Riga: Jugendstil und schwarzer Balsam
Der „Wind of Change“ weht in Lettland. Der kleine Baltikum-Staat erwartet einen weiteren Meilenstein in seiner Geschichte. Nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 und dem Beitritt zur EU 2004 löst der Euro kommendes Jahr den Lat als Landeswährung ab. Und noch etwas Bedeutendes steht an: Riga ist – neben Umeå in Nordschweden – europäische Kulturhauptstadt 2014.
Zugegeben, der Winter ist nicht die Hauptreisezeit für Riga. Um 4 Uhr nachmittags ist es stockdunkel, ein frischer Wind weht von der Ostsee, nicht selten beginnt es zu regnen und zu schneien. Ohne Mütze und Schal wird’s unangenehm.
Christbaum-Pionier
Aber die kalte Jahreszeit hat auch ihre Reize, gerade um die Weihnachtszeit. Immerhin soll hier 1510 der erste geschmückte Tannenbaum auf dem Rathausplatz gestanden haben. Eine moderne Installation erinnert daran. Die schmalen Kopfsteinpflastergassen sind in sanftes Licht getaucht. Man hört nur das Klacken der Absätze. Autos müssen draußen bleiben aus der historischen Altstadt, die seit 1997 auf der Liste des UNESCO-Welterbes steht. Zwischen ehemaligen Kontorhäusern und Resten der Stadtmauer fühlt man sich wie in den Kulissen zu einem Film über das Mittelalter, um kurz darauf einige Straßen weiter in eine Szenerie des opulenten Jugendstiles des 19./20. Jahrhunderts einzutauchen.
Den Titel „Kulturhauptstadt“ trägt Riga mit Stolz. Die Altstadt mit ihren sakralen und bürgerlichen Prachtbauten ist eine Huldigung an die Vergangenheit. Und die Moderne wird harmonisch integriert. Positives Beispiel sind die ehemaligen Speicher, die Spikeri, neben dem Zentralmarkt.
Die Backsteingebäude aus dem 19. Jh. werden mehr und mehr zur Heimat der freien Kulturszene. Die bedeutendste Einrichtung ist „kim?“, Ausstellungs-Projekt des Museums für zeitgenössische Kunst. Der Name ist eine Abkürzung für die Frage: Kas ir maksla? Was ist Kunst?
Wie eine gigantische Installation aus Glas und Aluminium wirkt auch der Neubau der Nationalbibliothek am linken Daugava-Ufer.
Riga ist auch eine Stadt der Musik: Richard Wagner waltete hier einige Jahre. Seine Oper „Rienzi“, die er hier begonnen hat, wird für das Kulturjahr neu inszeniert – natürlich in der berühmten Nationaloper, einem klassizistischen Gebäude von 1863. Am Wochenende spielen in vielen Lokalen lettische Blues- und Country-Bands auf. In den Altstadtgassen musizieren selbst bei kühlen Temperaturen ausgebildete Straßenmusiker oder Drei-Mann-Jazzbands mit Saxofon, Tuba und Mini-Schlagzeug. Ein Muss für den Kulturfan ist der Besuch eines Konzerts auf einer der größten Orgeln der Welt im Dom, wenn die fast 7000 Pfeifen zu Werken von Bach oder Brahms ertönen.
Trotz Wirtschaftsboom nach der Wende macht sich in Rigas Straßen aber auch längst die Wirtschaftskrise bemerkbar: Preise und Mieten steigen, Arbeitsplätze verschwinden. Und so verwundert es nicht, dass nur 50 Schritte neben dem Luxushotel Grand Palace eine Schlange Bedürftiger zur Armenspeisung an der Kirche ansteht. Aber die Freude über das Jahr als europäische Kulturhauptstadt lässt man sich nicht vermiesen.
Rund 200 Kulturprojekte und Veranstaltungen, darunter Opern, Ausstellungen und Festivals – die Programmpalette in der lettischen Kulturhauptstadt 2014 reicht von der großen kulturhistorischen Ausstellung rund um 500 Jahre Buchdruck über das Festival für zeitgenössische Kunst bis zu einer der größten Sonnenwendfeiern Europas. Die Highlights in Kürze:
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