Per Hausboot zum Torf

Moore, Mühlen, Steinbrücken: Der Royal Canal ist ein neues uriges Fahrgebiet für Hobby-Kapitäne.
Ein kleines Boot fährt unter einer Steinbrücke auf einem Kanal hindurch.

Zu guten irischen Geschichten gehört schwarzes Bier. 1951 fuhr ein Frachtkahn, beladen mit 88 Fässern Guinness, auf dem Royal Canal von Dublin zum Shannon. Er war der letzte seiner Art. Bald darauf wurde der Kanal geschlossen.

Ein Kanal mit einem Boot und einem Fußweg entlang des Ufers.
Schottland
62 Jahre später tuckern Hobby-Kapitäne im Schneckentempo durch den wiedereröffneten „ Guinness Trail“. Bequem auf einem Hausboot, das alles hat, was ein schwimmendes Wohnmobil braucht – geräumige Kabinen, Küche, Kühlschrank und Sonnendeck. Auf den Spuren eines bedeutenden Stücks irischer Handelsgeschichte. Alte Mühlen, steinerne Brücken, mystische Moorlandschaften und Torf-Produktionsstätten, die nach wie vor in Betrieb sind, zeugen davon, dass der Royal Canal ein ganz wichtiger irischer Handelsweg war und dem schwarzen bitteren Guinness-Bier aus Dublin überhaupt erst zum Siegeszug verhalf. Während der Shannon River, der große Bruder des Royal Canals, in der Hauptsaison oft einer Rennstrecke für Hobby-Kapitäne gleicht, ist man auf dem einstigen Guinness-Trail über weite Strecken noch allein unterwegs.

Vor allem der westliche Teil durch die touristisch noch kaum erschlossenen, dünn besiedelten Midlands ist ein Stück uriges Irland. 46 Schleusen erwarten die Hausbootfahrer entlang der 146 Kilometer langen Strecke von der winzigen Bootsbasis Richmond Harbour Clondaara, wo maximal sechs Hausboote bereit stehen, nach Dublin.

Reihen von Torfblöcken trocknen auf einer Wiese.
Schottland
14 Tage dauert die Fahrt bis in die irische Hauptstadt und zurück zur Basis. Wer nur eine Woche Zeit hat, muss auf halber Strecke bei Mullingar wieder umkehren, es werden keine One-Way-Touren angeboten. Nimmt man sich ganze drei Wochen Zeit, ist sogar die große Tour am Royal Canal bis Dublin und über den südlichen Grand Canal zurück zum Shannon möglich.
Zwei Männer stehen an einem Schleusentor und unterhalten sich.
Schottland
Die Route führt über einige imposante Aquädukte kurz vor Dublin sogar über die Autobahn. Ein besonderes Highlight ist eine kleine Eisenbahnbrücke, die von Hausbootfahrern angehoben werden muss, ehe die Fahrt weiter geht. Auf dieser Brücke sind immer noch die Transportfahrtzeuge für die Torfproduktion unterwegs. Ebenfalls ein imposanter Anblick ist eine uralte Straße, die auf Holzbalken durch das Moor angelegt wurde. Stets helfen Schleusenwärter bei den Manövern. Entlang der Ufer ziehen sich endlos Torfmoore hin, Schafe und Pferde begrüßen die Bootsfahrer.

Man fährt mitten durch Dörfer und kleine Städte, geht von Bord und die wenigen Schritte ins Pub oder in den Supermarkt, um die Vorräte zu ergänzen. In der kühleren Nebensaison hängt über jeder Siedlung der Geruch von Torffeuern. Fremden begegnet man hier noch neugierig und aufgeschlossen und so mancher Wirt nimmt es, anders als in den „ausgelatschten“ Tourismusregionen Irlands, mit der Sperrstunde nicht so genau. Warum auch? Die Garda, die irische Polizei, lässt sich nicht blicken, und die „Boat Guys“ unterstützen lieber zusammen mit dem halben Dorf nach Kräften die Band beim Musik machen. Jahrzehntelang war der Royal Canal geschlossen, ganze Abschnitte sind zu Kloaken verkommen oder verloren ihr Wasser an die angrenzenden Moore.

Eine Gruppe von Musikern spielt in einem Pub, während andere zuhören und Guinness trinken.
Pub Irland
Mitte der Siebzigerjahre gab es gar Pläne, den Dubliner Abschnitt für eine Schnellstraße zuzuschütten. Das hat allerdings zum Glück eine Rebellion verhindert, geboren in den zahllosen Pubs entlang der gesamten Strecke: Überall formierten sich Bürgerinitiativen. Fast 40 Jahre lang kämpften Hunderte dieser Rebellen für die Rettung des Royal Canal.

„Wir brauchten Geld, Geld und nochmals Geld. Wir borgten es, verschuldeten uns, kratzten jeden Penny zusammen, den wir bekommen konnten“, so der 87-jährige Noel McGeeney, Rebell der ersten Stunde. Freiwillige wie er säuberten und befestigten den Kanal in ihrer Freizeit, setzten Bürokratie und Politik unter Druck. So wurde Abschnitt für Abschnitt allmählich saniert, jede dieser kleinen Wiedereröffnungen mit rauschenden Festen begangen. Heute sind die Rebellen alte Männer, doch erzählen sie von ihrem Kampf, dann blitzen ihre Augen. Auch wenn der Royal Canal heute ökonomisch betrachtet sinnlos ist, ist er doch ein wertvolles historisches Erbe. Und darauf sind Rebellen wie Noel McGeeney stolz.

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