Sport 05.12.2011

Das Doping-Protokoll des Grauens

Walter Mayers langjährige Begleiterin über das Psychogramm des einstigen Erfolgstrainers und die blutigen Praktiken im Spitzensport.

Gerlinde Mayer war über viele Jahre mehr als nur die gute Seele im Langlaufteam des österreichischen Skiverbandes. Köchin, Mädchen für Alles, Ehefrau des skandalumwitterten, notorisch verhaltensoriginellen Walter Mayer. Der ehemalige Medaillenschmied muss sich derzeit vor Gericht verantworten, ab Donnerstag sollen auch höchst prominente Ex-Sportler zum brisanten Doping-Thema Stellung beziehen. Als Zeugen unter Wahrheitspflicht.

Ebenfalls vorgeladen: Gerlinde Mayer, die bereits 2008, bei mehreren Treffen, in stundenlangen Gesprächen mit dem KURIER, ihr Wissen preisgab. Mittlerweile dementiert Frau Mayer jegliche Kenntnis über Doping, über sportliche Fouls. Sie wolle mit all dem nichts mehr zu tun haben. Damals sagte sie noch: "Wenn ich Ihnen das erzähle, dann glauben Sie nicht mehr an das Gute. Widerlich ist das Ganze!"

Ein ungeschminktes Protokoll. Aus medienrechtlichen Gründen distanziert sich der KURIER ausdrücklich von folgenden Angaben.

Über ihr Insiderwissen:

"Ich habe oft überlegt, mein Wissen zu veröffentlichen. Viele haben gesagt: 'Mach was, schreib!' Ich denke mir, ich schade ja dann sehr vielen. Zum Beispiel dem Gandler (Langlauf-Staffel-Weltmeister 1999, Anm.), der mir wirklich am Herzen liegt, den hab' ich immer irrsinnig gern mögen. Ich muss dann auch über den Stadlober (Staffel-Weltmeister 1999, Anm.) reden, über alle. Ich würde dann so vielen weh tun. Ich stehe ja dann da als gehörnte Ehefrau. Ich verstehe den Walter ja sogar. Für ihn ist alles zusammengebrochen. Er ist ein Mensch mit eigenen Gesetzen, wenn du ihn kennst. Er ist kein schlechter Mensch. Er ist die Gratwanderung gegangen mit diesem Dopingzeug. Und ich habe mitgespielt. Er ist der Doping-Mayer, das wird er nie wieder los."

Über die Blutbeutelaffäre bei Olympia 2002 in Salt Lake City:

"In Salt Lake City war Walter Tag und Nacht unterwegs. Wenn da nicht so viel Sauferei gewesen wäre... Ich war gerne Köchin, auch in Salt Lake, ich hatte das voll im Griff. Jeder hat sich wohlgefühlt. In der letzten Nacht habe ich bis halb 6 Uhr früh geputzt, Walter kam um 6 Uhr heim. Besoffen. Ich habe geschaut, ob eh nirgends eine Nadel ist. Das Sackerl, das da später gefunden wurde, das habe ich nicht gesehen. Ich glaube, das haben sie uns hineingelegt. Der Papierkorb war direkt neben dem Kühlschrank, da hab ich fünf Mal reingeschaut.

Salt Lake City hat mir schon gereicht. Dem Hoffman ist nichts passiert. Dem Botwinow auch nicht. Man hat den Blutbeutel vom Botwinow einem anderen Athleten zugeordnet, der ein Mitläufer war."

Über Olympia 2006 in Turin:

"Ich habe ihm nach Salt Lake City immer gesagt: 'Walter, bitte hör' auf damit! Ich sehe ja noch ein, wenn du den Alten hilfst, dem Hoffmann und dem Botwinow, aber bitte fang nicht wieder mit etwas Neuem an.' Und was hat er getan? Gandler hat mir genau das bestätigt: Er hat es wieder getan. Weil's im Sport ohne dem Zeug nicht geht. Dadurch ist alles draufgegangen... Turin habe ich nicht mehr verkraftet. Dann hat's ja nur mehr Streitereien gegeben. Wie's da zugegangen ist, bei mir daheim, da waren dann nur mehr Journalisten da.

Das war das Präpotente in Turin, dass sie's da reinschleppen, bei den strengen Gesetzen. Der Walter ist dann einfach zu frech geworden. Wer ihn kennt, weiß, dass er ein Schlitzohr ist. Sein Spruch war: 'Geh, schwitzt's euch nicht an!' Die tricksen wir sowieso alle aus! Wenn du so was tust, dann darf dir kein Fehler passieren..."

Über die Anfänge:

"Gekommen sind wir ja zu dem ganzen Dreck überhaupt über die Russen, über den Smirnow (einst einer der bekanntesten Langläufer weltweit; Anm.). Der Smirnow hat immer gesagt: 'Wenn du glaubst, Medaille ohne Medizin möglich, dann täuscht du dich.' Dann kamen die ersten österreichischen Erfolge 1999 in der Ramsau, dann ist es immer weiter und weiter gegangen. Im Sport geht's ohne dem net. Es geht net! Und jeder, der was anderes sagt,..."

Über Mayers Idealismus:

Gerlinde Mayer, einst gute Seele des Langlaufteams, mit den Champions Botwinow (li.) und Hoffmann.
© Bild: Kristian Bissuti

"Der Walter hat ja nix verdient. Der hat aus Idealismus gehandelt. Und weil er gerne im Mittelpunkt ist. Verdient hat er im Endeffekt nichts. Dabei haben die Sportler viel Geld verdient, das ist ja das Gemeine. Der Totschnig hat den Walter ein Mal zum Mittagessen eingeladen...

Für den Totschnig bin ich selber gefahren. Dem habe ich selber das Zeug gebracht. Bevor er die Etappe bei er Tour de France gewonnen hat. Der war ja Kunde von Wien. Von Humanplasma.

Ich war mit Totschnig in Wien. Ich habe ihn gefragt, was er da tut? Der Totschnig ist ein einfacher, ein liebenswerter Mensch. Ich habe mir gedacht, wie fühlt er sich, wenn er oben steht und weiß, er hat betrogen?"

Bestritten

Radstar Georg Totschnig hat Doping übrigens stets dementiert. Ebenso Michail Botwinow. Demnächst müssen sich beide einem Verfahren wegen falscher Zeugenaussage stellen.

Auch Walter Mayer bestreitet im laufenden Gerichtsverfahren und gegenüber der Öffentlichkeit alle Vorwürfe im Zusammenhang mit Doping.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011