Sport | Fußball
12.10.2018

Richtungsweisende Tage für Jogi Löw

Deutschland ist gegen die Niederlande nicht nur sportlich gefordert. Auch die Fan-Herzen müssen zurückgewonnen werden.

Nein, Joachim Löw ist noch nicht aus der Übung gekommen. Auch wenn er in der Vergangenheit schon einmal deutlich mehr Autogramme schreiben musste. Nach dem WM-Gewinn 2014 in Brasilien war der Bundestrainer der beliebteste Deutsche und bei Autogrammsammlern und Selfiejägern ein gefragter Mann. Doch in letzter Zeit hatte der 58-Jährige nur noch selten den Stift in die Hand genommen, eine Ausnahme machte Joachim Löw für den DFB, als er einen neuen Vertrag bis 2022 unterzeichnete.

Das war noch vor der WM. Vor der großen Schmach in Russland, die den deutschen Fußball noch immer beschäftigt und die vor allem bei Joachim Löw nachwirkt. Jede Aktion des Bundestrainers, jede seiner Aussagen wird seither hinterfragt, und vor allem das Verhalten des ehemals als so smart gepriesenen Schwarzwälders sorgte zunehmend für Irritationen und öffentliche Kritik.

Fehlende Einstellung

Abgehoben wäre er, lautete ein Vorwurf an Joachim Löw, unnahbar und fast ein wenig selbstgefällig sei er geworden. Attitüden, die nach dem Vorrunden-Aus in Russland der ganzen Nationalmannschaft zur Last gelegt worden waren. „Uns hat die richtige Einstellung gefehlt“, gestand Nationalteam-Manager Oliver Bierhoff. Obendrein auch noch die Bodenhaftung und Volksnähe. Wer die Deutschen in ihrem WM-Trainingslager in Südtirol besuchte, der bekam ein Team zu sehen, das sich auf dem Platz hinter mannshohen, blickdichten Planen abschottete und die mitgereisten Fans links liegen ließ. „Irgendwie sind wir da den Bedürfnissen unserer Anhänger nicht nähergekommen“, gibt Bierhoff heute zu.

Es darf als Schuldeingeständnis verstanden werden, dass die deutsche Nationalmannschaft nun vor dem heutigen Nations-League- Auswärtsspiel gegen die Niederlande (20.15 Uhr, ZDF) ein öffentliches Training absolvierte und dazu 5000 Kinder einlud. Wie weit sich der fünffache Weltmeister seit dem Titelgewinn 2014 von der Anhängerschaft entfernt hat, zeigt sich schon daran, dass das Nationalteam erstmals seit vier Jahren wieder bei einem Training die Türen öffnete. „Es war auch Teil unserer Selbstkritik nach der WM, dass wir gesagt haben, wir müssen uns gegenüber den Fans wieder ein bisschen öffnen“, sagt Löw.

Fehlende Tore

Dem 58-Jährigen ist bewusst, dass es nicht mehr nur darum geht, auf dem Spielfeld Siege einzufahren. Sondern das Nationalteam muss auch die Herzen der Fans zurückgewinnen. „Wir stehen jetzt alle unter besonderer Beobachtung“, weiß Joachim Löw.

Die nächsten Tage werden nun richtungsweisend sein, ob der Richtungswechsel auch tatsächlich wie erhofft stattfindet. In den Auswärtsspielen gegen die Niederlande und gegen Weltmeister Frankreich (Dienstag in Paris) geht’s sportlich darum, ob Deutschland auch in Zukunft der Topgruppe A der UEFA Nations League angehören darf. „Da will man nicht absteigen“, erklärt Manager Oliver Bierhoff.

Andererseits käme ein deutsches Scheitern gar nicht einmal so überraschend. Immerhin präsentierte sich die junge niederländische Nationalmannschaft zuletzt stark verbessert, und dann sind da auch noch die ernüchternden Auftritte der Deutschen in diesem Kalenderjahr: 2018 konnten nur drei von neun Partien gewonnen werden, dabei gelangen lediglich acht Treffer.

Grund genug, dass der ehemalige Teamkapitän Michael Ballack die Ablöse des Bundestrainers fordert: „Irgendwann muss man sich eingestehen, dass die Dinge nicht mehr funktionieren.“

Die aktuelle Spielergeneration spricht sich für Löw aus. „Ich bin überzeugt, dass wir die Kurve mit Jogi Löw kriegen“, sagt Toni Kroos.