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Sport Fußball
06/16/2019

Frauenfußball: "Profis, die wie Amateure bezahlt werden"

Felix Seidel spricht über die Kluft im Einkommen zwischen Männern und Frauen, Professionalisierung und Ablösen.

von Günther Pavlovics

Seit 7. Juni läuft die Frauen-Fußball-WM. Erstmals wird eine Endrunde in Frankreich komplett im frei empfangbaren Fernsehen übertragen, eingebettet in Werbeblöcke. Das ist mit ein Grund, weshalb das Satiremagazin Charlie Hebdo die Kommerzialisierung des Fußballs kritisiert.

Das ist wohl ein prinzipielles Jammern, denn die Kluft zwischen Frauen- und Männerfußball ist enorm. Nicht so sehr beim Interesse der TV-Zuschauer, sondern vor allem beim Einkommen. So hat Ada Hegerberg vor zwei Jahren das norwegische Nationalteam verlassen, weil die Frauen vom Verband deutlich weniger Geld bekamen als die Männer. Die 23-Jährige, die zuletzt zur Weltfußballerin gewählt wurde, ist nur als TV-Expertin dabei.

Steffi Jones, ehemalige deutsche Teamspielerin und Teamchefin, sieht die Sache etwas differenzierter. Die 46-Jährige sagte in einem Interview mit dem Spiegel: „Was die Männer einnehmen, steht in keinem Verhältnis zum Frauenfußball. Deswegen können wir auch nie sagen: Wir wollen das Gleiche wie die Männer.“

Der 37-jährige Deutsche Felix Seidel ist vom Journalisten zum Fußballerinnen-Manager mutiert und vertritt auch die Interessen von acht österreichischen Teamspielerinnen. Auch wenn die Summen auseinanderklaffen, sieht Seidel dennoch eine Professionalisierung im Frauenfußball. Und dass die ganz großen Klubs nicht mehr in Deutschland sind. So wechselt Österreichs Teamtorfrau Manuela Zinsberger ebenso wie ihre Bayern-Kolleginnen Leonie Maier und Jill Roord zu Arsenal. In London treffen sie auf ihre Ex-Mitspielerinnen Schnaderbeck, Miedema und Evans.

KURIER: Herr Seidel, seit wann gibt es Manager im Frauenfußball?

Felix Seidel: Der Markt hat sich in den vergangenen Jahren erschlossen. Mittlerweile ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Profispielerinnen Berater haben. Auch für die Vereine ist das normal. Beide Parteien gehen aktiv aufeinander zu und suchen den Austausch. Auch das zeigt, dass sich der Frauenfußball enorm professionalisiert hat.

So wie bei den Männern?

Dort steht man finanziell und in puncto Aufmerksamkeit auf einer ganz anderen Stufe. Da hinkt jeder Vergleich. Es ist jedoch wahrzunehmen, dass der Frauenfußball die professionellen Strukturen aus dem Männerfußball mehr und mehr adaptiert.

Gibt es auch Ablösen im Frauenfußball?

Natürlich, obwohl hohe Summen noch die Ausnahme sind und nur in der absoluten Spitze bezahlt werden. Dennoch: Vor Jahren gab es dieses Thema nicht, auch, weil die Vertragslaufzeiten zumeist sehr kurz waren. Heute werden die besten Spielerinnen in der Regel langfristig gebunden – auch das ähnelt der Entwicklung im Männerfußball.

In welcher Höhe bewegen sich die Ablösen?

Es war ja zu lesen, dass es hohe fünfstellige Summen, sogar sechsstellige Summen für Ausnahmespielerinnen schon gegeben hat. Im Normalfall bewegen sich Ablösesummen aber eher noch in Höhe von Ausbildungsentschädigungen.

Kann man da als Spielerberater oder Manager etwas verdienen?

Zum Glück, ja. Man muss ja auch von etwas leben. In Dimensionen wie bei den Männern darf man da aber nicht denken.

Waren Sie auch beim Wechsel von Manuela Zinsberger von Bayern München zu Arsenal involviert?

