Sport | Fußball
12.09.2018

Ernüchterung beim ÖFB-Team nach "Lehrstunde" in Bosnien

Kapitän Arnautovic sprach davon, dass "jeder einmal einen schlechten Tag hat", Prödl sah mehr als das.

Bei Österreichs Fußball-Teamspielern hat sich am Dienstag große Ernüchterung breitgemacht. Nach zumeist vielversprechenden Testspielen ging der Nations-League-Auftakt gegen Bosnien-Herzegowina mit 0:1 verloren, womit für den angepeilten Gruppenplatz eins wohl drei Siege aus den drei ausstehenden Partien nötig sind.

Marko Arnautovic sprach in Zenica von einer "komplett unverdienten Niederlage. Wir haben überhaupt nicht gut gespielt, aber Bosnien auch nicht. Ein Unentschieden wäre gerecht gewesen. Wir haben schlecht gespielt und trotzdem das Match dominiert", sagte der West-Ham-Profi.

Pfiffe interessieren Arnautovic nicht

Der Leistungsabfall passierte ausgerechnet in der ersten Bewerbspartie unter Teamchef Franco Foda. "Jeder hat einmal einen schlechten Tag. Wir hatten ihn heute", meinte Arnautovic. Der Wiener ärgerte sich über seiner Meinung nach viele strittige Schiedsrichter-Entscheidungen. "Bei dem Konter vor dem Tor hat ein bosnischer Verteidiger den Ball mit der Hand gespielt", erklärte der Wiener.

Die Niederlage sei aber nicht nur auf den Referee zurückzuführen. "In der ersten Hälfte haben wir zu viele lange Bälle gespielt, das hätten wir nicht tun dürfen. In der zweiten Hälfte war es besser, da hatten wir auch ein paar Chancen", erzählte der erstmals als ÖFB-Kapitän eingelaufene Arnautovic, der wegen seiner serbischen Wurzeln vom bosnischen Publikum ausgepfiffen wurde. "Wenn die Leute meinen, sie müssen mich ausbuhen, dann sollen sie es tun. Mich interessiert das nicht."

Vielmehr war der 29-Jährige daran interessiert, den Teamspirit innerhalb der österreichischen Auswahl hervorzuheben. "Wir haben eine super Mannschaft, wir halten immer zusammen, machen auch alles zusammen. An der Einstellung ist es nicht gelegen, doch es hat ein bisschen die Aggressivität gefehlt, dass wir die zweiten Bälle gewinnen."

Vorhandene Qualität

Arnautovic wehrte sich allerdings auch gegen Kritik. "Wir können negativ reden bis zum geht nicht mehr, doch ich rede nicht negativ. Wir haben das Spiel verloren, versuchen, die nächsten drei zu gewinnen, und die Geschichte hat sich. Ich weiß, was meine Mannschaft kann. Ich weiß, dass wir genug Qualität haben, die nächsten Spiele zu gewinnen."

Dieser Meinung schloss sich Sebastian Prödl an. "Noch ist nichts verloren. Wir haben noch drei Partien, davon zwei daheim", erinnerte der Steirer. "Wir haben immer noch zwei Bewerbe, in denen wir gute Chancen haben, uns für die EM zu qualifizieren."

KURIER-Noten für die Teamspieler: 

KURIER-Noten für die Teamspieler

1/13

Heinz Lindner Ihm unterlief eine verunglückte Faustabwehr, ansonsten wurde der Tormann bis zum 0:1 wenig geprüft. Abschläge werden nicht mehr seine Stärke.  KURIER-Note: 4

Stefan Ilsanker Begann stark und aufmerksam, vor allem in den Duellen mit Dzeko. Beging in Folge auch Flüchtigkeitsfehler. In Sachen Einsatz war der Leipziger vorbildlich wie immer, beim 0:1 war das Verlassen der Dreierkette aber nicht erfolgreich.  KURIER-Note: 3

Sebastian Prödl Dem Abwehrchef war seine fehlende Spielpraxis nicht anzusehen, er dirigierte die Nebenleute, hatte auch Dzeko lange fest im Griff. Bis zum bitteren 0:1. KURIER-Note: 3

Martin Hinteregger (Bild, 2. vo. re.) Der Linksfuß sah früh die Gelbe Karte, ließ sich davon auch nicht aus der Ruhe bringen. Das Herausspielen beherrscht er am besten. KURIER-Note: 3

Stefan Lainer Rackerte und versuchte auch sein Heil in der Offensive, allein der Durchbruch ließ auf sich warten. KURIER-Note: 3

Florian Grillitsch Seine primäre Aufgabe war das Stopfen von Löchern im zentralen Mittelfeld, wovon es immer wieder welche gab. Der Hoffenheimer erledigte seinen Part verlässlich. KURIER-Note: 3

Peter Zulj Offensiv hatte er zwei ungefährliche Schüsse vorzuweisen, kam nicht wie gewünscht in die Zweikämpfe und nach dem Wechsel auch in der Offensive kaum zur Geltung. KURIER-Note: 4

David Alaba Er begann stark, flink auf den Beinen, wendig im Kopf, stand oft frei, wurde zu selten angespielt. Fiel wie das Kollektiv dann zurück und offenbarte auch defensiv Schwächen. KURIER-Note: 4

Valentino Lazaro Der Berlin-Legionär fiel durch Technik und flinke Läufe auf, versuchte die gegnerische Abwehr immer wieder unter Druck zu setzen. Dank seiner Technik hatte er gute Aktionen, einmal den Torjubel auf den Lippen, allein er stand dabei im Abseits. In Minute 95 verhinderte er zumindest das 0:2. KURIER-Note: 3

