Natur pur statt Samba im Süden Brasiliens

Der Süden Brasiliens ist eines der beliebtesten Urlaubsziele Südamerikas. Die 700 Kilometer lange Küste begeistert mit den besten Bobachtungsposten für Wale, Surf-Spots, Top-Stränden, Fischerfesten und Meeresfrüchten.

Plötzlich taucht Michael Jackson auf. Alle stürmen in seine Richtung, halten seine fließend-eleganten Bewegungen mit der Kamera fest. Viele hoffen, dass er näher kommt, aber er ist scheu. Dann wird es still, nur die Wellen, die auf das Schiff treffen, sind zu hören. Das Boot, besetzt mit 50 Touristen, treibt vor Santa Catarina. Das zweitkleinste brasilianische Bundesland zählt zu den weltweit besten Beobachtungsposten für Glattwale, hat aber noch viel mehr zu bieten: Surf-Spots, Top-Strände, einzigartige Fischerfeste, Austern und Meeresfrüchte machen die 700 Kilometer lange Küste zu einem der beliebtesten Urlaubsziele Südamerikas. Es lohnt sich, entlang der Meereslinie zu reisen. Der Atlantik bestimmt das Leben.

Ein Mann mit Kapitänsmütze und orangefarbenem Pullover lächelt in die Kamera.
Santa Catarina, Brasilien, top für Walbeobachtung
Der Mann, der den Walen einen Namen gibt, sitzt am Steuer des Bootes. Enrique Litman (62), Vorsitzender des Glattwal-Instituts, das sich für den Erhalt der Tiere einsetzt, ist sonst nicht sonderlich kreativ. Aber weil Michael Jackson nicht schwarz, aber auch nicht richtig weiß war, sei ihm die Idee gekommen. Jetzt hat er schon wieder einen Wal entdeckt, ruft laut „Linda“ und schaltet den Motor aus. Wellen und Wind treiben das Boot auf einen schwarzen Walrücken zu. Linda wiegt um die 40 Tonnen und ist so lang wie ein Lkw mit Anhänger. Daneben schwimmt ihr Baby, erst ein paar Wochen alt, noch ohne Namen.

Manchmal spielen die Wale sogar mit dem Boot, Enrique Litman hat ein Video, auf dem zu sehen ist, wie seine Frau und seine Kinder an der Reling sitzen und der Wal ihre Füße berührt. Aber Linda zieht mit ihrem Baby ab. Auch die anderen fünf Walmamis in der Bucht von Ibiraquera haben im Moment keine große Lust auf Touristen. „Heute sind sie leider nicht so gut drauf“, sagt Kapitän Enrique.

Wale jagen verboten

Ein Mann steht mit ausgebreiteten Armen vor einer Küstenlandschaft mit Insel und Strand.
Santa Catarina, Brasilien, top für Walbeobachtung, Kauli Seadi
Dabei müssen sie hier vor der Küste nichts mehr befürchten. Weil die Jagd vor gut 30 Jahren verboten wurde, gibt es wieder 500 Glattwale in brasilianischem Gewässer. Mehr als die Hälfte taucht und prustet vor Santa Catarina. Glattwale sind die Einzigen, die so nahe wie möglich an die Küste kommen, um ihre Babys zu kriegen und sie aufzuziehen. Orkas, die Jagd auf den Nachwuchs machen, lauern erst 30 Kilometer weiter draußen. Das Wasser ist so warm, dass die Glattwale, die ohne Fettschicht auf die Welt kommen, nicht frieren und Muskeln aufbauen können. Aus der Ferne können wir das Training beobachten, sehen, wie ein Wal springt, zwei Mal, drei Mal, dann peitscht er mit seiner Flosse aufs Wasser und taucht ab.

Kauli Seadi hat solch faszinierende Momente schon hautnah erlebt. Nur, dass er nicht mit einem Boot unterwegs war, sondern mit dem Surfbrett. Der Windsurf-Weltmeister von 2005, der immer noch zur Weltspitze gehört, trainiert in den Walbuchten von Santa Catarina: „Die Babys sind oft so neugierig, dass sie unter meinem Board durchtauchen.“ Bis zu seinem zwölften Geburtstag hat Kauli Seadi kein Surfbrett aus der Nähe gesehen, aber dann zog er mit seinen Eltern an die Südostküste Santa Catarinas. „Da hat mein Leben erst richtig begonnen.“

Windsurf-Weltmeister

Ein Windsurfer springt vor einer felsigen Küste über die Wellen.
Santa Catarina, Brasilien
Im Teenager-Alter, als seine Kumpels längst mit Caipirinha, Alexia und Karin am Strand liegen, steht er bis zum Sonnenuntergang auf dem Brett. Sein Fleiß wird belohnt – Kauli Seadi wird zum brasilianischen Volksheld. „Wind und Wasser haben mir alles im Leben gegeben. Dafür bin ich unendlich dankbar.“ Mittlerweile hat er zwei Surfschulen aufgebaut und freut sich über das große Interesse aus Europa. 40 Prozent der Wassersport-Touristen kommen gar aus Deutschland, die meisten zum Wellenreiten. „Wenn du in Santa Caterina einen guten Tag erwischst, dann ist es magisch.“

Der benachbarte Strand von Praia do Rosa zählt weltweit zu den Lieblingsplätzen von Kauli Seadi. Vor allem, weil er hier auch mit seiner Freundin, die noch Anfängerin ist, dem Sonnenuntergang entgegen surft. Die New York Times zählt den unter Naturschutz stehenden Abschnitt gar zu den Top 30 auf Erden. Der Stellenwert einer solchen Auszeichnung wird einem als Europäer erst bewusst, wenn man bedenkt, dass ein Brasilianer auf die Frage, wo er herkommt, nicht seinen Wohnort nennt, sondern den nächstgelegenen Strand. Besonders stolz sind jene Menschen, die mit „Laguna“ antworten können.

