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Sport
10/20/2018

Dominic Thiem: "Die Welt ist an einem kritischen Punkt"

Dominic Thiems Gedanken drehen sich nicht nur um Tennis - mit dem KURIER sprach er viel, aber nicht nur über seinen Sport.

von Harald Ottawa

„Lass uns ein bisschen bei Dennis zuschauen“, sagt Dominic Thiem nach seinem Training mit dem Japaner Kei Nishikori in der Stadthalle.

Dennis heißt mit Nachnamen Novak, spielt ebenfalls beim Wiener Stadthallen-Turnier (Erstrunden-Gegner ist der Russe Karen Chatschanow) und ist vor allem Thiems bester Freund. Dabei ging es Österreichs bestem Sommersportler der vergangenen Jahre weniger um Tennis als vielmehr um Dennis. Freundschaft ist für den Lichtenwörther kein leeres Wort.

Auch sonst zeigt sich der 25-Jährige, der heuer endlich auch in Wien zeigen will, was er kann - auch wenn ihm zum Turnierauftakt mit Vorjahres-Bezwinger Richard Gasquet eine schwere Aufgabe bevorsteht - sehr erwachsen. Er beweist, dass sein Beruf längst nicht mehr alles ist im Leben. Wenn auch eines der wichtigen Dinge. Während besagter Novak mit dem Russen Andrej Rublew seine Bälle schlägt, zeigt sich Thiem ebenso schlagfertig und plaudert über sein Tennis-Jahr, seine Liebe und die Familie, er macht sich aber auch Gedanken über die wesentlichen Dinge abseits der Courts dieser Welt.

KURIER: Wien, Wien nur du allein, sollst heuer endlich auch die Stadt meiner Träume sein. Nur 2013 standen Sie im Viertelfinale, seitdem kam immer das Aus in den ersten beiden Runden. Warum soll es beim Erste Bank Open heuer besser laufen?

Dominic Thiem: Ich habe in den vergangenen Jahren zuvor immer scheiße gespielt und bin auch mit einem schlechten Gefühl von den US Open gekommen. So hatte ich immer weniger Selbstvertrauen vor dem Wiener Turnier. Heuer war ich generell besser und habe trotz der Niederlage gegen Rafael Nadal ein gutes Gefühl mitgenommen. Ich fühle mich sehr wohl. Das Turnier ist zwar enorm stark besetzt, aber das war es in den vergangenen Jahren auch schon. Wahnsinn, wie groß hier die Konkurrenz ist.

Rafael Nadals Trainer-Onkel Toni hat nach dem epischen Viertelfinalspiel in New York gesagt: „Es wäre für mich ein großer Tag, wenn Dominic ein Grand-Slam-Turnier gewinnt.“ Ist das so etwas wie ein Ritterschlag?

Das ist natürlich eine Riesensache, weil die Familie Nadal die netteste im Tennis-Zirkus ist. Und Rafa selbst ist einer der authentischsten Sportler, die es gibt. Ein großartiger Sportler, aber auch ein großartiger Mensch.

Ehrlichkeit hat auch in Ihrer Familie immer Vorrang. Ihr Vater und Tennistrainer Wolfgang hat unlängst in einem Gespräch gemeint, Sie hätten heuer noch Aufholbedarf bei den ATP-1000-Turnieren (höchste Kategorie nach den Grand-Slam-Turnieren, Anm.) gehabt. Stimmen Sie dem zu?

Da hat mein Vater nicht unrecht. Da hätte ich mehr herausholen können. Aber mit den Grand-Slam-Turnieren kann ich zufrieden sein. Im Prinzip auch mit der ganzen Saison, ich habe sehr gute Karten, zum dritten Mal in Folge beim ATP-Finale zu stehen. Und heuer waren fast alle Topstars fit, was im Vorjahr nicht der Fall war, deshalb ist es dieses Mal wesentlich schwieriger.

Auch mit dem Daviscup können Sie zufrieden sein, Sie waren hauptverantwortlich für die Rückkehr in die Weltgruppe. Wie sehen Sie die Reform mit dem Finalturnier in Madrid im November? Roger Federer und Alexander Zverev haben bereits vorzeitig abgesagt. Wird man Sie dort sehen?

Ich halte das für eine gute Sache. Ich denke, so gut aufgezogen wie dieses sein wird, ist sonst nur das ATP-Finale. Was aber dazukommt: Dort stehen nicht nur die besten acht im Rampenlicht, sondern auch andere Spieler. Die Fans kommen nicht nur, um Nadal zu sehen, sondern bekommen echte Daviscup-Stimmung. Ich gehe davon aus, dass nicht nur Österreicher, die in Madrid leben, dorthin kommen werden. Ich werde dort sicher spielen, sofern wir uns mit einem Sieg gegen Chile im Februar qualifizieren.

Ihr Trainer Günter Bresnik sprach sich ja gegen diese Reform aus. Sind Sie oft unterschiedlicher Meinung?

Zumindest in diesem Fall, aber das ist ja kein Problem. Wichtig ist, dass wir beim Training das Gleiche wollen.

