Welterbe-Status des Great Barrier Reefs nicht in Gefahr

Die UNESCO setzt eine der größten Touristenattraktionen Australiens doch nicht auf die Rote Liste - stellt aber Bedingungen.
Eine Frau schnorchelt mit Flossen und Taucherbrille über einem Korallenriff.

Fast 50 Prozent der Korallen am Great Barrier Reef sind seit 1985 verschwunden. Die Wasserqualität sinkt seit Jahren, und dann kam die australische Regierung auch noch mit Plänen zum massiven Hafenausbau. Die Wächter über die Weltnaturerbe bei der UN-Kulturorganisation UNESCO zogen die Reißleine: Sie haben gedroht, das größte Korallenriff der Welt auf die Liste der bedrohten Welterbe zu setzen. Nun, ist es aber doch anders: Das Great Barrier Reef soll nicht auf die Rote Liste kommen, allerdings stellt die UNESCO Bedingungen: Die australische Regierung muss bis Ende 2016 einen neuen Bericht vorlegen.

Das Great Barrier Reef in einem rund 345.000 Quadratkilometer großen Meerespark vor der Nordostküste ist eine der größten Touristenattraktionen. Seit 1981 schmückt es sich mit dem Titel "Weltnaturerbe". Besucher lassen 6,5 Milliarden australische Dollar (heute 4,6 Milliarden Euro) im Jahr da, mehr als 65.000 Arbeitsplätze hängen davon ab.

Naturschützer vs. Politiker

Naturschutz und Hafenausbau könnten Hand in Hand gehen, beschieden Politiker jahrelang. Zwölf Häfen sollen entlang der Küste des mehr als 2.000 Kilometer langen Marineparks aus- oder neu gebaut werden. Selbst für die Verklappung des Baggerguts teilweise nur 20 Kilometer vom Riff entfernt gab die Regierung grünes Licht. Sie selbst bezifferte das Volumen auf gigantische 38 Millionen Kubikmeter (ein Kubikmeter entspricht 1.000 Litern). Das ist inzwischen aber vom Tisch. Bei neuen Projekten muss Baggergut anderswo entsorgt werden.

"Wenn ich in 40 Jahren in meinem Armsessel liege, hoffe ich zurückzublicken und zu denken, in meiner Laufbahn hat es nichts wichtigeres gegeben als diese Entscheidung", sagte Umweltminister Greg Hunt im März. An die UNESCO schrieb er: "Das Great Barrier Reef bleibt das am besten gemanagte Meeres-Ökosystem der Welt."

Naturschützer und Riff-Experten sehen das anders. Zwar haben sich Korallendecke und Seegräser in Küstennähe in letzter Zeit etwas erholt. Das liege aber wohl vor allem daran, dass es zuletzt weniger verheerende Überschwemmungen gab, die Erdreich und Herbizide ins Meer spülten, sagt die gebürtige Hamburger Meeresbiologin Britta Schaffelke vom australischen Institut für Meereswissenschaften (AIMS) der Nachrichtenagentur dpa.

"Das ändert noch nichts daran, dass das Riff im schlechtem Zustand ist", sagt sie. "Man braucht viel längere Beobachtungen, ehe man sagen kann, ob dies der Beginn einer Erholung oder nur eine Pause in der Verschlechterung des Zustands ist."

Geändert hat sich auch nicht, dass die australische Regierung die Kohleindustrie im Hinterland der Ostküste ausbauen will und dafür neue Häfen braucht. Kohleabbau heizt den Klimawandel an. Australien gehört wegen seiner Kohleindustrie schon jetzt pro Kopf der Bevölkerung zu den größten Klimasündern der Welt. Der Klimawandel gilt als besonderer Stressfaktor für das Riff, mit Wassererwärmung, Korallenbleiche und häufigeren Stürmen, die Erosion auslösen.

Aus Protest gegen die Kohleindustrie machen in Großbritannien jetzt 13 Umweltschutzorganisationen mit mehr als 50 Millionen Mitgliedern Druck auf Banken, das Galilee-Basin-Projekt nicht zu fördern. "Als Berater ist die Standard Chartered-Bank in der einmaligen Lage, eines der größten Kohleprojekte zu stoppen", meint Sebastian Bock von Greenpeace in Großbritannien. "Wenn sie das nicht tun, helfen sie, den letzten Nagel in den Sarg des Great Barrier Reefs zu schlagen."

Die Riff-Experten Terry Hughes und Jon Day von der James-Cook-Universität sehen keinen guten Grund, warum das Welterbe-Komitee von seiner Drohung, das Riff auf die Liste der gefährdeten Naturerbe zu setzen, abrücken sollte. Die Behörden hätten kein Konzept, um die Folgen nicht-nachhaltiger Fischerei und des Klimawandels einzudämmen, schreiben sie. Die vorgesehenen 200 Millionen australischen Dollar im Jahr für Schutzmaßnahmen reichten bei weitem nicht aus. Von 15 UNESCO-Empfehlungen seien nur zwei voll umgesetzt worden. Es fehle etwa ein Plan über konkrete zusätzliche Schutzzonen an den Küsten.

"Leider gibt es keine Anzeichen, dass die Maßnahmen der Regierung den Zustand des Riffs wirklich verbessert haben", resümiert auch der Marinepark-Spezialist der Umweltstiftung WWF, Richard Leck. Er verweist unter anderem auf den Abfluss von Düngemitteln aus intensiver Landwirtschaft. Der Stickstoffgehalt im Wasser bei 175 Prozent des natürlichen Levels, der Phosphorgehalt bei 230 Prozent. Dadurch häuften sich etwa die verheerenden Invasionen von Dornenkronen. Das sind korallenfressende Seesterne.

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