Sport
06.06.2017

Thiem hat keine Angst vor dem Unbezwingbaren

Dominic Thiem freut sich auf sein wohl wichtigstes Match heuer - das Viertelfinale gegen Novak Djokovic, den er noch nie bezwingen konnte.

Dominic Thiem zeigt den erhobenen Daumen. Er gilt seinem Sparringspartner im Trainingszentrum Jean Bouin. Österreichs Ass lobte einen 15-jährigen Taiwanesen, den man ihm gestern auf die andere Seite hingestellt hat. Und dann sich selbst: "Das war eine gute Einheit, so wie mein Achtelfinale gegen Zeballos. Klappt alles sehr gut", sagt ein wohlgelaunter Thiem auf dem Weg zu Speis’ und Trank.

Freilich, heute wartet alles andere als ein Kinderspiel gegen einen Jausengegner. Da baut sich ein anderes Kaliber auf der anderen Seite des Netzes auf, ein 30-jähriger Serbe, der auf den Namen Novak Djokovic hört (2. Partie nach 14 Uhr, live Eurosport, ORF Sport +). Jener Weltstar, der Thiem zuletzt im Semifinale von Rom nur ein Game ließ und ihn in fünf Matches ebenso oft besiegt hat.

Verfassungen

Kein Grund, um den Schläger von vornherein ins Korn zu werfen. "In den letzten Matches gegen ihn war ich nie gut drauf. Jetzt bin ich endlich in einer Topverfassung." Außerdem bezeichnet er das Viertelfinale als "eine unfassbar große Herausforderung."

Optimismus ist angesagt. Vielleicht weil er weiß, warum ihm Djokovic bislang nicht lag. "Weil er stark und sehr lange returniert und das Tempo von mir aufnimmt." Großartiges verändern wird er dennoch nicht, "außer vielleicht die Returns früher zu nehmen." Und taktische Variationen vornehmen. Aber er weiß, dass "vor allem mein Spin für jeden Gegner anstrengend ist."

Trainer Günter Bresnik nickte beipflichtend und zeigte auf den Nebenplatz, wo gleichzeitig ein neunfacher French-Open-Champ trainierte. "Dominic spielt schneller und mit noch mehr Drall als Rafael Nadal."

Thiems Künste haben sich freilich schon herumgesprochen. Mittlerweile taucht auch der ehemalige Top-Ten-Spieler Wojtek Fibak, der 1984 Thomas Muster entdeckt hatte, ständig an Thiems Seite auf. "Er hat wirklich alle Anlagen und spielt auch sehenswert", lobt der 65-jährige Pole.

Für Legende John McEnroe ist Thiem jener Spieler, der es von den "Jungen als erster nach oben schafft". Boris Becker, seit Jahresbeginn für Eurosport im Einsatz, war ebenso schon Trainingsgast, weil "er mich fasziniert". Seine deutschen Journalisten-Kollegen, so sie noch nicht abgereist sind, gratulierten gestern erneut: "Er spielt nicht nur gut, sondern ist auch charakterlich einwandfrei. So einer würde uns guttun."

Statistiken

Während Vater Wolfgang auch noch bei Jurij Rodionow vorbeischaute (der Wiener steht im Juniorenbewerb in der 3. Runde), standen für Thiem noch Behandlungen mit Physio Alex Stober (" Thiems Körper ist in den vergangenen zwei Jahren viel stabiler geworden") und abschließend ein Abendessen auf dem Programm. Vielleicht hatte er noch Zeit, Statistiken zu studieren ("Ich mag solche, beim Fußball und beim Tennis"): Er ist der zweite ÖTV-Herr neben Thomas Muster, der zum zweiten Mal ein Grand-Slam-Viertelfinale erreicht.

Der Steirer war auch bis Thiems Vormarsch der einzige, der ohne Satzverlust ins Viertelfinale bei einem der vier großen Turniere einzog. Das war 1994 bei den Australian Open, dort unterlag er dann Stefan Edberg. Bei seinem Paris-Triumph 1995 gab Muster bis zum Viertelfinale einen Satz ab – zum Auftakt gegen den Franzosen Gerard Solves. Aber das wird Thiem eher schon wurscht sein.

Novak Djokovic denkt an Thiem und Mandela

Ganz entspannt saß Novak Djokovic nach seinem Drei-Satz-Sieg über den Spanier Albert Ramos im großen Interview-Saal. Und dennoch bestimmend. Sein Blick verrät für Dominic Thiem nichts Gutes. Der Serbe fühlt sich nach Anlaufschwierigkeiten wieder pudelwohl – wie bei seinem Vorjahres-Triumph.

Ein Umstand, den er auch schon nach dem Erfolg über Ramos ausgiebig auf dem Platz gefeiert hat. "Da kommen wieder die schönsten Erinnerungen hoch. Auf dieses Ziel hatte ich lange hingearbeitet", sagt der 30-jährige Serbe, der sich vor zwölf Monaten den Traum des Karriere-Slam (Siege bei allen vier Grand-Slam-Turnieren) erfüllt hatte.

Freilich gilt sein Augenmerk schon Dominic Thiem. "Es hilft einem schon sehr, wenn man weiß, dass man noch nie gegen einen verloren hat", sagt der Ranglisten-Zweite. "Aber Dominic ist einer der besten Spieler der Welt, auf allen Belägen, aber auf Sand besonders." Dass er Österreichs Ass zuletzt im Semifinale von Rom kalt abserviert hat (6:1, 6:0), lässt Djokovic als Vergleichsmerkmal nicht gelten. "Das waren ganz andere Bedingungen. Das ist hier ein Grand Slam. Und Thiem wird topfit sein."

Sport & Terror

Djokovic beschäftigt sich aber auch mit tieferen Dingen als Tennis. "Es ist sehr traurig, was in London passiert ist, da sieht man, was im Leben wirklich zählt. Aber wir dürfen keine Angst haben. Wer in Angst lebt, hat gar kein Leben", sagt Djokovic, der nicht daran denkt, auf Wimbledon (ab 3. Juli) zu verzichten. Ganz im Gegenteil, Djokovic erachtet die Rolle des Sportes in Zeiten wie diesen als noch bedeutender. "Nelson Mandela hat bereits erkannt, dass Sport verbindet, dass er die Welt verändern kann."

Auch Thiem haben die Terroranschläge bedrückt. "Es ist wirklich tragisch, was gerade passiert. Die Menschheit hat ziemliche Probleme derzeit." Auch Thiem denkt nicht daran, Wimbledon auszulassen: "Das ist kein Thema", sagt der 23-Jährige.