Laguna-Fest

Der Küstenstreifen im Süden Santa Catarinas ist Kult, weil dort zwischen April und Juni ein einzigartiges Fest gefeiert wird. Tausende Touristen kommen, um einem Naturschauspiel beizuwohnen, bei dem Delfine große Schwärme Meeräschen Richtung Küste treiben, wo die Fischer mit ihren Netzen warten. Niemand weiß, warum die Delfine den Menschen helfen. Aber das Laguna-Fest gehört zu den wichtigsten des brasilianischen Event-Kalenders. Und es hat Luciano Martins zu seiner Künstler-Karriere inspiriert.

Er arbeitete noch in einer Werbeagentur, als er endlich Urlaub bekam und Tausende Kilometer an die Küste Santa Catarinas fuhr. Er war so fasziniert, dass er ein Logo für das Spektakel entwarf, das zu seinem Markenzeichen geworden ist: Bald schon prangte der bunte Fisch auf Tassen, Kugelschreibern und Schlüsselanhängern, die man auch heute noch in seinem Atelier in Florianópolis sieht.

Hippe Hauptstadt

Die Hercílio Luz Brücke in Florianópolis bei Sonnenuntergang.
1. Florianopolis, Brasilien
Die "magische Insel" im Süden Brasiliens verbindet sagenhafte Aussichten mit freundlichen Leuten, die auch gerne verraten, was man sich am besten ansieht und kulinarische Geheimtipps geben.
Florianópolis ist die hippe Hauptstadt im Nordosten von Santa Catarina. In Sichtweite zur Küste befindet sich die neue Arbeitsstätte von Luciano Martins, an deren Wänden Porträts von Che Guevara und Napoleon im Comic-Style hängen. Farbenfroh geht es zu bei ihm, er scheint inspiriert von Keith Haring und Niki de Saint Phalle. Auf einer Promi-Tafel gratulieren ihm Julio Iglesias und der Ex-Fußballer Romario zu seinen Designs für Weinflaschen oder Flip-Flops. Noch immer holt sich Luciano Martins Inspiration aus dem Wasser. Praia de Estaleiro ist sein Lieblingsstrand in Florianópolis. Dort schnorchelt er und genießt die Sonne.
Ein Surfer springt mit seinem Board über eine Welle.
epa000309507 Joaquina Beach, Florianopolis, Brazil, Monday 08 November 2004. Two times reigning ASP world champion Andy Irons (Kauai, Haw) (pictured) clinched his third ASP world championship title at the Nova Schin Festival at Imbituba, Brazil today. Irons claimed his crown amongst a frenzy of surf media and fans on the beach, when his sole remaining rival Joel Parkinson (Aus) was eliminated from the event in round three. EPA/Karen Wilson AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUTImages may be used royalty free for media purposes only, provided they are fully credited.
Für Freizeitaktivitäten im Meer hat hingegen Jaime Barcelos kaum noch Zeit. Er kommt an den Strand, um ins Boot zu steigen und zu seiner Austernzucht zu fahren, die an der Küste von Florianópolis liegt. Vor 15 Jahren verkaufte er noch Hot-Dogs und verdiente schlecht. Da kam es ihm gerade recht, dass die Regierung beschlossen hatte, eine Austernzucht aufzuziehen, um den Tourismus anzukurbeln und Arbeitsplätze zu schaffen.

Die Uni suchte die ideale Auster für den brasilianischen Atlantik und wurde in Japan fündig. Jetzt wachsen jährlich mehrere Tausend Tonnen Crassostrea Gigas an der Küste Brasiliens – dem größten Austern-Exporteur Südamerikas. Jaime Barcelos verkauft wöchentlich bis zu 30.000 marinierte, gekochte oder gegrillte Austern in seinem preisgekrönten Restaurant Ostradamus. Er hat alle Rezepte selbst kreiert. „Ich musste die Menüs solange verändern, bis sie meiner Familie geschmeckt haben.“ Die Tische sind wochenlang ausgebucht, weil Touristen aus aller Welt zu Jaime Barcelos kommen. Er steht auch jetzt, wo er sich auf dem Erfolg ausruhen könnte, jeden Tag in der Küche. „Das Meer und die Austern haben mir die Chance gegeben, ein gutes Leben zu führen. Es gibt keinen Grund abzuheben.“ Nur eines wünscht er sich: „Ich will endlich mal Wale beobachten.“

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