TENNIS ATP-WORLD-TOUR. PK ERSTE BANK OPEN7THIEM

Würden Sie sich als Alpha-Tier bezeichnen?

Auf dem Platz bin ich auf jeden Fall ein Alpha-Tier. Denn da muss ich ich die Entscheidungen treffen. Abseits des Platzes bestimmt Günter, einfach, weil er sich im Tennis besser auskennt.

Sie gelten als Sportler, der sehr nahbar ist. War der Rummel heuer beispielsweise in Kitzbühel zu groß?

Das ist zwar viel, aber daran gewöhnt man sich mit der Zeit. Und es gehört dazu. Aber in Kitzbühel habe ich gar nicht schlecht gespielt. Wenn ich den letzten Fehler am Ende nicht mache, gewinne ich vielleicht das Turnier, wie es dann mein Bezwinger Martin Klizan getan hat.

Gleichzeitig mit Kitzbühel beginnt die Hartplatz-Saison in Übersee. Werden Sie in Tirol auch im nächsten Jahr wieder der Star zum Anfassen sein?

Der Turnierplan steht noch nicht ganz, aber prinzipiell bin ich mit jenem von heuer sehr zufrieden.

Zum Rummel: Auch Ihre Beziehung mit der französischen Tennisspielerin Kristina Mladenovic wird von Medien groß behandelt. Zu viel?

Auch daran gewöhnt man sich. Man kann ja eine Beziehung sowieso nicht verstecken. Irgendwo taucht dann immer eine Kamera auf. Ich sehe das sehr entspannt.

In Österreich wird man als Spitzensportler sehr schnell in den Himmel gehoben und bei Misserfolgen alsbald verdammt. Wie gehen Sie damit um?

Das ist generell bei uns und in Deutschland so. Aber man muss das akzeptieren, weil man es sowieso nicht ändern kann. Ich konzentriere mich auf die Matches – was dann passiert, kann ich nicht beeinflussen. Die Leute sind so, wie sie sind.

Lesen Sie auch nach Niederlagen Medienberichte?

Ja, die wichtigsten Magazine und Zeitungen. Wenn ich schlecht spiele, wird mich keiner in den Himmel heben. Und ja, falls Sie mich fragen, ich lese auch den KURIER. Ich freue mich auch schon auf das neue KURIER-Tennisjahrbuch.

Danke. Sie lesen aber nicht nur Tennisberichte. Ihre Mutter Karin engagiert sich stark im Tierschutz. Ist das auch für Sie ein wichtiges Thema?

Tierschutz und Umwelt sind für mich die wichtigsten Themen neben Tennis. Wir leben in einer wunderschönen Welt, aber sie ist an einem kritischen Punkt angelangt. Wenn wir so weiterleben, kann es gefährlich werden. Und gerade wir Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, können einen Beitrag leisten, damit sich die Sache verbessert. Ich versuche auf jeden Fall mein Bestes, weil mir die Welt am Herzen liegt.

Da sind Sie in irgendeiner Form ja doch irgendwie politisch?

Mit Politik generell kann ich überhaupt nichts anfangen. Der Politik-Teil ist der einzige, den ich nicht lese. Aber wie gesagt, wir als Sportler können einen Teil dazu beitragen und Aufmerksamkeit erregen, dass es sich zum Besseren wendet.

Noch wenig mediales Interesse hat Ihr 18-jähriger Bruder Moritz erweckt. Nun hat er aber vor einigen Wochen seine ersten ATP-Punkte geholt. Wann wird man in der Stadthalle zwei Thiems sehen?

Er hat sich im letzten Jahr stark verbessert. Ich kann mir gut vorstellen, dass er schon nächstes Jahr in Kitzbühel oder Wien in der Qualifikation spielt. Aber er wird seinen Weg machen, wir stehen auch ständig in Kontakt. Und ich verfolge seine Spiele auch, so gut ich kann.

Auslosung für Erste Bank Open:

Dominic THIEM (AUT-1) - Richard Gasquet (FRA)
Jo-Wilfried Tsonga (FRA) - Sam Querrey (USA)
Karen Chatschanow (RUS) - Dennis NOVAK (AUT/WC)
Frances Tiafoe (USA) - Kei Nishikori (JPN-5)

Grigor Dimitrow (BUL-3) - Qualifikant
Qualifikant - Qualifikant
Marton Fucsovics (HUN) - Felix Auger-Aliassime (CAN/WC)
Damir Dzumhur (BIH) - Fabio Fognini (ITA-7)

Kyle Edmund (GBR-8) - Diego Schwartzman (ARG)
Fernando Verdasco (ESP) - Qualifikant
Gael Monfils (FRA) - Steve Johnson (USA)
Chung Hyeon (KOR) - John Isner (USA-4)

Borna Coric (CRO-6) - Albert Ramos-Vinolas (ESP)
Philipp Kohlschreiber (GER) - Lucas Pouille (FRA/TV)
Milos Raonic (CAN) - Jürgen MELZER (AUT/WC)
Nikolos Basilaschwili (GEO) - Kevin Anderson (RSA-2)