Federer: Vom Majestätsbeleidiger zum König
Majestätsbeleidigung. Dieses Wort kam den Tennisfreunden spontan in den Sinn, die im Jahr 2001 Augenzeugen waren im All England Lawn Tennis & Croquet Club. Pete Sampras, der vier Mal in Folge in Wimbledon gewonnen hatte, verlor im Achtelfinale gegen einen 19-jährigen Buben aus der Schweiz. 5:7 im 5. Satz. So ein Rotzlöffel!
Bewertet man heute, elf Jahre später, den Sensationssieg von Roger Federer gegen Pete Sampras erneut, trifft das Schlagwort "Wachablöse" ins Schwarze.
Nummer 7
Heute kann einem Sampras leid tun. Denn der US-Amerikaner ist in regelmäßigen Abständen Rekorde los. Der Abnehmer heißt Federer. "Ich habe mich daran gewöhnt, dass Roger Federer meine Rekorde einstellt", sagt der heute 40-Jährige. Am Sonntag holte Roger Federer nach einem Viersatzsieg über die britische Hoffnung namens Andy Murray seinen siebenten Titel in Wimbledon, das hatte in der Profi-Ära nur Sampras geschafft. Außerdem begann der Schweizer am Montag die 286. Woche an der Spitze der Weltrangliste, erstmals seit Mai 2010. Rekordmann Sampras war – richtig: 286 Wochen die Nummer eins.
Für Federer sieht es gut aus, dass er noch länger vorne bleibt. Bei Olympia werden zwar die Karten neu gemischt, bei den US Open in zwei Monaten müssen aber auch seine schärfsten Konkurrenten Novak Djokovic (Sieg) und Rafael Nadal (Finalist) die meisten Punkte verteidigen.
Magischer Moment
Und Federer hat noch Vorteile gegenüber den beiden. "Djokovic und Nadal spielen nach einem Schema, Federer ist vor Murray spielerisch der Beste. Er ist ein Virtuose", sagt Günter Bresnik, der betont: "Auf dem Platz macht er alles spielerisch, abseits trainiert er ebenso hart wie andere."
Experten sind uneinig, ob der beste Federer aller Zeiten am Sonntag in Wimbledon triumphiert hat. Zu viele herausragende Partien waren unter den 1045 abgelieferten. Er selbst sagte vor den Ohren seiner fast dreijährigen Zwillingstöchter Charlene und Myla: "Ich habe niemals aufgehört, an mich zu glauben. Das ist ein magischer Moment für mich."
Für Günter Bresnik, den ehemaligen Daviscup-Kapitän und Boris-Becker-Coach, ist vor allem die Beständigkeit ein Phänomen. "Die Konstanz, mit der Federer seit seinem ersten Grand-Slam-Titel 2003 spielt, ist einzigartig." Zahlen belegen dies: König Roger erreichte in Wimbledon sein 33. Grand-Slam-Viertelfinale in Folge, die letzte Niederlage vor einem Achtelfinale datiert aus dem Jahr 2004. Damals unterlag er bei den French Open in Runde drei dem brasilianischen Sandmann Gustavo Kuerten.
Olympia-Favorit
Dazwischen stehen 24 Grand-Slam-Finali und 17 Grand-Slam-Siege, den bisherigen Rekord hat er bereits 2009 eingestellt. Den hatte übrigens auch Pete Sampras gehalten. "Federer ist die Weiterentwicklung von Sampras", sagt Ex-Daviscup-Spieler Alexander Antonitsch, "er ist der beste Spieler aller Zeiten."
Seit Australien 2010 hatte Federer kein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Von altem Eisen war die Rede; von der Übermacht der Herren Djokovic und Nadal; von Übersättigung. Die Antwort hat der Mann aus Bottmingen auf dem Centre Court von Wimbledon gegeben. Dort, wo er jetzt als Top-Favorit in das Olympische Tennisturnier starten wird. Vor vier Jahren hatte der Weltranglisten-Erste mit Stanislas Wawrinka Gold im Doppel geholt, eine Einzelmedaille fehlt noch.
Erster, und sicher nicht letzter Aufschlag: Am 28. Juli. Quiet, please!
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