Warschau: Das Berlin für Mainstream-Müde

Wer eine dynamische und hippe Kunst- und Kulturszene sucht, der fährt nach Berlin. Dort ist jeder, darum ein Reisetipp für Entdecker und Mainstream-Müde: Warschau.


Auch wenn Wien gerne diesen Slogan für sich beansprucht: Warschau ist anders. Manche Ecken erinnern an Paris, einige vergleichen die Hauptstadt Polens mit Berlin und als Österreicher findet man auch Ähnlichkeiten mit Wien. 

Platz vor dem königlichen Schloss Doch all diese Vergleiche sind nur ein kläglicher Versuch, Warschau in eine Schublade zu stecken. Das kann man sich sparen, denn dieses Bemühen ist vergeblich. 

Die Säule erinnert an König Zygmunt III Waza; im Hintergrund die Altstadt. Warschau lässt sich nicht abstempeln. Das liegt daran, dass sich die 1,7 Millionen Einwohner große Stadt noch nicht festlegen will auf ein einziges Gesicht, mit dem sie sich den anderen zeigt. 

Gebäude am Platz der Verfassung Will sie die in der NS-Zeit geschundene Stadt sein, deren Geschichte sich immer noch in den Wunden des Stadtbildes und dem Gedächtnis der Menschen manifestiert? 

Denkmal der Opfer des Warschauer Ghetto-Aufstandes; hier vollzog Willy Brandt seinen berühmten Kniefall Will sie die dynamische, zukunftsorientierte Metropole sein, die die  Aufholjagd auf andere europäische Weltstädte längst aufgenommen hat? 

Kulturpalast Keine dieser beiden Rollen spielt Warschau überzeugend, doch eines ist klar: Warschau ist im Werden – und das ziemlich schnell. 

Bronze-Nixe am Marktplatz in der Altstadt; die Nixe ist das Wahrzeichen der Stadt Im Moment legt man noch einen Zahn zu. 2010 wurde Frédéric Chopins 200. Geburtstag groß gefeiert, 2012 will man sich während der Europa Fußballmeisterschaft gegenüber den bisherigen Austragungsstädten behaupten ...

Im Hintergrund das im Bau befindliche Stadion, das für die Fußball-EM errichtet wird ... und noch bis 23. Juni diesen Jahres buhlt man, unter Aufbringung aller Kräfte, um die Gunst der Jury, die darüber entscheiden wird, ob Warschau den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2016" tragen darf. Fünf polnische Städte sind im Rennen, wobei die Bewerber Krakau und Breslau im Ausland längst einen guten Ruf als Reisedestination haben. Worunter Warschau unüberhörbar leidet. Man will nicht länger eine Stadt sein, die nur Finanz- und Handelsleute anzieht, während die Touristen ihr Geld anderswo in Polen lassen. Nicht aus Mitleid sagen wir, dass Warschau Kulturhauptstadt werden sollte; Gründe gibt es genug.

Platz vor dem Kunstpalast Zugegeben: Zu behaupten, Warschau sei auf eine konventionelle Art und Weise schön, wäre gelogen. Zumindest auf eine oberflächliche Weise hat die Stadt wenig Pittoreskes. 

Beim Denkmal des Warschauer Ghettoaufstandes entsteht ein großes und modernes Museum für jüdische Geschichte Die Altstadt ist schön (im Sinne von alt und für klassische Touristenfotos geeignet), auch die Neustadt. Beides wurde kurz nach 1945 neu errichtet, nachdem die Deutschen im Zweiten Weltkrieg alles niedergebombt hatten. 

Marktplatz in der Altstadt Das neue alte Erbe wurde zum UNESCO Kulturerbe erklärt und hat in den wenigen, vergangen Jahrzehnten seit dem Wiederaufbau an charmanter Patina gewonnen. Beinahe könnte man glauben, es wäre nie anders gewesen. Doch die wiedererrichteten Gebäude gleichen einer Fassade. 

Straßen in der Neustadt Dahinter Plattenbau-Wohnblocks, Gebäude, die vor Jahrzehnten mal als modern gegolten haben, stalinistische Protzbauten und monumentale Denkmäler. Dieser Ostblock-Charme ist kantig und überall in Warschau anzutreffen. Dass die Stadt großflächig von Bomben zerstört worden ist, davon zeugen auch die autobahnbreiten, schnurgeraden Straßen mitten durch die Stadt, die eigentlich keiner richtigen Stadt gleicht, sondern mehr eine Vorstadt ist: locker bebaut, mit reichlich Grünflächen, die Platz zum Durchatmen bieten. Warschau ist grün. Verdammt grün. Zwar sind es nicht immer fein säuberlich angelegte, botanische Gärten, die wie unzählige Oasen zwischen den grauen Häusern liegen. Doch die vielen freien Flächen, auf denen jetzt noch das Unkraut wächst, können als Entfaltungsraum für vorhandenes Potenzial angesehen werden.

