Big Bens große Stunde: Der Jahrhundertlauf im olympischen 100-Meter-Finale von Seoul endete 1988 mit dem ersten großen Dopingfall der Leichtathletik-Geschichte.

© Reuters/GARY HERSHORN

Rückblick
09/22/2013

Als der Sport die Unschuld verlor

Vor 25 Jahren sprintete der kanadische 100-Meter-Olympiasieger Ben Johnson in die Dopingfalle.

Usain Bolt war gerade einmal zwei Jahre alt und benötigte für die 100 Meter noch eine halbe Ewigkeit, als der „Jahrhundertlauf“ die Sportwelt in seinen Bann zog: Ben Johnson gegen Carl Lewis, Big Ben gegen Carl den Großen, das kleine Muskelpaket mit den kurzen Trippelschritten gegen den groß gewachsenen Mister Elegant mit den langen Beinen.

In keinem Duell in der Geschichte der Leichtathletik steckte so viel Brisanz wie in diesem olympischen 100-Meter-Finale, das am 24. September 1988 in Seoul über die Tartanbühne ging. Aber kein anderer Endlauf sollte in der Leichtathletik auch für so große Endzeitstimmung sorgen. Der 24. September 1988 war nicht nur der Tag, an dem Ben Johnson in 9,79 Sekunden einen neuen Weltrekord lief, es war auch der Tag, an dem die Sportwelt die Unschuld verlor – und die Dopingjäger mit dem amtierenden 100-Meter-Olympiasieger ihren ersten großen Fisch an Land zogen.

Pioniertat

68 Stunden durfte sich Ben Johnson noch in Sicherheit wiegen, bis der Doping-Sündenfall aufflog und die Sportwelt in einen regelrechten Schockzustand versetzte. Drei Tage nach seinem Rekordlauf flüchtete der Kanadier mit gesenktem Kopf unter Polizeischutz zum Flughafen und außer Landes.

Die Dopingfalle, in die der schnellste Mann der Welt getappt war, hatten ihm die findigen Mitarbeiter des Analyselabors in Köln gestellt, die damals ein revolutionäres Verfahren zum Nachweis des anabolen Steroids Stanozolol entwickelt hatten. „Das war eine Pioniertat“, erklärt Mario Thevis, Leiter des Zentrums für Präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Jahrhundert-Skandal um den muskelbepackten Kanadier galt als Wende im bis dato nicht so ernst genommenen Anti-Doping-Kampf.

Ben Johnson selbst witterte eine große Intrige. Schon während der Olympischen Spiele hatte in Südkorea eine wilde Verschwörungstheorie die Runde gemacht, in der die Amerikaner um Johnsons Gegner und Intimfeind Carl Lewis eine Rolle spielten.

Verschwörung

Demnach soll Johnsons Bier, das er im Kontrollraum trank, um seine Urinprobe abgeben zu können, manipuliert worden sein. Johnson, der sich in den letzten Jahren als Footballer, Konditionstrainer und Rennfahrer mehr schlecht als recht durchs Leben schlug, schwört noch heute auf diese Verschwörungstheorie.

Die Überführung von Ben Johnson gilt für viele als Meilenstein im Kampf gegen das Doping. Für den deutschen Doping-Experten Werner Franke war es nur „die Überführung eines Dopers auf einer höheren Stufe“. Und alles andere als ein Wendepunkt: Gedopt werde nach wie vor auf Teufel komm’ raus, nur die Methoden sind verbessert, die illegalen Stoffe raffinierter und die Dosierungen in puncto Nachweisbarkeit verfeinert worden.

Es ist aber nach wie vor ein Wettlauf zwischen Hase und Igel geblieben, und die Doping-Mentalität ist ungebrochen: Fast 40 russische und mehr als 30 türkische Sportler wurden allein in den vergangenen Monaten aus dem Verkehr gezogen und sind ein Beleg dafür.

Seuchengebiet

Unter Generalverdacht steht seit Ben Johnson der Sprint. Nicht von ungefähr, denn es vergeht kaum eine Saison, in der nicht ein Athlet im Eiltempo in die Dopingsperre rennt. Die lange Reihe der entlarvten rasenden Doper beweist dies. Die Fälle der Deutschen Katrin Krabbe, des Briten Linford Christie, von Justin Gatlin (USA) und den jüngst überführten Asafa Powell (Jamaika) und Tyson Gay (USA) sind nur die Spitze des Eisbergs. Usain Bolt ist einer der wenigen Olympiasieger und Weltmeister im 100-Meter-Sprint der letzten 30 Jahre, die nicht überführt worden sind.

Geblieben ist im Übrigen bei vielen Dopern seit Ben Johnson die ungebrochene Vorliebe für Anabolika. „Anabolika sind immer noch die am häufigsten gefundene Substanz“, erklärt Dopingforscher Mario Thevis.

Und dass man aus Schaden nicht unbedingt klug wird, dafür steht ebenfalls der heute 51-jährige Ben Johnson: Nach seinem Comeback wurde er 1993 erneut positiv getestet – und lebenslang gesperrt.

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