Sport | Fußball-WM
27.06.2018

Video als "Emotionskiller" - Herzog für Trainer-Challenge

Der ÖFB-Rekordspieler glaubt auch bei einem Aufstieg ins Achtelfinale nicht an den WM-Titel für Deutschland.

Österreichs Rekordnationalspieler Andreas Herzog wünscht sich statt des bisherigen Einsatzes des Videobeweises im Fußball die Einführung einer Einspruchsmöglichkeit für die Trainer. Bei der laufenden WM in Russland greift ein Video-Assistent (VAR) über Funk ein und beeinflusst das Spielgeschehen. Wann er das tut, und wann nicht, hat in den vergangenen Tagen für teils heftige Diskussionen gesorgt.

"Mir wäre lieber, es gibt einmal pro Halbzeit eine Challenge, die vom Trainer ausgeht", erklärte Herzog im Gespräch mit der APA - Austria Presse Agentur. Wenn sich dessen Einspruch nach Videostudium als nicht richtig herausstelle, müsse es allerdings auch "irgendeine Form der Bestrafung" geben. Es könnten etwa die weiteren Challenge-Möglichkeiten gestrichen werden.

Fairer, aber emotionsloser

Herzog hält Eingriffe des VAR nur bei klaren Fehlentscheidungen für sinnvoll. "Es ist eine Frage der Anwendung. Es wird noch Zeit brauchen, bis das alles wirklich gut funktioniert", meinte der 49-Jährige. Seine bisherige Erkenntnis des Video-Einsatzes bei der WM: "Die groben Fehlentscheidungen gibt es nicht mehr. Vielleicht ist es fairer, aber ein Emotionskiller ist es schon."

In Russland gab es bereits kurz nach Turnierhalbzeit mehr Elfmeter als je zuvor bei einer WM. Dass so viele Spiele durch Tore aus Standardsituationen entschieden werden, führt Herzog nicht nur auf den Videobeweis zurück. "Es ist auch eine Folge davon, dass sich so viele Mannschaften auf das Verteidigen konzentrieren." Eine Mannschaft verteidigen zu lassen sei immer einfacher, als nach vorne zu spielen.

Die Topteams würden sich im Turnierverlauf aber noch steigern, meinte der 103-fache Internationale. "Du brauchst ein paar Spiele, um voll zusammengespielt zu sein. Sie werden immer stärker werden." Auch mit Argentinien und Deutschland sei - sofern der Weltmeister die Gruppenphase überstehe - noch zu rechnen.

Beeindruckende Kroaten

Die Titelfavoriten seien aber andere. Herzog nannte Frankreich und Brasilien. Besonders beeindruckt haben ihn bisher die Kroaten. "Auch Belgien und England sind stark - allerdings waren die in der schwächsten Gruppe. Ein paar Mitfavoriten haben schon aufgezeigt, aber ob es auch gegen stärkere Gegner reicht, wird man erst nach der Gruppenphase sehen." Nach Österreich war Herzog bis 2016 auch in den USA als Teamchef-Assistent tätig. Weil sich beide Länder nicht für Russland qualifiziert haben, drückt der Wiener nun England die Daumen.

Auch mit Deutschland fühlt sich der frühere Werder-Bremen- und Bayern-München-Legionär verbunden. An eine erfolgreiche Titelverteidigung glaubt er aber nicht. "So dominant wie Spanien damals sind sie nicht", erinnerte Herzog an die Glanzzeit der Iberer mit drei Titeln in Serie bei der EM 2008, WM 2010 und EM 2012. Ein weiterer Grund für Deutschlands Probleme: "Die Bayern-Spieler sind nicht auf so einem hohen Level wie erwartet."

Schon gegen Ende der Clubsaison sei bei einigen Münchner Akteuren ein "Leistungsabfall" zu beobachten gewesen, einige wie Jerome Boateng hatten mit Verletzungen zu kämpfen. Und dann war da noch die Affäre um die Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem wahlkämpfenden türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Herzog: "Da hätte ich mir schon erwartet, dass sie härter durchgreifen."

Niveauverlust durch WM-Aufstockung

2026 steht die Aufstockung von 32 auf 48 WM-Teams an. Wie viele Beobachter befürchtet Österreichs bisher letzter WM-Torschütze einen gewissen Niveauabfall in der Gruppenphase. "Wenn dann Usbekistan gegen Panama spielt, wird das bis auf die Usbeken und die Panamaer keinen sonderlich interessieren." Auf der anderen Seite hätte auch Österreich eine größere Chance, sich wieder einmal zu qualifizieren.

Die Aufteilung der Startplätze nach Kontinenten sorgt immer wieder für Diskussionen. "Europa hat schon die meiste Qualität", meinte Herzog. Für unterrepräsentiert hält der zweimalige WM-Teilnehmer (1990 und 1998) aber auch Afrika. "Die Qualifikation dort ist brutal." Diesmal seien etwa Schwergewichte wie Kamerun, Ghana oder die Elfenbeinküste auf der Strecke geblieben.

Die bei der Endrunde vertretenen afrikanischen Teams seien bisher aber eine der negativen Überraschungen der WM gewesen. Herzog: "Von denen hätte ich mir mehr erwartet." Nur Senegal kämpft am Donnerstag (16.00 Uhr MESZ/live ORF eins) gegen Kolumbien noch um den Einzug ins Achtelfinale.