Das Grab des unbekannten Soldaten So wie das Viertel Praga, jenseits der Weichsel. Hier standen im Zweiten Weltkrieg die sowjetischen Truppen den Deutschen gegenüber. Während jenseits der Weichsel die Bomben alles niederrissen, sind die alten Backsteinbauten in Praga erhalten geblieben. 

Im Museum des Warschauer Aufstandes So auch die Wodka-Brennerei, die bis vor einigen Jahren noch in Betrieb war. Ein kleiner Wodka-Exkurs: Einst ordnete der Zar an, dass jedem Soldaten eine Flasche Wodka pro Tag zur Verfügung stünde. 

Kunstzentrum in der ehemaligen Wodka-Brennerei in Praga Kein Wunder also, dass diese Industrie boomte. Heute ist es übrigens nicht mehr gängig, nach fast jeder Mahlzeit ein Stamperl zu trinken. Bei der Jugend ist Wodka verpönt als Getränk der arbeitslosen, asozialen Säufer; sie trinkt ihn fast ausschließlich nur mehr in Cocktails.

Erhaltene Häuserzeile im jüdischen Ghetto Trotzdem: Irgendwie ist Wodka immer noch das Nationalgetränk und so mancher verbringt vor der Heimreise viel Zeit damit, sich für einen aus der großen Auswahl zu entscheiden, der als Mitbringsel mit nach Hause genommen wird. Zurück nach Praga: Dieses Viertel steht für ein in Warschau neu erwachtes Lebensgefühl. Nach wie vor ist es eine Problemgegend, in der jene Gesellschaftsschicht wohnt, die mit sozialen Schwierigkeiten wie Arbeitslosigkeit stark zu kämpfen hat. 

Ehemalige Wodka-Brennerei in Praga Gleichzeitig ist es ein idealer Ort für junge Menschen und Künstler, denn Wohn- und Arbeitsräume sind billig und der Hunger der Bevölkerung nach Kunst und Kultur ist hier besonders groß. 

Nixe am Marktplatz in der Altstadt Die ehemalige Wodka-Brennerei ist heute ein Kulturzentrum. Hier laufen die Fäden zahlreicher Kunstprojekte und Initiativen zusammen, die auch der Bevölkerung in dieser Gegend zugutekommen sollen. 

Das moderne Justizgebäude Kleine Galerien und Ausstellungsräume befinden sich in den Backsteingebäuden auf dem Gelände und zeigen Sehenswertes und Außergewöhnliches, während hinter der Wodka-Fabrik die normierten, öden Wohngebäude aufragen. Ja, das ist Warschau.

Die ehemalige Wodka-Brennerei in Praga Man mag Warschau: für seine Geschichte, seinen Ostblock-Charme, seine Schönheit hinter der unscheinbaren Oberfläche ...

Erinnerung an die Mauer, die einst das jüdische Ghetto umgab ... und für seinen Ehrgeiz, seine Dynamik, mit der man zielstrebig darauf zusteuert, eine Kulturhauptstadt zu werden. Mit oder ohne Europas Titelverleihung für 2016: Warschau wird dieses Ziel erreichen - und das schon bald. Eine kleine Anleitung für den Warschau-Besuch: Hinter den vermeintlich unspektakulären, oft heruntergekommenen Fassaden gibt es einiges zu entdecken. Fahren Sie hin, lassen Sie sich ein auf die Dynamik dieser jungen Kunstszene  und Sie werden mehr als nur positiv überrascht werden. Kunst- und Kultur-Tipps:

Das Museum des Warschauer Aufstandes (Bild) im einstigen E-Werk ist ein Muss. Fabelhaft aufbereitet, wird hier die Geschichte der polnischen Hauptstadt ausführlich und einprägsam vermittelt. Auch für Kinder ist die Ausstellung geeignet. Für die kleineren gibt es einen eigenen Spiel- und Lernbereich, ältere Kinder und Jugendliche werden an der interaktiven und multimedialen Ausstellung Gefallen finden. Auf jeden Fall einen Besuch wert ist die Galerie Zacheta (Bild, www.zacheta.art.pl). Die großzügigen, lichten Ausstellungsräume des historischen Gebäudes sind ein idealer Rahmen auch für raumgreifende Installationen. Namhafte zeitgenössische Künstler aus dem In- und Ausland sind hier in Wechselausstellungen zu sehen. Spannend ist auch das Zentrum für zeitgenössische Kunst im Ujazdowski Schloss (www.csw.art.pl). 

