EM-Porträt: Boomtown Breslau
Dass in Breslau (polnisch: Wroclaw) bald der Ball rollen wird, ist nicht zu übersehen: Arbeiter hängen UEFA-Schilder für das bevorstehende Match zwischen Russen und Tschechen auf. In der Altstadt stehen schon die Absperrgitter für die Fan-Zone bereit. Mit ihren Preisen haben die Hotels in der malerischen Stadt an der Oder so überzogen, dass Kurzentschlossene noch immer leicht ein Zimmer finden.
Viele Breslauer lachen darüber, sie nehmen die Fußball-EM gelassen – denn die Stadt macht ihr neu erwachtes Selbstbewusstsein nicht vom Sport-Event abhängig.
Die viertgrößte polnische Stadt mit ihren 640.000 Einwohnern blüht auf. Rund um die historische Altstadt mit ihrem gotischen Backsteingemäuer haben sich in den vergangenen Jahren Firmen mit modernen Glaspalästen angesiedelt: IBM, HP, LG und Google, um nur die großen IT-Unternehmen zu nennen. Insgesamt sind in der Region an die 150.000 neue Arbeitsplätze seit dem EU-Beitritt Polens im Jahr 2004 entstanden.
Geglückte Fusion
Manchmal gelingt auch die Fusion zwischen Alt und Neu: Krystian Piecko greift mit seinem Unternehmen „piLab" gerade den Archiven der Stadt unter die Arme. Der Informatiker mit der Nerd-Brille hat eine Suchmaschine entwickelt, die die sogenannten „Information Clouds", die im Internet verfügbaren Daten, in dreidimensionalen Strukturen darstellen kann.
Das Gespräch mit dem energischen jungen Mann findet auf einem Sofa im Gang des „Technologie-Parks" statt, einer Unternehmensplattform, deren Anteile zu 90 Prozent der Stadt Breslau gehören. Hier rauschen Menschen mit flippigen T-Shirts und Laptop-Taschen vorbei, man ist per Du.
In einem Großraum stehen Tische mit Computern und Laptops. „Jeder Tisch ist eine Firma", erklärt
Piotr Gardecki, der Assistent der Geschäftsleitung. Wir sind in der Sektion „Unternehmens-Inkubation". Hier kann man sich mit einer Geschäftsidee bewerben und bekommt dann für zwei Jahre einen Platz zugeteilt. Ein Tisch kostet nur 30 Euro pro Monat – dank EU-Geldern, der Andrang ist groß.
Der Informatiker Piecko hat schon einen eigenen Raum und beschäftigt zwölf Mitarbeiter, im Juli wird das Unternehmen an die Börse gehen. Was macht Breslau für die jungen Selbstständigen so attraktiv? „Wir sind näher an Berlin als an Warschau", so Piecko, „zudem ist man hier als Neuling schnell willkommen."
Geschäftsidee
Angela Halewicz, die an dem Tresen des hippen Altstadt-Kellerclubs „Synergia" ein Zitronengetränk schlürft, hat noch andere Erklärungen für die vielen Selbstständigen: In der Universitätsstadt Breslau mit ihren insgesamt 100.000 Studenten gibt es viele Junge, die sich mit Jobs über Wasser halten müssen. Zudem hätten aber auch Frauen, die ein Kind bekommen und ihren alten Job verloren haben, oft keine andere Wahl, als sich selber einen Job zu schaffen. Jedes vierte Kleinunternehmen im Land wurde 2011 von oder unter Beteiligung einer Polin gegründet.
Die 28-jährige Halewicz studierte internationale Beziehungen und half beim Entwerfen von Geschäftsideen, die Aussichten auf EU-Gelder zu verbessern. Als sie selbst einen Entwurf einreichte und eine Finanzierung gewann, ergriff sie die Chance. Sie eröffnete den Club „Synergia", der sich durch Cocktailrezepte aus vergangenen Zeiten auszeichnet – sowie durch die Hilfe aus Brüssel.
Zudem gründete Halewicz mit ihrer Freundin Justyna Mankowska einen „Audiodeskriptionsverein". Dessen Mitglieder beschreiben Blinden mit Kopfhörern Kulturereignisse. Makowska ging nun noch einen Schritt weiter: Während der Fußball-Europameisterschaft wird sie blinden polnischen Fans im Stadion erklären, wohin sich der Ball gerade bewegt.
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