Radeln im Salzkammergut

Auch wenn die schöne Jahreszeit allmählich in die Schlussetappe geht, extrem sportliche Radfahrer hoffen, dass sie heuer noch eine Chance bekommen. Andere freuen sich bereits aufs Frühjahr.

Es gibt Menschen, die kommen allen Ernstes wegen des perfekten Asphalts ins Salzkammergut. Jawohl, wegen des perfekten Asphalts! Knut aus dem Ruhrgebiet zum Beispiel. Knut sagt, dass er kaum wo in Deutschland so einen perfekten Asphalt vorfindet. Die Berg- und Nebenstraßen rund um die Seen sind für ihn "einfach genial". Knut aus dem Ruhrgebiet ist Rennradfahrer – und somit ein perfekter Gast vom Mohrenwirt in Fuschl am See. Der hat sich im Vorjahr auf Gäste spezialisiert, die mit eng anliegenden, leuchtfarbenen Trikots, nussschalenförmigen Protektoren auf ihren Köpfen, strammen Oberschenkeln und sündteuren Rennrädern unterwegs sind. Und ist damit, so beteuert er, bisher sehr gut gefahren. Jakob Schmidlechner, der Mohrenwirt, führt einen von 19 Partnerbetrieben in der neu ins Leben gerufenen "Rennrad-Region" im Salzkammergut. Sein Start-Vorteil gegenüber der lokalen Konkurrenz: Er ist nebenbei auch Triathlet, kennt daher jeden Quadratmeter Asphalt in der Umgebung. Und ist auch gewillt, seine Erfahrung mit seinen Gästen zu teilen. Wenn er Zeit hat, und er nimmt sich gerne Zeit, weil er viel lieber auf einem Radsattel als auf einem Bürostuhl sitzt, zeigt der Mohrenwirt Knut und Co., wo der Bartel den Most holt. Und wenn er keine Zeit hat, immerhin muss er ab und zu in seinem Hotel nach dem Rechten sehen bzw. ernsthaft für den Triathlon trainieren, ... ... dann steckt er ein handliches Satelliten-Navigationsgerät an die Lenkstange eines Gast-Rennrads. Das weist selbst Wildfremden wie von Zauberhand den Weg, und führt auch auf entlegenen Güterwegen nur ganz selten in die Irre. Knut hat recht, der Asphalt im Salzkammergut ist wirklich genial! Dekadent wirkt beispielsweise die Rennradroute rund um den Mondsee, die unter anderem durch einen eigenen Tunnel führt – mit Flüsterasphalt! Psst, nur die Pneus surren. Das Leben der begeisterten Radsport-Touristen kann so schön sein! "Rennradfahrer sind gute Gäste", verrät Jakob Schmidlechner nach der Tunnelfahrt. "Mindestens so gut wie die Skifahrer." Die Zeiten, in denen Hoteliers beim Thema Rad die Nase gerümpft und darüber gejammert haben, dass diese Asketen sogar ihren Proviant mit sich schleppen und nur Wasser trinken, scheinen vorbei. Ist ja auch sonnenklar: Wenn einer Tausende Euro für seine filigrane Rennmaschine ausgegeben hat und damit tagsüber Hunderte Höhenmeter überwunden und ebenso viele Kalorien verbrannt hat, dann will er sich am Abend etwas Gutes gönnen. Und dann darf es auch einmal ein gutes Flascherl Wein sein, und ein deftigeres Menü abseits der Salatbar. Gar nicht wenige Touristen arbeiten sich heute die Passstraßen hinauf, um dann auf der anderen Seite des Bergs mit 60 km/h und mehr ins Tal zu sausen. Dabei ist das Potenzial, das Ende der Lenkstange quasi, noch lange nicht erreicht. Waltraud Palmetzhofer vom lokalen Tourismusverband macht sich berechtigt Hoffnungen: "Allein in Deutschland besitzen vier Millionen Menschen ein Rennrad." Und denken wir bitte auch an Mallorca! Dort steigen inzwischen 50.000 Rennradler pro Jahr ab. Ja nicht vergessen möchte Palmetzhofer auf die Mountainbiker. Und auch da lässt sie die Zahlen für sich sprechen: Heuer im Juli sind beispielsweise 4000 Wagemutige bei der Salzkammergut Trophy in Bad Goisern an den Start gegangen. Sie kamen aus der halben Welt, freut sich die Touristikerin. Zwar ist die Anzahl der offiziell genehmigten Single Trails in der Region immer noch enden wollend, bei den Waldeigentümern scheint nämlich selbst für die Tourismuslobby wenig zu holen zu sein. Dafür kommen weniger geübte Biker voll auf ihre Rechnung. Forststraßen auf bewirtschaftete Almen gibt es hier ohne Ende. Und der Blick hinunter von der Ewigen Wand ist auch für Amateure Atem beraubend! Selbst ein leicht überwuzelter Privatradio-Zampano aus der Pfalz schafft es rauf auf den Berg. Mit Hängen und Würgen zwar, und viel Schieben und Schimpfen. Wäre er weniger Macho, wäre er auf eines der funktionstüchtigen Leih-E-Mountainbikes vom Paradehersteller Flyer umgestiegen, hätte er dabei auch noch richtig Spaß gehabt.
(KURIER) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?