Und für die, die schon mal in der Nähe des Schlosses sind, ist der Spaziergang zum Theater Institut (www.instytut-teatralny-pl) lohnend, nicht nur wegen des wunderschönen, weitläufigen Parks. Spannende Aufführungen und ein kreatives Programm für Kinder können hier ebenso besucht werden wie das nette Café mit großer Fensterfront zum Park, wo es sich bei Quiche, Kuchen und Kaffee sehr gut aushalten lässt. Wer von einer größeren Karte wählen und chic essen will, sollte das im Schloss tun. Auch hier hat man einen schönen Ausblick (Bild). Nachtleben:

Zwei Clubs seien nicht nur jugendlichen Nachtschwärmern ans Herz gelegt: Powiekszenie und Chlodna 25. Vom zum Bersten mit empfehlenswerten Events vollgepackten Programm kann man sich auf den Homepages überzeugen: www.chlodna25.blog.pl und www.planbe.pl. 

Erinnerung an eine bekannte Musikgruppe, die wegen ihren Wienerlied-ähnlichen Schlagern bekannt war; an einer der Figuren sind Telefonnummern angebracht, schickt man an eine davon eine SMS, beginnt die Bronze-Truppe zu spielen Wer des Polnischen nicht mächtig ist: Lieber vor Ort zu einem der Gigs gehen, anstatt Zeit mit der (schlechten) Google Übersetzung zu verplempern.

Der Betreiber des Powiekszenie Clubs hat übrigens mit einem netten, kleinen Lokal begonnen, dessen Name Plan B lautet (gleiche Homepage). Vom ersten Stock aus blickt man hinunter auf einen Gehsteig voller hipper Nachwuchskünstler und im Lokal hat man das Gefühl, mit vielen Fremden ein gemütliches Wohnzimmer zu teilen. 

Der Kulturpalast Essen:

Wer gerne gut und außergewöhnlich ist, wird an der Designerin Magdy Gessler nicht vorbei kommen. Einer - plakativ formuliert - Restaurant-Mafia gleich, gehören ihr zahlreiche Lokale in Warschau. Vom ausgefallenen Alice-im-Wunderland-Interieur, über Essen (fast) mitten in der weißgekachelten Küche bis hin zur Bar, in der man sich vor und nach dem Fortgehen auf ein, zwei Wodka plus polnische Tapas trifft – bei Gessler mundet’s. Hervorragende, polnische Küche bekommt man beispielsweise im Restaurant "U Kucharzy" ("Bei den Köchen"). www.gessler.pl Jenen, die im Praga Bezirk unterwegs sind, sei das Porto Praga empfohlen. Jugendstil-Postmoderne-Chic bezeichnet das Ambiente; erstklassig ist das Prädikat, das die raffinierten Gerichte zweifellos verdient (sehr lecker: zum Gedeck gehören feine Kleinigkeiten wie Ciabatta mit wahlweise Orangenbutter oder schwarzer Olivenpaste). www.portopraga.pl Wer gern eine Prise Nostalgie auf’s Essen gestreut haben möchte, sollte eine Milchbar aufsuchen. Traditionell wurden dort billige Speisen in großen Mengen an die unteren Schichten verkauft. Heute liegen die Lokale wieder im Trend und genießen auch einen guten, kulinarischen Ruf. 

Gut und günstig isst man im Café Kulturalna (Bild), das in einem Seitentrakt des Kulturpalastes untergebracht ist. Dandy chic und künstlerische Inspiration liegt in der Luft und auf der kleinen Karte stehen internationale Gerichte, die alle sehr lecker sind. www.kulturalna.pl Hinkommen:

Mit dem Flugzeug erreicht man Warschau von Wien aus in weniger als eineinhalb Stunden. Billig fliegt man mit LOT Polish Airways (ab ca. 165€ hin und retour). Infos und Preise unter www.lot.com.

Wer mehr Zeit hat und sich gern die Gegend anschaut, kann auch mit dem Zug fahren. Es gibt Verbindungen, die einen ohne Umsteigen in etwas mehr als acht Stunden von Wien nach Warschau und retour bringen. Infos und Preise unter www.oebb.at

Am Platz der Verfassung Übernachten:

Unweit vom Kulturpalast befindet sich das Mercure Grand Hotel. Zimmer sind ab 48€ verfügbar: www.mercure.com Für das kleinere Geldbörserl empfiehlt sich das Oki Doki Hostel, welches 2006 von den Usern von hostelworld.com unter die besten zehn Hostels weltweit gewählt wurde. Zimmer gibt es von 10€ (im 8-Bett-Zimmer) bis 40€ (Doppelzimmer mit Bad) pro Nacht pro Zimmer, Frühstück immer inklusive. www.okidoki.pl 

Marktplatz in der Altstadt
(KURIER.at) Erstellt am
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