Sport | Fußball-WM
23.06.2018

"Geniale Dummköpfe": Schweizer Torjubel sorgt für Wirbel

Der Torjubel von Xherdan Shaqiri ist höchst umstritten. © Bild: REUTERS / GONZALO FUENTES

Umstrittener Torjubel: Die Provokationen von Xhaka und Shaqiri wirken nach. Nun schreitet die FIFA ein.

Das WM-Achtelfinale ist für die Schweiz zum Greifen nahe, doch der provozierende Torjubel von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri beim Sieg gegen Serbien stößt auf Kritik und Unverständnis. Selbst ihr Trainer Vladimir Petkovic konnte seinen Unmut über die Aktion der beiden Profis nicht verbergen. „Man soll Sport und Politik nicht vermischen. Der ganze Verband, das ganze Land vertritt schon seit Jahren die Meinung, dass wir das nicht brauchen“, sagte der Schweizer Coach nach dem hart erkämpften 2:1 (0:1)-Erfolg gegen die Serben.

Die Schweizer Xhaka und Shaqiri haben kosovarische Wurzeln und formten nach ihren Treffern in der 52. und 90. Minute mit den Händen den doppelköpfigen Adler, der die Flagge Albaniens ziert. Serbien erkennt den Kosovo nach wie vor nicht als eigenständiges Land an, was die politische Dimension des umstrittenen Jubels unterstreicht. „Geniale Dummköpfe“, kommentierte das Schweizer Boulevardblatt Blick - und beschrieb damit die große sportliche Klasse des Duos und die kopflose Provokation gleichermaßen.

Xhaka und Shaqiri, die von serbischen und russischen Fans im vollen Kaliningrad-Stadion ausgepfiffen wurden, begründeten ihren Jubel mit der hitzigen Atmosphäre, der Bedeutung des Spiels und ihren großen Emotionen. Nach der frühen Führung der lange überlegenen Serben von Aleksandar Mitrovic (5. Minute) drehten Xhaka und Shaqiri die Partie nach einem Kraftakt. „Es ging hier nicht um Politik, sondern um Fußball“, versicherte der frühere Bayern-Profi Shaqiri, und mochte nicht weiter über den Doppel-Adler-Jubel reden. „Im Fußball sind immer Emotionen. Ich war einfach froh, dass ich so ein wichtiges Tor geschossen habe.“

FIFA leitet Untersuchung ein

Auch der frühere Gladbacher Profi Xhaka versuchte, das Thema herunterzuspielen, räumte aber ein: „Für mich war es ein ganz spezielles Spiel. Tausende Leute, Familie aus der Schweiz, aus Albanien, aus dem Kosovo haben zugesehen“, so der 25-Jährige vom FC Arsenal. Sieg und Tor widmete er „meiner Familie, die mich immer unterstützt“. Der Jubel sei keine Botschaft an den Gegner gewesen: „Das waren Emotionen pur!“ Xhakas Vater war in den 80er Jahren bei Protesten im Kosovo gegen die Zentralregierung festgenommen worden und saß drei Jahre in einem serbischen Gefängnis, ehe er in die Schweiz flüchtete.

Der Verband erwartet derweil keine Sanktionen gegen das Duo. „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie gesperrt werden“, sagte Verbands-Generalsekretär Alex Miescher am Samstagabend im Trainingscamp der Schweizer in Togliatti.

Am späten Samstagabend meldete sich die FIFA dann doch zu Wort, sie will eine Untersuchung wegen dem Torjubel einleiten. "Die Disziplinar-Kommission der FIFA hat ein Verfahren gegen die Schweizer Spieler Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri wegen dem Tor-Jubel während des Matchs Schweiz gegen Serbien eröffnet. In Zuge des selben Spiels ist auch ein Disziplinar-Verfahren gegen den serbischen Fussballverband eröffnet worden. Dies wegen Fan-Störungen und dem Zeigen von politischen und beleidigenden Messages von serbischen Fans. Weiter ist eine Voruntersuchung gegen den serbischen Nationaltrainer Mladen Krstajic eröffnet worden wegen angeblichen Äusserungen nach dem Match."

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Serbien-Coach Krstajic vergriff sich im Ton. © Bild: APA/AFP/ATTILA KISBENEDEK / ATTILA KISBENEDEK

Krstajic zog Vergleiche mit Den Haag

Bei den Serben sorgte darüber hinaus Schiedsrichter Felix Brych für Verdruss. Ihrer Meinung nach verwehrte der Münchner, der die Partie umsichtig leitete, dem Team in der 66. Minute bei einem Zweikampf von Mitrovic mit Stephan Lichtsteiner und Fabian Schär zu Unrecht einen Elfmeter. Serbiens Fußball-Verband (FSS) kündigte am Samstag dazu ein „offizielles Statement“ auf seiner Homepage an. Ob die FSS sich bei der FIFA beschweren wird, war zunächst unklar.

Der serbische Trainer Mladen Krstajic hat mit einer Äußerung über den deutschen Schiedsrichter Felix Brych am Samstag für Wirbel gesorgt. „Ich würde ihn nach Den Haag schicken, damit man ihm den Prozess macht, so wie man uns den Prozess gemacht hat“, sagte Krstajic nach Angaben des nationalen Fußballverbandes (FSS) am Samstag vor serbischen Journalisten. In den sozialen Medien schrieb der frühere Bundesligaprofi weiter: „Augenscheinlich sind leider nur die Serben zu selektiver Gerechtigkeit verurteilt: Früher das verfluchte Haag und heute im Fußball der Videoassistent“.

Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hatte in den letzten Jahren zahlreiche Serben wegen schwerster Verbrechen während der Kriege beim Auseinanderbrechen Jugoslawiens (1991-1999) verurteilt. In Serbien wird von vielen behauptet, das internationale Gericht habe besonders die Serben bestraft, während nur wenige Kroaten, Albaner und Muslime für die Schandtaten in den Bürgerkriegen zur Rechenschaft gezogen worden seien.