Wellness: Versprechen halten selten
Das Leben zwischen Saunalandschaft und Hot-Stone-Massage kann verdammt hart sein. Zumindest für Christian Werner und das Team des Relax-Guide, der heuer zum 13. Mal erscheint.
Denn wo erholungsbedürftige Bürger im Bademantel das Paradies vermuten, entdeckt der Herausgeber der Wellness-Bibel so manch grausames Detail auf Null-Stern-Niveau: Zimmer mit Schrankbetten, handlahme Masseure oder Spas, auf deren Wohlfühl-Menükarte so exotische wie sündteure Treatments im Stile von "Afrikanische Isis-Massage mit Kaviar" stehen. Dahinter verbirgt sich oft sinnloser Hokuspokus ohne Effekt. "Im Zweifel Hände weg von solchen Behandlungen, buchen Sie lieber eine klassische Massage", rät Wellness-Prüfer Werner. Der für den neuen Relax-Guide sein strenges Auge besonders schärfte.
Was ihm diesmal gar nicht gefiel: "Jedes fünfte Wellnesshotel liegt direkt an einer befahrenen Straße - entweder an einer Haupt- oder Bundesstraße. Es gibt auch solche, die an einer Autobahn liegen." Das betrifft immerhin 20 Prozent aller Häuser, die die Lärmbelästigung auf ihrer Homepage natürlich diskret zu verbergen wissen. Werner moniert: "Das ist fatal, Ruhe und unverpestete Atemluft sind Grundbedürfnisse im Wellnesshotel."
Große Unterschiede
Nicht nur deshalb wurden heuer lediglich 283 der insgesamt 1009 Häuser in Österreich als Branchenbeste mit mindestens einer Lilie - dem Relax-Guide-Qualitätsgütesiegel - ausgezeichnet. "
Wellness ist längst nicht überall Wellness. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Hotels sind groß", kritisiert Werner. So verfügten nur neun Prozent über einen Naturbadeteich, 15 Prozent über eine Außensauna und 24 Prozent über ein
ganzjährig beheiztes Freibecken.
Schlechte Schwingungen überdies im Fitnessbereich: In zwei von drei Betrieben turnt man an völlig veralteten Geräten herum. Und auch sonst erlebten die Tester allerlei Ungemach: gestresste, nach Schweiß und Rauch stinkende Kosmetikerinnen und Masseure, Schwarzalgen und Schmutzränder in den Pools, Hintergrundgedudel vom Typ "Zillertaler Schürzenjäger" oder Therapeuten, die während der Behandlung ihre ganze Lebensgeschichte ausplauschen.
Die Folge: Für 22 Hotels sind die Lilien perdu. Besonders betroffen sind Häuser, die im Beobachtungszeitraum in die Erweiterung der Bettenkapazität investiert haben - schließlich gibt es 3700 zusätzliche Hotelbetten im Vergleich zum Vorjahr. Das bedeutet allerdings, dass sich viel mehr Menschen den Wellnessbereich teilen müssen. Der Kampf um die Liegen beginnt. Und auch die Tische im Essbereich müssen enger zusammengerückt werden. Eher unspannend, wenn beim Erholungsurlaub die Probleme des Nachbarn als Beilage aufgetischt werden.
Qualitätssteigerung
Mitleid mit dem "Herrn der Lilie" ist dennoch keines angebracht. Wo es doch auch gute Nachrichten aus der Wellnessszene gibt: 70 Häuser schnitten besser als im Vorjahr ab - durch signifikante Qualitätssteigerungen im Spa-Bereich oder bei den Dienstleistungen. Sieben Hotels - etwa das "Reiter's Supreme" in Bad Tatzmannsdorf, "Der Steirerhof" in Bad Waltersdorf oder der "Salzburgerhof" in Zell am See - wurde die Spitzenwertung von vier Lilien verliehen.
Dort gibt es all das, was die Tester "sehr mögen, aber selten erleben": Wohltemperierte Therapieräume, echte Pflanzen statt Plastik im Spa-Bereich, eine kleine Auswahl an feinen Tees, Ruheliegen für alle - sowohl im Innen- als auch im Außenbereich. Und - keineswegs selbstverständlich: "Wenn uns anstelle von dressiertem Personal menschliche Persönlichkeiten bedienen."
Relax-Guide: Lilien für Qualität
So wird geprüft: Die Tester des Relax Guide sind anonym unterwegs und prüfen auf eigene Kosten, also unabhängig. Sämtliche Wellnesshotels werden nach standardisierten Kriterien (darunter Lage, Ambiente, Küche, Dienstleistungsqualität) mit 9 bis 20 Punkten bewertet. Häusern mit mehr als 12 Punkten werden Lilien verliehen - als Qualitätsgütesiegel. Maximal vier Lilien sind möglich.
Innovation: Neu ist u. a., dass die Anzahl der Ruheliegen im Spa-Bereich bei jedem Hotel der Bettenanzahl gegenüberstellt wurde. Diese sollte zumindest der halben Bettenanzahl entsprechen. Die Realität sieht so aus: Im Schnitt müssen sich zehn Gäste eine Liege teilen.
Im Handel: Der Relax Guide 2012 ist ab sofort um 24,90€ erhältlich.
Infos: www.relax-guide.at
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