"Alle werden sich in Polen verlieben"

Jerzy Brzeczek war elf Jahre lang Legionär in Österreich. Bei der EM ist sein Neffe Polens Kapitän.
Ein Fußballspieler jubelt mit ausgestreckten Armen auf dem Spielfeld.

Jerzy Brzeczek ist ein gefragter Mann. Wer einmal die polnische Nationalmannschaft als Kapitän auf die Spielfelder geführt hat, der rückt in EURO-Zeiten wie diesen zwangsläufig in den Mittelpunkt. Und wenn er wie Brzeczek, 41, obendrein auch noch der Onkel des aktuellen Teamkapitäns des Gastgebers ist, dann wird die Verwandtschaft auf eine harte Probe gestellt. "Ständig klingelt das Telefon", schmunzelt der langjährige Österreich-Legionär Brzeczek, der Onkel von Dortmund-Star Jakub Blaszczykowski. "Das hat es noch nie gegeben: Zwei Kapitäne, die aus dem gleichen Ort kommen. Wir sind in Truskolasy sogar im gleichen Haus geboren."

KURIER: Herr Brzeczek, verraten Sie uns: Wie ist die Stimmung in Ihrer Heimat so kurz vor Anpfiff der EURO?
Jerzy Brzeczek: Bei den Menschen herrscht eine riesige Vorfreude. Die EM-Endrunde ist für Polen eine enorme Chance, um unser Land zu präsentieren. Leider hat sich die Politik zu sehr eingemischt und will nun Kapital aus der EM schlagen.

Inwiefern?
Es gibt Oppositionspolitiker, die schon seit Wochen das Turnier kritisieren. Die regen sich auf, dass die Infrastruktur nicht fertig geworden ist, dass zu viel Geld ausgegeben wurde, und, und, und. Was mich daran so ärgert: Jan Tomaszewski, der jetzt als Politiker so viel negative Stimmung macht, hat früher selbst im Nationalteam gespielt. Diese Einstellung ist mir unverständlich. Viele verstehen nicht, was für eine riesige Chance das für Polen ist.

Im EM-Partnerland Ukraine ist die Stimmung auch nicht rosig. Stichwort: Julia Timoschenko.
Man kann die Situation sicher nicht vergleichen. Aber ein Hauptproblem ist in der Ukraine das gleiche: Wieso mischt sich die Politik plötzlich so in den Sport ein?

Haben Sie eine Erklärung?
Ich kann jedenfalls nicht nachvollziehen, dass viele internationale Politiker die EM boykottieren. Denn dann hätten genau dieselben Politiker auch die Olympischen Spiele 2008 in Peking boykottieren müssen. Damals hat aber keiner was gesagt, und jetzt regen sich bei der Ukraine alle auf. Weil die Ukraine wirtschaftlich nicht so stark und so wichtig ist wie China? Für mich ist das nur wieder ein Beweis mehr: Die Politik soll besser die Finger vom Sport lassen.

Fensterputzer arbeiten an einem Gebäude mit einem großen Porträt von Robert Lewandowski.

Apropos Sport: Was wird von der polnischen Nationalmannschaft erwartet?
Es ist interessant, wie sich hier die Stimmung gewandelt hat. Vor zwei Jahren hat dieser Mannschaft keiner etwas zugetraut. Nach der Auslosung in diese Gruppe (Polen trifft auf Russland, Tschechien und Griechenland, Anm.) fordern alle den Aufstieg. Einige sagen sogar, die Polen seien der Gruppenfavorit.

Teilen Sie diese Ansicht?
Wir hatten jedenfalls schon lange nicht mehr eine so gute Nationalmannschaft. Die drei Teamspieler von Dortmund sind top, dazu gibt`s etliche Legionäre, die überall in Europa spielen. Ich traue diesem Team jedenfalls alles zu.

Wirklich?
Vielleicht bin ich da auch ein bisschen abergläubisch. 1992 war ich Kapitän, als wir bei Olympia die Silbermedaille gewonnen haben. Zwanzig Jahre später ist jetzt mein Neffe Kuba Kapitän. Vielleicht sind sie ja ähnlich erfolgreich.

Wo sehen Sie den größten Trumpf des Nationalteams?
Das ist mit Sicherheit Robert Lewandowski. Einen Klassestürmer wie ihn hat es bei uns seit Boniek nicht mehr gegeben.

Was können sich die Fans eigentlich von dieser EM in Ihrem Land erwarten?
Polen hat sich in den letzten Jahren extrem verändert. Es ist ein anderes Land, als es oft in Deutschland oder im Ausland gezeigt wird. Da wird viel falsch kommuniziert und oft zeigen sie nur die schlechten Seiten.

Jeder kennt die berühmten Polen-Witze. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Die habe ich mir auch anhören müssen, als ich nach Österreich gekommen bin. Ich kann nur so viel sagen: Die Leute, die nach Polen kommen, werden sich alle in dieses Land verlieben – in die Menschen, in die Städte. Die Österreicher sollten das eigentlich schon bemerkt haben. Jeder Österreicher, der im Tourismus arbeitet, ist froh, dass es die Polen gibt und dass sie in Scharen nach Österreich kommen.

Onkel & Neffe: Zwei polnische Kapitäne

Ein jubelnder Fußballspieler im gelben Trikot von Borussia Dortmund zeigt mit dem Finger nach oben.

Jerzy Brzeczek Der Mittelfeldspieler (*18. März 1971) war elf Jahre als Profi in Österreich aktiv. In der Bundesliga spielte Brzeczek für Tirol (zwei Mal Meister), den LASK, Sturm Graz sowie den FC Kärnten und kam so auf 307 Einsätze. Damit belegt er hinter Patrik Jezek (derzeit Admira) Platz zwei unter den Legionären. Für Polens Team spielte Brzeczek 42-mal.

Jakub Blaszczykowski Der Mittelfeldspieler (*14. Dezember 1985) wechselte 2007 von Wisla Krakau in die Deutsche Bundesliga zu Dortmund. Mit der Borussia gewann er 2011 die Meisterschaft und heuer das Double. Bei der EURO 2008 musste er vor dem ersten Spiel verletzt abreisen. Seit 2010 führt Blaszczykowski die Polen als Kapitän auf das Feld.

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