Michael Gregoritsch Der Stürmer fand nie ins Spiel und somit auch keine Torchance vor. Er wurde oft mit hohen Bällen angespielt, verlor dabei fast alle Duelle, beim Attackieren fehlte oft das Timing. Ein guter Pass auf Arnautovic ist einfach viel zu wenig. KURIER-Note: 5

Marko Arnautovic Er wollte den Pfiffen des Publikums mit erhöhtem Einsatz trotzen. Lief, arbeitete für das Kollektiv, aber nach vorne machte er diesmal nicht den Unterschied aus, auch weil ihm vom Gegner viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde. KURIER-Note: 3

Marcel Sabitzer Es bleibt dabei: Im Team ist der Joker nicht so prägend wie bei seinem Klub Leipzig. KURIER-Note: 3

Zu kurz im Einsatz: Guido Burgstaller (Bild), Louis Schaub - Die beiden Ex-Rapidler kamen nach dem 0:1, der erwünschte Ausgleich gelang mit den Deutschland-Legionären aber nicht mehr. 

"Die Kritiker sollen kommen"

Um es zur EURO 2020 zu schaffen, müsse man aus dem Auftritt in Zenica die richtigen Lehren ziehen. "Wir haben den Gegner mit unseren eigenen Fehlern stark gemacht. In solchen Stadien gegen solche Mannschaften bestehst du nur, wenn du die Oberhand in den Zweikämpfen hast, und die haben wir vermissen lassen", erklärte Prödl.

Man habe in beiden Hälften jeweils gute erste 20 Minuten absolviert, dann aber den Faden verloren. "Die Niederlage ist nicht den Bosniern zuzuschreiben, die müssen wir uns selbst ankreiden", ärgerte sich der Watford-Legionär. "Das war heute keine Eigenwerbung, sondern eine Lehrstunde - keine Lehrstunde von den Bosniern, sondern, wie man es am besten nicht mehr machen soll."

Der Innenverteidiger ist nun auf spürbaren Gegenwind seitens der Öffentlichkeit eingestellt. "Aber die Kritiker sollen kommen. Wenn wir nach so einem Spiel nicht selbst unsere schärfsten Kritiker sind, sind wir sehr dünnhäutig und fernab der Realität", meinte Prödl.

Bei aller Enttäuschung dürfe man jedoch die positiven Leistungen der vergangenen Monate nicht vergessen. Es wäre falsch, "die ganze Euphorie und das ganze Selbstbewusstsein wegzudenken", mahnte der 31-Jährige. "Wir dürfen nicht den Kopf in den Sand stecken, denn wir haben gesehen, dass die Bosnier auch nicht besser sind als wir."

Prödl fälschte beim entscheidenden Tor durch Edin Dzeko den Ball noch leicht ab. Trotzdem wäre der Treffer möglicherweise zu verhindern gewesen, gestand ÖFB-Goalie Heinz Lindner. "An einem guten Tag kann ich den Schuss halten."

So geht's weiter

Chance zur Wiedergutmachung haben der Oberösterreicher und seine Teamkollegen bereits am 12. Oktober im Heimspiel gegen das ebenfalls noch punktlose Nordirland. Vier Tage später steigt ein Auswärts-Testmatch gegen Dänemark.

Die Nations-League-Gruppenphase wird im November mit den Partien gegen Bosnien (15./heim) und Nordirland (18./auswärts) abgeschlossen. Gruppenplatz eins, der bei Punktegleichheit durch das direkte Duell ermittelt wird, berechtigt im Bedarfsfall zur Teilnahme am Nations-League-Play-off um ein EM-Ticket und zum Aufstieg in Liga A. Das Schlusslicht muss in Liga C und rutscht bei der Auslosung für die EM-Qualifikation in Topf drei.

Bosnische Pressestimmen:

Oslobodjenje: "Die Mannschaft Bosnien-Herzegowinas hat das Match nicht allzu gut gestartet. Österreich ist es in der frühen Spielphase gelungen, die Oberhand zu gewinnen. Unser Team hat ein riesiges Problem gehabt, den Ball weiter zu bringen und das Spiel zu organisieren. Österreich war nicht allzu gefährlich vor dem Tor, unserem Team ist es nach zwanzig Minuten allerdings gelungen, das Gleichgewicht auf dem Terrain herzustellen und danach zum besseren Team auf dem Spielfeld zu werden."

Nezavisne novine: "Die Fußballmannschaft Bosnien-Herzegowinas hat auch einen zweiten Sieg in der Nations League verbucht und einen großen Schritt zur Eroberung des ersten Platzes in der Gruppe 3 der B-Liga und zum Eintritt in die elitäre A-Liga gemacht. Die Drachen haben in Zenica Österreich mit 1:0 besiegt, der Held war erneut Edin Dzeko. "

Klix.ba (Online-Portal): "Womöglich wird von Bosnien-Herzegowina bereits jetzt ein wesentlich besseres Spiel erwartet. Es fällt nicht schwer zuzugeben, dass die Resultate aus den letzten zwei Spielen nicht dem Geleisteten entsprachen - die Ergebnisse sind wesentlich besser als das Spiel selbst. Es geht darum, dass diese Mannschaft mit ihrer Spielerqualität nicht fähig ist, Großes zu erreichen, bzw. dass jeder große Erfolg in der Tat eine große Überraschung wäre."