Yann Benjamin Kugel 2014 mit Philipp Lahm

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Interview
10/10/2019

Der Fitnesscoach der Weltmeister: "Belastung ist an der Grenze"

Yann Benjamin Kugel, Athletik-Trainer der Deutschen vom WM-Titel 2014 sorgt heute bei Österreichs Gegner Israel für die Fitness.

von Andreas Heidenreich

Andreas Herzog und Willi Ruttensteiner lassen nichts unversucht. Im Sommer hat das Duo Yann Benjamin Kugel für den Israelischen Fußballverband gewonnen. Der 39-Jährige kann als ehemaliger Athletik-Coach von Werder Bremen, Köln und dem DFB viel erzählen über die Fitness der Fußballer. Am Donnerstagabend ist er im Wiener Ernst-Happel-Stadion in der EM-Qualifikation Gegner der Österreicher.

KURIER: Sie arbeiten seit Montag mit den Spielern. Was passiert in den drei Tagen bis zum Spiel?

Yann Benjamin Kugel: Wir haben Spieler, die bei den Klubs nicht viel spielen. Daher geht es einerseits darum, eine gewisse Belastung zu produzieren. Und dann gibt es Spieler, die viel gespielt haben. Das ist die Herausforderung mit jeder Nationalmannschaft. Ich bekomme die Spieler von unterschiedlichen Ausgangspunkten und muss das Team in Abstimmung mit Andi Herzog auf den Tag X so zusammenführen, dass es vorbereitet ist.

Wer mehr läuft, gewinnt. Ein Irrglaube aus längst vergangenen Fußballzeiten?

Die erhobenen Laufdaten sind mit ganz viel Vorsicht zu genießen. Weil es extrem großen Unterschied macht, wie die Mannschaft vom Trainer taktisch eingestellt wird. Wer mehr auf Konter spielt, denn auf Ballbesitz, hat mehr intensive Läufe, aber dafür in der Gesamtdistanz nicht ganz so große Zahlen. Daher ist es nicht immer gut, wenn eine Mannschaft viele Kilometer herunterspult. Und es ist definitiv kein Garant für Erfolge. Es gibt genug Spiele, die jene Mannschaft gewonnen hat, die weniger gelaufen ist.

Wie hat sich Fußball-Konditionstraining in den letzten zehn Jahren verändert?

Bei der WM 2006 hat Jürgen Klinsmann mit Fitnesstrainer Mark Verstegen für uns Sportwissenschaftler und Athletiktrainer die Tore im europäischen Fußball aufgestoßen. Davor gab es zwar ein paar Fitnesstrainer, aber das war alles auf Sparflamme. 2006 hat es begonnen, dass Fußballer auch als Athleten gesehen werden. Die Hauptentwicklung ist, dass der Fußballer sich selbst als Athlet begreift und sich mit seinem Beruf auseinandersetzt. Verglichen mit anderen Sportarten ist da noch Potenzial. Aber ein Top-Athlet im Fußball kann heute etwas über Ernährung oder Regeneration erzählen. Er weiß, wie Krafttraining funktioniert und vielleicht sogar, was Superkompensation ist. Das sollte eigentlich normal sein. Das ist mein Beruf, damit muss ich mich auseinandersetzen. Aber ich sehe hier eine positive Entwicklung.

Meisterschaft, Cup, Champions League. Große Spieler spielen fast alle drei Tage. Wie beurteilen Sie die Mehrfachbelastung?

Grundsätzlich ist der Terminkalender schon sehr eng. Viel mehr darf es nicht werden. Die Belastung ist an einer Grenze angekommen, gerade für Spieler, die Champions- und Premier League spielen. Eine große Rolle spielt aber auch der mentale Faktor, diese Fähigkeit, über so einen langen Zeitraum immer wieder auf den Punkt konzentriert zu sein. Das ist etwas, was dem Menschen unglaublich viel abverlangt. Das kennen wir alle auch aus dem beruflichen Alltag. Da muss man irgendwann einen Riegel vorschieben.

Laut Wikipedia hat Ihr Engagement beim 1. FC Köln geendet, weil die Vertrauensbasis mit Peter Stöger dahin war. Was war da los?

Wir haben sehr lange, sehr gut miteinander gearbeitet. Wenn es dann einmal nicht mehr läuft, gibt es viele Dinge, die vorher funktioniert haben und plötzlich nicht mehr funktionieren. In so einer Situation gibt es niemanden, der keinen Fehler gemacht hat. Heute schau’ ich auf diese wunderbare Zeit nur positiv zurück.