Skurrile Beschwerden über Reisemängel

Neue Urteile: Die um 17 Uhr geschlossene Strandbar oder eine ausgebrannte Glühbirne bringen dem Urlauber kein Geld zurück.

Das waren noch Zeiten, als die Urlaubsfotos exotische Pflanzen, ein schönes Panorama oder den Sonnenuntergang am Meer zeigten. Und was fotografiert der Reisende heutzutage? Staubflankerln. Kein Witz. Ein Wiener will im Badezimmer seines Hotels in Tunesien ein Staubwusel entdeckt haben, welches er zu Beweiszwecken ablichtete und als Reisemangel einklagte. Der Richter konnte auf dem Foto allerdings nichts erkennen, und selbst wenn: "Ein Staubwusel stellt lediglich eine Unannehmlichkeit dar", so lautete das abweisende Urteil. Beschwerdeflut   

Der Anwalt Eike Lindinger sammelt seit Jahren Reiserechtsurteile des Wiener Handelsgerichts und präsentiert sie – jährlich aktualisiert – in der sogenannten Wiener Liste: Eine Orientierungshilfe, was als Reisemangel anerkannt wird und wie viel beim verpatzten Urlaub zu holen ist. Heuer wurde daraus eine Hitparade der verrücktesten Reiseprozesse, die einen regelrechten Beschwerdetourismus zeigt. Urlauber klagten, weil: ... - die Beach-Bar um 17 Uhr zumachte (durchaus üblich, sagt das Gericht) - ein Kinderpool in Hurghada nicht beheizt wurde (bei 28 Grad Tageshöchsttemperatur nicht erforderlich). - die Glühbirne in der Nachttischlampe ausgebrannt war (der Gast urgierte nicht bei der Rezeption, dass man eine neue Birne einschrauben möge). - auf den Liegen am Pool Spuren von Katzenpfoten zu sehen waren. - der schlammige Meeresboden beim Hineingehen nachgab (ein bekanntes Phänomen, steht im Urteil). - zu wenig Liegen am Strand aufgestellt waren (200 Liegen bei 164 Hotelzimmern sind laut Urteil mehr als ausreichend). - auf einem Kreuzfahrtschiff die Bewegungsmöglichkeiten an Bord etwas eingeschränkt waren. Die Klagen wurden allesamt abgewiesen, die Urteile finden sich in der Wiener Liste unter der Rubrik null Prozent Preisminderung. Dieser Gruppe stehen freilich auch nicht wenige Urlauber gegenüber, die statt der geplanten Erholung nur Frust mit nach Hause gebracht haben: Das Vier-Sterne-Hotel hatte soeben neu
eröffnet, schon lauerte im Nachtkastl eine Kakerlake, spross im Bad der Schimmel, quoll der Mistkübel über. Die Urlauber bekamen 20 Prozent vom Pauschalpreis rückerstattet. Das Fehlen eines deutschsprachigen Radioprogramms in einem Hotel in der Türkei wurde mit einem Prozent veranschlagt, Rostspuren in der Duschkabine waren fünf Prozent Preisabzug wert, eine Übernachtung im schimmeligen Zimmer 15 Prozent, eine Großbaustelle vor dem Hotel 20 Prozent, nächtlicher Fluglärm 35 Prozent. Und 100 Moskitostiche pro Urlaubstag (der Strand lag in einem Sumpfgebiet, was im Prospekt verschwiegen wurde) brachten immerhin 40 Prozent vom Reisepreis zurück. Pauschalreisen 

Wobei solche Prozesse um Reisemängel nur bei Pauschalreisen möglich sind, also in der Regel Flug plus Hotelaufenthalt.Das Oberlandesgericht Graz hat die Tür kürzlich weiter aufgemacht und auch die Buchung eines Hotelzimmers plus Frühstück als Pauschalreise gewertet. Damit müssen künftig nicht nur große Reiseveranstalter, sondern auch kleine Hotels mit entsprechenden Klagen rechnen. Reiserecht - Maßstab für Urlauberfrust

Früher wurde der Urlauberfrust auch in Österreich gern mit der Frankfurter Tabelle (Sammlung deutscher Urteile) gemessen. Seit einigen Jahren dient die nach Stichworten geordnete Wiener Liste (Urteile des Handelsgerichts Wien, bei dem die meisten Rechtsstreitigkeiten zwischen Reiseveranstaltern und Urlaubern ausgetragen werden) als Orientierungshilfe bei der Einschätzung der Prozesschancen.
Bindend ist die Wiener Liste (in Buchform bei Manz) allerdings ebenso wenig wie die Frankfurter Liste.
Zusätzlich zum Preisnachlass bei gravierenden Reisemängeln steht dem Urlauber für den entgangenen Erholungswert auch noch Schadenersatz zu. 20 bis 30 Euro pro Kopf und Tag sind ein Richtwert.

Bei einer Hochzeitsreise nach Sharm el Sheik (Ägypten) stand im Hotelzimmer das Wasser, die Poolbar lärmte bis 3 Uhr Früh, rund ums Hotel gab es Baustellen, im Pool sah man Sonnenölspuren, und das frisch vermählte Paar bekam Hautausschläge. Der Oberste Gerichtshof sprach zu den 40 Prozent Preisminderung noch 18 Euro Schadenersatz für verpatzte Urlaubsfreude pro Person und Tag zu.
(kurier) Erstellt am
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