Natur pur statt Samba im Süden Brasiliens
Plötzlich taucht Michael Jackson auf. Alle stürmen in seine Richtung, halten seine fließend-eleganten Bewegungen mit der Kamera fest. Viele hoffen, dass er näher kommt, aber er ist scheu. Dann wird es still, nur die Wellen, die auf das Schiff treffen, sind zu hören. Das Boot, besetzt mit 50 Touristen, treibt vor Santa Catarina. Das zweitkleinste brasilianische Bundesland zählt zu den weltweit besten Beobachtungsposten für Glattwale, hat aber noch viel mehr zu bieten: Surf-Spots, Top-Strände, einzigartige Fischerfeste, Austern und Meeresfrüchte machen die 700 Kilometer lange Küste zu einem der beliebtesten Urlaubsziele Südamerikas. Es lohnt sich, entlang der Meereslinie zu reisen. Der Atlantik bestimmt das Leben.
Manchmal spielen die Wale sogar mit dem Boot, Enrique Litman hat ein Video, auf dem zu sehen ist, wie seine Frau und seine Kinder an der Reling sitzen und der Wal ihre Füße berührt. Aber Linda zieht mit ihrem Baby ab. Auch die anderen fünf Walmamis in der Bucht von Ibiraquera haben im Moment keine große Lust auf Touristen. „Heute sind sie leider nicht so gut drauf“, sagt Kapitän Enrique.
Wale jagen verboten
Kauli Seadi hat solch faszinierende Momente schon hautnah erlebt. Nur, dass er nicht mit einem Boot unterwegs war, sondern mit dem Surfbrett. Der Windsurf-Weltmeister von 2005, der immer noch zur Weltspitze gehört, trainiert in den Walbuchten von Santa Catarina: „Die Babys sind oft so neugierig, dass sie unter meinem Board durchtauchen.“ Bis zu seinem zwölften Geburtstag hat Kauli Seadi kein Surfbrett aus der Nähe gesehen, aber dann zog er mit seinen Eltern an die Südostküste Santa Catarinas. „Da hat mein Leben erst richtig begonnen.“
Windsurf-Weltmeister
Der benachbarte Strand von Praia do Rosa zählt weltweit zu den Lieblingsplätzen von Kauli Seadi. Vor allem, weil er hier auch mit seiner Freundin, die noch Anfängerin ist, dem Sonnenuntergang entgegen surft. Die New York Times zählt den unter Naturschutz stehenden Abschnitt gar zu den Top 30 auf Erden. Der Stellenwert einer solchen Auszeichnung wird einem als Europäer erst bewusst, wenn man bedenkt, dass ein Brasilianer auf die Frage, wo er herkommt, nicht seinen Wohnort nennt, sondern den nächstgelegenen Strand. Besonders stolz sind jene Menschen, die mit „Laguna“ antworten können.
Laguna-Fest
Der Küstenstreifen im Süden Santa Catarinas ist Kult, weil dort zwischen April und Juni ein einzigartiges Fest gefeiert wird. Tausende Touristen kommen, um einem Naturschauspiel beizuwohnen, bei dem Delfine große Schwärme Meeräschen Richtung Küste treiben, wo die Fischer mit ihren Netzen warten. Niemand weiß, warum die Delfine den Menschen helfen. Aber das Laguna-Fest gehört zu den wichtigsten des brasilianischen Event-Kalenders. Und es hat Luciano Martins zu seiner Künstler-Karriere inspiriert.
Er arbeitete noch in einer Werbeagentur, als er endlich Urlaub bekam und Tausende Kilometer an die Küste Santa Catarinas fuhr. Er war so fasziniert, dass er ein Logo für das Spektakel entwarf, das zu seinem Markenzeichen geworden ist: Bald schon prangte der bunte Fisch auf Tassen, Kugelschreibern und Schlüsselanhängern, die man auch heute noch in seinem Atelier in Florianópolis sieht.
Hippe Hauptstadt
Die "magische Insel" im Süden Brasiliens verbindet sagenhafte Aussichten mit freundlichen Leuten, die auch gerne verraten, was man sich am besten ansieht und kulinarische Geheimtipps geben.
Die Uni suchte die ideale Auster für den brasilianischen Atlantik und wurde in Japan fündig. Jetzt wachsen jährlich mehrere Tausend Tonnen Crassostrea Gigas an der Küste Brasiliens – dem größten Austern-Exporteur Südamerikas. Jaime Barcelos verkauft wöchentlich bis zu 30.000 marinierte, gekochte oder gegrillte Austern in seinem preisgekrönten Restaurant Ostradamus. Er hat alle Rezepte selbst kreiert. „Ich musste die Menüs solange verändern, bis sie meiner Familie geschmeckt haben.“ Die Tische sind wochenlang ausgebucht, weil Touristen aus aller Welt zu Jaime Barcelos kommen. Er steht auch jetzt, wo er sich auf dem Erfolg ausruhen könnte, jeden Tag in der Küche. „Das Meer und die Austern haben mir die Chance gegeben, ein gutes Leben zu führen. Es gibt keinen Grund abzuheben.“ Nur eines wünscht er sich: „Ich will endlich mal Wale beobachten.“
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