Der EURO-phorie auf der Spur
Wer die Europameisterschaft sucht, der braucht gute Augen oder ein Navigationsgerät. Am besten beides. 48 Stunden vor dem offiziellen Anpfiff des Turniers mit der Partie Polen – Griechenland (Freitag, 18 Uhr, live ORF eins) hat sich die EURO im Gastgeberland versteckt. Sie ist kaum auszumachen, wer nach Polen einreist, egal ob nun aus Deutschland oder aus der Slowakei, den empfängt am Grenzübergang ein briefmarkengroßes Plakat. Understatement?
Nebengeräusche
Der erste Eindruck passt zur seltsamen Stimmungslage im Vorfeld dieser EURO. Wo Vorfreude erwartet wird, da schlägt einem mitunter Skepsis entgegen; wo Stars und Tore im Mittelpunkt stehen sollen, da gerät der Fußball ein wenig ins Abseits. Das eine Gastgeberland, die Ukraine, machte mit Verletzungen der Menschenrechte, horrenden Hotelpreisen und tobenden Straßenhunden negative Schlagzeilen.
Beim Nachbarn Polen machten wiederum Oppositionspolitiker gegen die EM-Endrunde mobil, weil etliche Bauprojekte nicht rechtzeitig zum Turnierstart fertig geworden sind. An einigen Autobahnabschnitten, die bereits in Straßenkarten eingetragen sind, haben in Polen noch die Planierraupen Vorfahrt, und in Warschau drohen 40 Baufirmen mit einer Blockade des EM-Stadions, weil ihre Rechnungen immer noch nicht beglichen worden sind.
"Die Politiker sollten sich aus dem Fußball raushalten", meint
Jacek, der Barkeeper in der Danziger Fußgängerzone. Vor seinem Lokal vertreten sich drei unterbeschäftigte Volunteers die Beine, im Radio rennen Uralt-Livereportagen von längst verjährten polnischen Fußball-Erfolgen, der Barkeeper selbst wartet 72 Stunden vor dem Auftakt noch vergeblich auf die Euros der ersten EURO-Touristen. "Ich bin mir nicht sicher, ob wirklich so viele Fans kommen, wie die Politiker sagen. Ich freue mich auf den Juli, da sind Ferien und Danzig ist dann voll mit Polen."
Das schlechte Wetter trägt zur schlechten Stimmung bei. In Danzig haben die Menschen die Winterjacken ausgepackt, bei Temperaturen um die acht Grad fällt es doppelt schwer, sich für die EM zu erwärmen. Das bemerkt auch der Student, der in der Fußgängerzone Fanartikel unter die Leute bringen will. "Ich bin vorsichtig optimistisch", lächelt er, "wenn Polen das erste Spiel gewinnen sollte, dann wird’s sicher rundgehen."
Fahnentanz
Dann, aber nur dann, will auch Jacek Flagge zeigen. Der Barkeeper hat sich vor Kurzem eine polnische Fahne für sein Auto zugelegt. Doch vorerst sind in den polnischen Städten wie
Danzig, Kattowitz oder Rzeszow die Menschen, die für das Turnier und für ihre Mannschaft öffentlich Farbe bekennen, noch in der Minderheit.
Da lassen sich die Polen schon wesentlich leichter für die Stars der Konkurrenz begeistern: Die Show-Trainings der Deutschen (in Danzig) und der Niederländer (in Krakau) lockten Zehntausende Fans an. Und die erste Übungseinheit der Mannschaft von Joachim Löw war sogar ausverkauft.
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