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Romy
02/27/2019

Christiane Paul zu "8 Tage": Im Angesicht der Apokalypse

Endzeit-Serie. ROMY-Nominee Christiane Paul spielt in Stefan Ruzowitzkys achtteiligem Drama „8 Tage“, das auf Sky startet. (Von Gabriele Flossmann)

Christiane Paul verweigert sich konsequent dem, was man so landläufig „Starsein“ nennt. Entsprechend locker gibt sich die Berliner Schauspielerin beim Interview. Wenn man sie auf den größten Fernsehpreis der Welt, den Emmy, anspricht, den sie 2016 – trotz starker Konkurrenz durch Judy Dench – für den TV-Film „Unterm Radar“ gewonnen hat, sagt sie: „Der steht in der Küche.“

Vielleicht wird ja dem „Emmy“ schon bald eine ROMY Gesellschaft leisten.

Nominiert ist sie als beste Hauptdarstellerin im Polit-Thriller „Saat des Terrors“. Christiane Paul brilliert darin als BND-Agentin, die in Pakistan gegen den Drogenhandel kämpft, mit dem islamistische Terrorgruppen ihre Aktionen finanzieren.

Christiane Paul ist eine Vollblutschauspielerin. Obwohl die Tochter eines Ärzte-Ehepaars jahrelang an einem zweiten beruflichen Standbein arbeitete. Während sie regelmäßig vor der Kamera stand, studierte die ehrgeizige Power-Frau gleichzeitig Medizin und schrieb ihre Doktorarbeit. Eineinhalb Jahre arbeitete sie als Ärztin, bevor sie sich ganz der Schauspielerei widmete. Andere Menschen bräuchten zwei oder mehr Leben für das, was Christiane Paul in den knapp 45 Jahren ihres Daseins geschafft hat: Ärztin, Model, Schauspielerin, Sozial-Aktivistin, Autorin eines Buches über ökologische Lebensweise; und nicht zuletzt zweifache Mutter.

Eine Ärztin und Mutter spielt sie auch in dem packenden Endzeit-Drama „8 Tage“. Ein Horrorszenario, das Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky in einer achtteiligen Sky-Produktion bis zur letzten Konsequenz durchspielt.

Jede Folge steht für einen dieser 8 Tage vor der Apokalypse, die ein Meteoriten-Einschlag mitten in Europa auslöst. Plötzlich gibt es Millionen von Menschen, die aus Europa in andere Kontinente fliehen wollen. Die potenziellen Aufnahmeländer machen jedoch die Grenzen dicht. Eine verkehrte Welt, denkt man an die aktuelle Flüchtlingssituation.

KURIER: Sie sind für eine KURIER ROMY nominiert. Was bedeuten Ihnen solche Preise?

Christiane Paul: Die Nominierung freut mich natürlich total, denn sie ist eine Anerkennung meiner Arbeit.

Denken Sie, dass das mediale Echo für Preise wie die ROMY oder den Emmy auch bei Ihrem privaten Engagement für soziale und politische Anliegen nützlich sein kann? Ich denke, man sollte Prominenz nicht überschätzen, aber so ein Preis hilft natürlich, weil er von der Öffentlich wahrgenommen wird. Vielleicht hören deshalb mehr Menschen auf uns, wenn wir auf diverse Missstände hinweisen. Eine Kampagne, für die ich mich zuletzt eingesetzt habe, war „Fish love“, eine internationale Initiative gegen Überfischung der Meere. Das ist nach wie vor ein wichtiges Thema für mich, und ich habe deshalb jahrelang keinen Fisch gegessen.

Man hört ja ständig von der Politikverdrossenheit, vor allem der jungen Leute. Viele hoffen, dass von den Künstlern bessere Lösungsansätze für unsere Probleme kommen. Ja, und das finde ich – was mich betrifft – schwierig. Denn Politik ist etwas sehr Komplexes und man sollte den Beitrag, den Künstler leisten, nicht überbewerten. Wir können für Aufmerksamkeit sorgen, aber es liegt im Aufgabenbereich der Politik, die Gesellschaft und die Menschen, die in dieser Gesellschaft leben, zu schützen und visionär weiterzuentwickeln. Die Überbewertung der Leistung von Prominenten finde ich da etwas problematisch. Daher ist es mir ein Anliegen, damit verantwortungsvoll umzugehen.

In Ihrer neuen Serie „8 Tage“ geht es um einen Meteoriten, der auf Europa fallen und den Kontinent auslöschen wird. Kann man das auch politisch deuten? Ist dieses Szenario als Metapher für den drohenden Zerfall der EU anzusehen?

Ja, ich denke schon. Und die Serie ist auch eine Art Anklage, in der die Politik nicht gut wegkommt. Der Meteorit ist eine vieldeutige Metapher. Ein Gedankenexperiment und eine Versuchsanordnung, bei der man studieren kann, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten. Er löst eine Umkehr der Flüchtlingsbewegung Richtung Osten aus und kehrt damit sozusagen die aktuellen Verhältnisse um. Und das finde ich einen tollen Gedanken: Zu überlegen, was passiert, wenn wir Europäer plötzlich flüchten müssen. In Länder, in die wir nicht wirklich hinwollen, und die uns auch gar nicht haben wollen. Länder, in denen unsere Währung nichts mehr wert ist und wir uns daher auch keine Wertschätzung kaufen können. Der Meteorit ist eine sehr treffende Metapher für die Situation der Europäischen Union, die sich aufzulösen scheint. Der Süden ist pleite, der Südosten hat mit Korruption zu kämpfen, im Osten sind die Rechts-Nationalen an der Macht, Frankreich und Deutschland haben eigene Probleme, England ist raus.

Die Menschen in „8 Tage“ flüchten aber nicht nur in andere Länder, sondern auch in die Religion? Wie sehen Sie das? Es ist aus meiner Sicht total naheliegend, dass sich Menschen angesichts einer Apokalypse dem Glauben zuwenden. In unserer Serie gibt es einen Mann, der den verängstigen Menschen seine Religion nahebringt und predigt, dass alles gut werden wird. Dass hinter allem eine höhere Macht steht, die uns lenkt. Ich habe mich bei den Dreharbeiten fast schon selbst dabei ertappt, dass ich mir dachte, vielleicht hat er recht mit dieser religiösen Sicht auf die Welt. Was nach dem Meteoriteneinschlag passiert, wird ja nicht gezeigt.

Sie spielen in „8 Tage“ eine Ärztin – hilft es da, dass Sie diesen Beruf einmal ausgeübt haben?

Ja, auf jeden Fall. Denn dadurch weiß ich, wie man sich zum Beispiel in einem Operationssaal bewegt. Aber ich war trotzdem noch einmal drei Tage auf meiner alten Station in der Charité, um wieder das Gefühl für den Ärzte-Alltag zu bekommen.

Sie hätten also jederzeit die Möglichkeit, wieder zu Ihrem Beruf als Ärztin zu wechseln. Kommt das für Sie infrage oder fasziniert Sie die Schauspielerei zu sehr?

Ich liebe die Schauspielerei. Durch sie kann ich in einem geschützten Raum menschliche Höhen und Tiefen ausloten, ohne sie selbst in der Realität erleben oder erleiden zu müssen. Und letztendlich können wir Schauspieler anderen Menschen auch etwas geben. Natürlich können das auch Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, Busfahrer, Juristen und viele andere. Aber wir können unterhalten und das ist, glaube ich, lebensnotwendig.

Interview: Gabi Flossmann