Sport | Fußball
23.11.2018

Fauler Arnautovic? Ein Blick ins Detail verrät das Gegenteil

Österreichs Star ist in England Nachzügler in der Distanz. Aber darauf kommt es nicht an.

Marko Arnautovic polarisiert. Der 29-Jährige ist ebenso gern gefeierter Held für die einen wie der Buhmann für die anderen, die mit dem extravaganten Ausnahmekicker nichts anfangen können.

Genau jene fühlen sich womöglich seit Donnerstag bestätigt. Denn da veröffentlichte die englische Tageszeitung The Guardian einen Bericht über die Laufwerte der Premier-League-Kicker nach den bisherigen zwölf Runden. Demnach läuft der Österreicher am drittwenigsten aller Spieler der Liga, nämlich „nur“ 9,2 Kilometer im Schnitt in 90 Minuten. Lediglich Verteidiger Bruno Manga von Cardiff City (8,9 km) und Stürmer Anthony Martial von Manchester United (9,0 km) laufen demnach weniger.

Spitzenläufer ist N’Golo Kanté vom FC Chelsea, der bisher im Schnitt 11,8 km zurücklegt hat. Kanté ist im zentralen Mittelfeld zu Hause, auf dieser Position spielen neun der besten Zehn.

Verwunderung

Ausgewertet wurden die Daten von den Analytikern von Opta Sports, die weltweit Zahlen für 30 Sportarten in 70 Ländern liefern. Philipp Ertl, Österreich-Chef von Opta, ist über die daraus resultierende Berichterstattung verwundert: „In dem Artikel werden die offiziellen Tracking-Daten der Premier League aufgelistet. Opta hat nie behauptet, dass Marko Arnautovic zu den faulsten Spielern der Premiere League gehört. Dieses Beispiel zeigt, wie Zahlen immer wieder falsch interpretiert werden.“

In der Tat wurde der Artikel des Guardian auch in Österreich übernommen. „Arnautovic steht herum wie kaum ein Zweiter“, wurde etwa getitelt. Oder: „Arnautovic ist einer der Faulsten.“.

Die schlechte Nachricht für alle Arnautovic-Basher ist jedoch: Die Gesamtlaufdistanz eines Spielers im Fußball hat wenig Aussagekraft. Das bestätigt auch Gerhard Zallinger, seit 2000 als Athletiktrainer beim ÖFB und seit 2011 für die körperliche Verfassung der A-Teamspieler verantwortlich. „Das sind Bruttokriterien, in die man nicht viel hineininterpretieren kann. Wenn jemand sagt, der Marko ist faul, dann ist das weit weg von dem, was wir sehen“, sagt Zallinger über Arnautovic. „Er ist einer, der sehr viele hochintensive Meter zusammenbringt und da zu den Spitzenreitern gehört.“

Das bestätigen auch jene Daten aus der Premier League, die der KURIER von Opta erhalten hat (siehe unten, Anm.). Zallinger erhält nach jedem Training und Spiel des Nationalteams ebensolche Daten. Wie er sie verwertet? „Da gibt es mehrere Möglichkeiten und es geht nicht immer nur darum, ob jemand viel oder wenig gelaufen ist, sondern darum, wie effizient und ökonomisch er ist.“ Deshalb lassen sich diese Daten auch exakt unterteilen, etwa in verschiedene Phasen des Spiels. „So lässt sich bewerten, ob sich ein Spieler etwa im Pressing ökonomisch oder aufwendig verhält. Als Trainer willst du ja nicht, dass dein Spieler umsonst irgendwo hin läuft.“

Marko Arnautovic mit einer knallharten Bilanz nach dem Bosnien-Spiel

Entwicklung

Die größte Entwicklung im Fußball habe es auch in exakt jenem Bereich gegeben, in dem Marko Arnautovic seine Qualitäten hat. „Die hochintensiven Läufe haben sich in den letzten fünf bis zehn Jahren dramatisch gesteigert. Was nicht so sehr zunimmt, ist die gesamte Laufleistung. Die ist tendenziell an manchen Positionen sogar zurückgegangen.“ Dementsprechend verändert habe sich auch das Anforderungsprofil an die Fußballer. „Das ist ganz stark in Richtung Sprint- und Mehrfachsprintfähigkeit gegangen.“

Welche Aussagekraft indes die Gesamtlaufdistanz auf die tatsächliche Leistung der Spieler hat, zeigt auch die Tatsache, dass die Stars von Manchester City gesamt nur auf Platz zehn landen, in der Tabelle allerdings wie schon in der Vorsaison ganz vorne weg marschieren.

Kurzum: Wer viel läuft, gewinnt noch lange kein Fußballspiel.

Wo Marko Arnautovic Spitzenwerte hat

Die Experten Gerhard Zallinger und Philipp Ertl sind sich einig: Marko Arnautovic hat andere Aufgaben, als große Distanzen zurückzulegen. Er muss zum richtigen Zeitpunkt in  gefährlichen Zonen sein. Um das zu erreichen, muss er  viele Sprints und hochintensive Läufe hinlegen, die sehr kräfteraubend sind.

Dass ihm dies gelingt, zeigen folgende Zahlen, die der KURIER von Opta Sports erhalten hat: Marko Arnautovic hat 18 Prozent seiner Ballaktionen im gegnerischen Strafraum – der dritthöchste Anteil in der Premier League. Arnautovic kommt alle elf Minuten im gegnerischen Strafraum an den Ball – Platz fünf in der Premier League. Vor ihm liegen drei Spieler von Manchester City (SanéSterling, Agüero) und Salah vom FC Liverpool.

Arnautovic bringt im Schnitt 1,77 Schüsse pro Spiel direkt auf das Tor – Platz drei unter den Premier-League-Stürmern.

In der österreichischen Bundesliga kann Munas Dabbur vergleichbare Werte aufweisen. Um in der Premier League in einer ähnlichen Frequenz im Strafraum an den Ball zu kommen, bedarf es neben dem richtigen Riecher einer gehörigen Portion an Einsatz und Durchsetzungsvermögen.

Marko Arnautovic legt im Vergleich mit seinen Stürmerkollegen in der Premier League pro Spiel die sechstmeisten Sprints hin. Und zwar 18 an der Zahl. Angeführt wird die Wertung erneut von einem ManCity-Spieler: Raheem Sterling sprintet 23 Mal pro Partie.