Blut und Scherben bei der EURO

Ein Mann liegt auf dem Boden, umringt von Polizisten in Schutzausrüstung.
Nicht nur Fußball: Die Krawalle in Warschau zeigen wieder, dass das Verhältnis Polen – Russland historisch belastet ist.

Bolschewik! Rotes Schwein!" schreien auf Polnisch rund zehn glatzköpfige Männer, die einen langhaarigen Russen mit Tritten malträtieren, bis er scheinbar leblos liegen bleibt. Danach rennen sie weg, die Polizei ist in der Unterzahl, Journalisten sind scheinbar nicht in Sicht.

Die Ausschreitungen vor dem Gruppenspiel Polen Russland überschatten im EM-Gastgeberland Polen die Freude über das 1:1 gegen den Favoriten. Die Innenstadt glich einem Schlachtfeld: Auf der für Autos gesperrten Brücke zum Stadion kam es immer wieder zu Angriffen mit Fäusten und Böller auf russische Fans, die zurückkeilten.

Der Bereich um die Fanzone in der Stadtmitte war ein Scherbenmeer, auf dem Polizisten Hooligans jagten und prügelten. "Was schlagt ihr uns, schlagt die Ruskis, ihr Verräter!" schrie ihnen ein drahtiger Fan an den Helm. Eine Blutlache bildete ungewollt zusammen mit einem Zebrastreifen weiß-rot, die polnische Fahne.

Aggressiv

Ein Mann mit polnischen Flaggen auf den Wangen wird auf einer Straße angegriffen.

Die polnische Polizei nahm über 180 Personen fest, davon 150 Landsleute, es gab zehn ernsthaft Verletzte. Das Land, das eine weltoffene Fußballparty versprach, hat Dank der bilateralen Straßenschlachten nun ein Image-Problem. Sorgenvoll zitierten am Mittwoch Polens Journalisten die aktuelle Berichterstattung aus dem Ausland.

Das Verhältnis beider Länder ist traditionell belastet. Polen wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Wende 1989 vom Kreml der Sozialismus verordnet. Dabei war Sport während der Ostblockzeit mit ihrer verordneten polnisch-sowjetischen Freundschaft, das einzige Ventil, Emotionen auszuleben.

Auch antirussische. Und nirgends lassen sich Antipathie und Sympathie besser ausdrücken, als beim Massenphänomen Fußball. So ist noch heute das 0:0 bei der WM 1982 gegen die Sowjetunion im polnischen Bewusstsein fest verankert. Mit diesem Unentschieden mussten die Moskowiter nach der zweiten Finalrunde ausscheiden.

Als neuer Konfliktpunkt gilt der Flugzeugabsturz von Smolensk. Dort kamen am 10. April 2010 der damalige Staatspräsident und die 95-köpfige Entourage ums Leben. "Wir geben nicht auf, bevor wir nicht die Wahrheit über Smolensk erfahren haben" rief sein Bruder Jaroslaw Kaczynski vor dem Präsidentenpalast am vergangenen Sonntag seinen versammelten 2000 Getreuen zu.

Signal zum Angriff

Die Anhänger des ehemaligen Premiers und Chef der nationalkonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) glauben, dass der Absturz absichtlich herbeigeführt wurde. "Unser Präsident in Russland ermordet" lasen auf Englisch die russischen Fans, die auf das Stadion zumarschierten.

Rechts von der PiS hat sich eine Szene von Radikalen und Hooligans entwickelt, die sich an den faschistischen Bewegungen Polens aus den Dreißigerjahren orientiert. Sie betrachten auch die konservativ-liberale Regierung als "Kommunisten" die gegenüber Russland eine zu weiche Linie führten.

Da der 12. Juni der "Tag Russlands" ist, gefeiert wird die Unabhängigkeitserklärung, konnte Aleksandr Schprygin, Chef des "allrussischen Bundes der Fußballfans" einen Marsch vom Warschauer Rathaus auf das Stadion durchsetzen. Dies wurde von vielen Polen abgelehnt, für Radikale war es das Signal zum Angriff.

Freundlich

Die meisten Russen verstehen die polnischen Vorbehalte nicht und neben den Angriffen der Rechten erlebten viele auch ein gastfreundliches Land. Beim Gang zum Stadion wurden Fotos Arm in Arm geschossen und geplaudert.

Auch Kyrill Katov, den der KURIER am Freitag nach dem Match RusslandTschechien befragte, war angetan von Warschau. Der 45-jährige Fußballfan aus Moskau ist erstmals auf Besuch, stets trägt er das Trikot der russischen Nationalmannschaft. "Sehr herzlich, sehr freundlich sind die Warschauer, sie haben mir auch den Weg zum Sowjetdenkmal gezeigt" meinte Katov lächelnd.

Dass man den heutigen Nachbarn Russland immer noch mit seinem Vorgänger Sowjetunion gleichsetzt, zeigt übrigens ein Fauxpas der Abendnachrichten des Staatsfernsehens TVP – dort wurde am Dienstag bei der Bekanntgabe des Remis die Fahne mit Hammer und Sichel gezeigt.

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