "Nach dreieinhalb Jahren ist es Zeit, eine neue Trainerstation zu suchen."

KURIER: Die Halbwertszeit von Fußballtrainern ist in dieser Gegend eigentlich viel geringer. Sind Sie stolz, dass Sie so lange durchgehalten haben?
Josef Hickersberger: Vom Stolz allein kann man nicht leben. Aber finanziell war’s ganz sicher eine gute Zeit. Trotzdem bin ich froh, dass ich diese Saison überlebt habe, es war das schwierigste Jahr in meinem Trainerleben.

Inwiefern?
Es hat schon damit begonnen, dass kein Geld für ein Trainingslager in Österreich da war. Stattdessen haben wir hier um Mitternacht trainiert. Auf meinen Einwand, dass wir uns verstärken sollten, hat der Scheich, der neue Präsident, gemeint: Ihn interessiert es nicht, ob wir Vierter oder Siebenter werden, solange die Spieler kämpfen.

Und einem Scheich widerspricht man nicht, oder?
Es ist jedenfalls klug, sich danach zu richten, dass der Scheich das letzte Wort hat. Er ist der Arbeitgeber, ich bin nur ein kleiner Arbeiter. Das sollte einem immer bewusst sein.

Was lernt ein Trainer im Ausland? Respekt? Toleranz?
Man lernt vor allem Diplomatie. Das ist generell im Ausland wichtig, aber vor allem in arabischen Ländern. Ich kann hier nicht einfach diktatorisch vorgehen. Ich muss es auf diplomatischem Weg versuchen, muss auf die Gepflogenheiten Rücksicht nehmen.

Auch auf die Religion?
Selbstverständlich. Hier ist die Religion das Wichtigste überhaupt. Das hab’ ich schon bei meiner Arbeit in Ägypten und Bahrain gelernt. Ab der Unterschrift unter dem Vertrag wird das Einhalten der Sitten und Gebräuche eingefordert.

Themenwechsel: Sie sind neben Ralph Hasenhüttl (Aalen) und Peter Pacult (Leipzig) der letzte österreichische Trainer im Ausland. Sind Österreicher nicht gefragt?
Das ist leicht zu erklären: Der österreichische Fußball hat eben im Vergleich zu früher keine internationalen Erfolge mehr zu verzeichnen. Wann hatten wir denn viele Trainer im Ausland? Immer dann, wenn das Land Erfolge hatte. Darauf warten wir aber im Grunde seit der WM 1978. Trotzdem ...

... trotzdem?
Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass wir schon in den nächsten Jahren wieder eine sehr erfolgreiche Nationalmannschaft haben werden. Wenn ich sehe, wie viele Talente schon früh im Ausland unterkommen, wenn ich sehe, wie sich einige Spieler entwickeln, wenn ich Alaba zuschaue. Es ist nur eine Frage der Zeit. Ich glaube, der Marcel Koller kann davon schon profitieren.

Sie haben die Entscheidung zugunsten Kollers begrüßt. Warum?
Weil ich Koller für einen höchst qualifizierten Trainer halte. Und weil ich der Meinung bin, dass der Posten eines österreichischen Teamchefs nicht nur von Österreichern besetzt werden darf.

Sie waren selbst Teamchef. Wie beurteilen Sie denn mit vier Jahren Abstand die Performance bei der Heim-EM?
Vorweg: Wenn man sich mit einem österreichischen Team für ein Viertelfinale qualifizieren will, dann muss alles passen. Wir haben gegen Kroatien ein frühes Elfmetertor gekriegt, gegen Polen ein Abseitstor, gegen Deutschland ein Freistoßtor. Daneben haben wir unsere Chancen nicht reingemacht. Mit diesen Fehlern kann sich ein österreichisches Team nicht für die letzten Acht qualifizieren. So simpel ist die Rechnung. Und eines sollte man auch berücksichtigen.

Nämlich?
Die EM ist für einige Spieler zu früh gekommen. Für einen Harnik, einen Fuchs. Das war mir als Trainer bewusst, nur interessiert das natürlich keinen Fan.

Apropos Fan: Wenn Sie in Abu Dhabi die österreichische Liga verfolgen, können Sie die Kritik der Anhänger am Niveau nachvollziehen?
Ich hab’ das Derby Austria gegen Rapid fast in voller Länge ertragen. Von genießen kann da keine Rede sein. Das Spiel war nicht zum Anschauen. Die österreichische Liga hat in den letzten Jahren an Qualität verloren. Bei aller Wertschätzung der Arbeit, die in Ried oder Mattersburg geleistet wird: Das Gefälle zwischen den Topteams und den anderen acht Klubs kann sonst einfach nicht so gering sein.

Andererseits waren im Derby auch nur drei Legionäre im Einsatz.
Wenn man sieht, dass alle Vereine mit Ausnahme von Red Bull in großen finanziellen Schwierigkeiten stecken, dann ist das eine gute Entwicklung. Sicher, der Unterhaltungswert leidet darunter. Aber es führt kein Weg daran vorbei, auf den österreichischen Weg zu setzen.

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