Ja, es zählt zu meinen Aufgaben, so einen Transfer zu realisieren. Als Berater oder Vermittler helfe ich bei Vertragsabschlüssen. Ich entwickle Karrierepläne mit den Spielerinnen und lege zudem einen besonderen Fokus auf die Persönlichkeitsentwicklung. Auch die Vermarktung spielt eine Rolle. Manuela Zinsberger hat zum Beispiel langfristige Verträge mit Puma und Coca-Cola.

Wie geht so ein Transfer vor sich?

Manuela hat sich bei der EM 2017 in den Mittelpunkt gespielt. Ab diesem Zeitpunkt hatten sie mehrere internationale Topvereine auf dem Zettel, schon damals gab es Anfragen. Aber Manuela wollte sich beim FC Bayern als Nummer eins durchsetzen und etablieren. Das hat sie eindrucksvoll geschafft. Jetzt hatte sie das Gefühl, dass es Zeit für den nächsten Karriereschritt ist.

Und den nächsten Schritt können die Spielerinnen nicht in Deutschland machen?

Manuela hat dem FC Bayern viel zu verdanken, natürlich wäre eine Weiterentwicklung auch in München möglich gewesen. Aber Manuela ruht sich nie auf Erreichtem aus, sondern fordert sich immer wieder heraus. Das zeichnet sie aus. Dabei wird oft vergessen, dass sie erst 23 Jahre alt ist. Ich bin mir sicher, dass sie der Schritt zum englischen Meister noch einmal auf ein anderes Niveau heben wird. Arsenal ist aktuell einer der ganz großen Klubs in Europa.

Und die anderen großen Klubs sind...?

Die Entwicklung geht dahin, dass sich bei den besten Männerteams auch die besten Frauenteams entwickeln. In Frankreich dominieren Lyon und Paris, in Spanien geht nichts über Barcelona, in England sind Manchester City, Chelsea und eben Arsenal absolut top. In Deutschland ist Wolfsburg das Maß der Dinge, dahinter kommt Bayern München.

Wie sind Sie dazu gekommen, Fußballerinnen zu beraten?

Während ich noch als Journalist über das Männerteam des FC Bayern München berichtete, lernte ich auch die FCB-Frauen besser kennen und ihre Leidenschaft für ihren Sport schätzen. Österreichs Teamspielerin Carina Wenninger zählt schon seit vielen Jahren zu meinem privaten Freundeskreis. Ich habe schnell festgestellt: Die Frauen sind auf dem Platz Profis, daneben aber Amateure. Das passte für mich nicht zusammen. Ich entwickelte den Ansporn, dies zu ändern.

Women's World Cup - Group D - England v Argentina

Amateure sind die Frauen in Österreich.

Für mich sind es Profis, die lediglich wie Amateure bezahlt werden und daher nebenbei noch anderen Tätigkeiten nachgehen müssen. Was sie für den Fußball auf sich nehmen, ist bemerkenswert. Österreich hat sicherlich das Problem, dass die Leistungsdichte im Land nicht enorm ist und daher viele Spielerinnen schon in jungen Jahren ins Ausland wechseln, um sich dort auf einem sehr hohen Niveau bestmöglich entwickeln zu können.

Entgeht Ihnen viel Geld, weil Österreich bei der Weltmeisterschaft nicht dabei ist?

Darum geht es nicht. Österreich müsste von der Leistungsstärke her dabei sein, aber die Anzahl europäischer Teams ist bei einer WM eben begrenzt. Die Leistungsdichte ist bei einer EM möglicherweise sogar höher.

Und da sollte Österreich in zwei Jahren wieder dabei sein.

Unbedingt. Ich gehe fest von der Qualifikation aus. Die EM wird noch einmal ein Highlight für die aktuelle Spielerinnengeneration, die 2021 in England wie schon 2017 in den Niederlanden eine wichtige Rolle spielen kann. Zinsberger, Aschauer, Feiersinger, Zadrazil, Wenninger, Kirchberger – Österreich hat so viele tolle Typen in der Nationalmannschaft.