Rauf wandern, runter fliegen
Ein kurzer Ruck an den Tragegurten. Zwei, drei, vier schnelle Schritte. Abheben. Freiheit genießen. Dieses Gefühl war bis jetzt einigen wenigen vorbehalten. Paragleiten galt lange Zeit als Sport für Freaks und Individualisten – nicht ganz zu Unrecht. An den meisten Startplätzen tummeln sich ältere Semester, die glauben Paragleiten miterfunden zu haben oder junge Sportfreaks, die in diesem Sport ihre Erfüllung gefunden haben. Doch immer öfter mischen sich Piloten unter diese "Verrückten", die einfach genießen wollen, sicher durch die Luft zu gleiten. Ertragbare sportliche Betätigung und Entspannung stehen hier im Vordergrund. Es geht nicht mehr darum, als Erster auf 3000 Meter Höhe zu steigen, oder sich mittels akrobatischer und gefährlicher Flugmanöver Richtung Erde zu begeben. Das Leistungsprinzip und der Wettbewerb haben für diese neue Gattung nicht mehr so einen großen Stellenwert.
Auch begünstigt durch den Wanderboom, der in den letzten Jahren von Medien und Sportartikelherstellern herauf beschworen und gepflegt wurde, hat sich eine neue Sparte im Gleitschirmsport etabliert, die auch für die breite Masse interessant sein könnte. "Hike&Fly" ist das Zauberwort, das dem Sport aus seinem Nischendasein helfen könnte. Einfach zusammengefasst heißt das: Rauf gehen, runter fliegen. Kenner der Szene müsste man jetzt mit technischen Details und Fachwissen füttern. Als Laie muss man eigentlich nur wissen, dass das gesamte System – Gleitschirm, Gurtzeug, Rettungsschirm – nicht mehr als sechs Kilogramm wiegt. Meist weniger, als ein durchschnittlicher Wanderrucksack samt Inhalt. Man begibt sich mit seiner Ausrüstung in alpines Gelände und erklimmt den nächstbesten Berg. Falls die Kondition bis ganz oben reicht, sucht man sich in Gipfelnähe ein geeignetes Startgelände und erspart sich den – meist mühsameren – Rückweg. Sahnehäubchen ist natürlich der Flug an sich. Mit keinem anderen Fluggerät kann man die Natur so entspannt und hautnah erleben. Fliegen gilt nicht umsonst als Menschheitstraum.
In Extremform konnten wir diesen Trend im Sommer auf ServusTV mitverfolgen. Red Bull hat es geschafft aus dem Genusssport ein wettbewerbs- und massentaugliches Ereignis namens " Red Bull X-Alps" zu gestalten. 31 Athleten starteten in Salzburg und mussten in möglichst kurzer Zeit, über vorgeschriebene Checkpoints, Monaco erreichen. Einzig erlaubte Fortbewegungsmittel waren ein Paragleiter und ihre eigenen Beine.
Einen anderen Weg will Hannes Papesh, Gründer und Entwickler der Herstellerfirma Nova, einschlagen. Er sieht in dem Hike&Fly-Trend eine Rückkehr zum Ursprung des Gleitschirmsports. Auf das Wesentlichste reduziert, stürzte man sich in den 80er Jahren ins Tal. Verbessert haben sich seitdem vor allem die Sicherheit und die Gleitleistung der Schirme. Mit dem Einsteigerpummelchen SuSi – eine Abkürzung für SuperSimple – hat seine Firma einen Schirm entwickelt, der mehrere Betätigungsfelder abdeckt. Mit den gutmütigen Start-, Flug- und Landeeigenschaften ist er ein optimaler Einsteigerschirm. Als Light-Version – mit stark reduziertem Gewicht, durch dünnere Leinen und leichterem Tuch – kann er auch als Bergsteigerschirm verwendet werden. Somit kann man seinen sicheren Anfänger-Paragleiter auch direkt auf den Berg mitnehmen, ohne sich mit schwerem oder anspruchsvollem Gerät abkämpfen zu müssen.
"Wo ist der Haken?" werden sich jetzt viele denken, die in ihrem Kopf schon ihre erste Hike&Fly Route planen. Es sind vor allem die Ausbildungs- und Anschaffungskosten, die das größte Hindernis darstellen. Mit gut 5000 Euro darf gerechnet werden. Für eine Sportart, die man nicht jeden Tag ausüben kann, ein großer Aufwand. Auch der Sicherheitsaspekt könnte abschreckend wirken. Paragleiten gilt zwar nicht als Risikosport, aber falsch eingeschätzte Wetter- oder Windverhältnisse können böse enden. Das schließt Paragleiten als klassische Massensportart – in welcher Form auch immer – wohl aus. Ambitionierte Freizeitsportler sollten sich trotzdem gut überlegen, ob es das Geld nicht doch wert ist. Denn. es ist verdammt noch mal fliegen!
Kommentare