Entspannt: Im Staat Colorado bedeutet "Grüne Weihnachten" etwas anderes.

© KURIER/Stefan Sigwarth

Lokalaugenschein
02/07/2015

Die Gras-Ski-WM

In Colorado wurde Marihuana legalisiert – zu Besuch in einem Cannabis-Shop.

Es fühlt sich verboten an. "Entschuldigen Sie bitte, wissen Sie vielleicht, wo man hier Marihuana kaufen kann?" Die junge Frau hinter der Bar – Tank-Top, Strickhaube, nicht aus der Ruhe zu bringen – wirkt nicht überrascht über die Frage. Eher erfreut, als würde sich jemand nach einer lokalen Sehenswürdigkeit erkundigen. Nach dem Stolz der Gemeinde. "Sure", sagt sie, geht zum Fenster und zeigt hinaus Richtung Highway 6. "Da rechts ist ein Pot-Shop, gleich gegenüber, und ein anderer links hinter der Tankstelle." Ein Gast, der an der Theke sitzt, meldet sich aus dem Hintergrund: "Da gibt’s noch einen dritten ein bisschen weiter die Straße hinunter."

Aha. Also eigentlich nichts Besonderes, so ein Cannabis-Laden im Vail Valley. Drei davon haben in der 6500-Einwohner-Gemeinde Avon aufgesperrt, seitdem der Verkauf von Marihuana 2014 im Bundesstaat Colorado legalisiert wurde. Wer 21 Jahre alt ist, darf 28 Gramm pro Einkauf erwerben, wer kein Einwohner ist, sieben. Natürlich nur zum Gebrauch innerhalb der eigenen vier Wände. Und – wie betont wird – zur reinen Entspannung. Heißt ja schließlich auch "Recreational Marijuana".

Entspannt sieht er in der Tat aus, der junge Mann hinter der Glas- und Grasvitrine. Rote Sweatshirt-Jacke, dunkler Vollbart, die Hände in den Hosentaschen und ein Dauergrinsen im Gesicht, das von einem Ohr bis zum anderen unter der schwarz-weißen Schirmkappe reicht.

Die Grinse-Katze

Niq Bauman ist der Manager von "Rocky Road", einem der 127 lizensierten Geschäfte, die in Colorado Cannabis verkaufen dürfen. Seine grüne ID-Karte trägt er mit Stolz. Überhaupt sieht er aus, als hätte er sich mit dem Laden an jenem Abschnitt des Highway 6, der dank des blühenden Marihuana-Business den Spitznamen "Green Mile" trägt, einen Traum erfüllt.

"Früher habe ich für die Vail Resorts (Anm.: das Ski-Gebiet) als Manager gearbeitet", erzählt er. Der jetzige Job bringe ein "bisschen mehr Spaß" und "ein bisschen weniger Konformität" mit sich.

Sein Geschäft erinnert an eine Apotheke. Sorgfältig aufgereiht stehen Tiegel, Cremes, Fläschchen und glänzende Verpackungen hinter Glastüren verstaut. Es scheint kaum ein Produkt zu geben, das sich nicht aus der berühmt-berüchtigten Hanf-Pflanze herstellen ließe: Von Schokolade-Riegeln über Energy-Drinks, Massage-Ölen, Lippenbalsams oder Kaviar bis hin zu "Mary Jane’s heavenly Hash Bath". Im Mittelpunkt stehen aber die 13 Glas-Tiegelchen, in denen die verschiedenen Sorten des zartgrünen Krauts der Kundschaft präsentiert werden – alle eigens gezüchtet, versteht sich von selbst.

"Black Jack", heißt eine, "Sour Willie" eine andere. "Die hier ist besonders beliebt", sagt der Cannabis-Fachverkäufer und zeigt auf das Behältnis, neben dem "Strawberry Cough" (Erdbeer-Husten) steht. "Riechen, bitte nicht anfassen", sagt er, während er den Deckel öffnet und das Gefäß über die Theke reicht. Erdbeeren riechen anders. Der Duft von Musik-Festival oder Studenten-WG macht sich breit.

Der Kiffer-König

An einem guten Tag kommen einige Hundert Kunden vorbei, erzählt der gut gelaunte Niq, der zu jedem seiner Produkte ein kleines Referat halten kann. "Es kommt immer darauf an, was man sucht. Etwas Entspannendes für den Fernsehabend zu Hause oder eher etwas für den Tag." Ein prüfender Blick wandert in Richtung Kundschaft.

Der Kiffer-König versucht einzuschätzen, mit wem er es hier zu tun hat. Vom gerade 21-Jährigen bis zum Opa mit der Gehhilfe sei schon alles bei ihm gewesen.

Das Geräusch des Türöffners unterbricht die Ausführungen. Drei Personen Mitte 40 betreten neugierig den abgeschotteten Verkaufsraum. Ihre Ausweise wurden vorher kontrolliert. "Da müssen wir echt streng sein, sonst verliere ich meine Lizenz", erklärt Bauman und zeigt wieder auf die grüne Karte, die um seinen Hals baumelt. Er sieht nicht so aus, als hätte er mit dem Streng-Sein große Erfahrung.

Das Happy-End

"Langsam realisieren die Leute, dass Marihuana weit weniger gefährlich ist als Alkohol", sagt Bauman. In Colorado ist das Geschäft mit dem Gras aber auch längst ein Wirtschaftsfaktor geworden. 50 Millionen Dollar an Steuereinnahmen haben die grünen Unternehmen dem Staat im ersten Jahr eingebracht.

Auch Reiseveranstalter mit klingenden Namen wie Colorado Highlife haben die Nische erkannt. "Das Geschäft läuft gut", bestätigt Bauman, während er eine Tafel "Schokolade" für 14 Dollar vorschriftsmäßig verpackt.

Wer etwas gekauft hat, verlässt sein Geschäft mit einem neutralen braunen Papiersackerl. Das ansteckende Grinsen gibt es gratis dazu.

Der Marihuana-Staat Colorado

Kiffen als Wirtschaftsfaktor

Seit 1. Jänner 2014 ist der Verkauf von Marihuana im Bundesstaat Colorado legal. Lizensierte Geschäfte dürfen Produkte, die den berauschenden Wirkstoff THC enthalten, verkaufen. Wer älter als 21 Jahre alt ist, darf 28 Gramm erwerben, wer nicht aus Colorado stammt, sieben. Für Cannabis gelten die Regeln wie für den Alkohol: Der Konsum ist im öffentlichen Raum untersagt, das Autofahren verboten. Einige Privatclubs, „Marijuana Social Lounges“, sind entstanden.

25 Prozent Steuer kassiert der Staat auf Cannabis, 15 Prozent davon sollen in den Bau von Schulen fließen. 2014 nahm der Staat 50 Millionen Dollar ein.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.