Ohne Geld bis ans Ende der Welt

Auf diese abenteuerliche Reise begab sich der Deutsche Michael Wigge. Der Start war in Berlin, Wigges Ziel: die Antarktis.

Von Berlin bis in die Antarktis, und das ohne einen Cent in der Tasche. Der - nach eigenen Angaben - Reporter, Selbstfilmer und Autor Michael Wigge hat sich auf dieses Abenteuer eingelassen. Im Interview berichtet er, wie er  sich auf dem Trip durchgeschlagen hat, was er lieber nicht erlebt hätte und was er aus der Reise gelernt hat.

Herr Wigge, komplett ohne Geld von Berlin in die Antarktis, sind Sie eigentlich verrückt?
Michael Wigge: Ja. Welche unterschiedlichen Strategien hatten Sie, um über die Runden zu kommen? Wie haben Sie Übernachtungsmöglichkeiten gefunden?

Ich habe im Vorfeld viel geplant, besonders Aktionen für den Notfall um Weiterfahrten, Übernachtungen und Unterkünfte zu bekommen. So hatte ich neben den 40 Kilo auf meinem Rücken auch viele Ideen im Gepäck: Kissenschlachten veranstalten, als Butler oder als Lastenträger arbeiten, Strandbesucherinnen den Rücken eincremen oder einfach Regale in Geschäften aufräumen, um etwas zu Essen zu bekommen. Meine Aktionsliste hatte im Vorfeld über 30 verschiedene Ideen. Unterkünfte hatte ich oft über die Internetseite couchsurfing.org bekommen. Gut, dass ich ein Notebook mit Internetzugang dabei hatte. Aber ich habe auch in Scheunen, am Strand oder mal im Park geschlafen.

(Bild: Waikiki Beach, Hawaii: Morgenstund hat Sand im Mund) Sie haben auf Ihrer Reise viele schräge, aber auch sehr hilfsbereite Menschen getroffen. Was sagen Sie, ist die Menschheit doch nicht so egoistisch wie viele denken?

Genau das ist mir aufgefallen. Viele Menschen haben sich einfach von meiner Geschichte anstecken lassen und geholfen, ohne an ihren eigenen Vorteil zu denken. Das hat mich sehr überrascht. Ich habe kaum negative Erfahrungen zu berichten. In Hawaii, zum Beispiel, habe ich einfach ein Sternerestaurant betreten und erzählt, dass ich um die Welt reise und Hunger habe. So habe ich das beste Menü des Hauses bekommen. Selbst die Menschen in ärmeren Ländern haben mir geholfen – sie haben sogar oft meine angebotenen Dienstleistungen angenommen und mir ohne Weiteres geholfen. Das war eine tolle Erfahrung.

Welche Erfahrungen hätten Sie auf Ihrer Tour lieber nicht gemacht?

Wandern! Ich bin mehrere Tage durch Ohio und in Peru zur Inkastadt Machu Picchu gewandert. Hätte ich Geld gehabt, wäre ich mit dem Bus oder der Bahn gefahren. Das Wandern war total anstrengend. Wieso sollte man das freiwillig tun? Warum gehen Menschen in ihrer Freizeit einen Berg hoch, wenn sie danach wieder heruntersteigen müssen? Ich habe dieses Hobby vieler Menschen bis heute leider noch nicht verstanden.

(Bild: Panama) Haben Sie sich von Klischees verschiedenen Menschen und Kulturen gegenüber freimachen können?

Oh ja! So viele sagen in Deutschland: Ach, die Amis sind so oberflächlich und konsumsüchtig und seit dem letzten Präsident nicht mehr cool. Ich stimme dem nicht zu. Die Amerikaner sind oftmals begeisterungsfähig, neugierig, offen, lassen einen in ihr Haus, sind unkonventionell und viele haben einen richtig guten Humor. Noch mal zu den Kissenschlachten: In San Francisco wollten viele gar nicht mehr gegen mich kämpfen, sondern gleich gegen ihren Chef (in der Mittagspause). Da ging richtig die Post ab.

(Bild: Überfahrt nach Kanada) Wie kam Ihre Geschichte vom Reisen ohne Geld ans andere Ende der Welt an? Sind Sie eher auf Interesse oder auf Unverständnis gestoßen?

Die Geschichte kam durchweg positiv an. Die Amis fanden die Story gut, weil sie so individuell ist. Vielleicht haben sie sich an ihre Vorfahren erinnert gefühlt, die eigenständig ohne Geld von Europa aus in die neue Welt aufgebrochen sind. In Lateinamerika haben einige Leute die Geschichte nicht immer verstanden, manche konnten nicht nachvollziehen, was das eigentlich soll. Geholfen haben sie aber auch – wohl mehr aus Mitgefühl. Auf dem Trip sind Ihnen skurrile Dinge des Alltags begegnet. Was hat Sie nachhaltig abgeschreckt oder aber beeindruckt?

Ich habe ungefähr bei zwanzig Couchsurfern geschlafen. Es war fast immer lustig. In Las Vegas war es etwas komisch, weil die Gastgeberin nicht mit mir sprechen wollte, da habe ich mir ein kostenloses Motelzimmer gesucht. Gegen eine ordentliche Gegenleistung geht das auch. Ich habe dann für das Unternehmen einen Motel-Werbefilm gedreht oder den Manager solange interviewt bis er sich genug geschmeichelt fühlte.

Sie schreiben, dass Sie auf der Reise häufig über den Stellenwert von Besitz in Ihrem Leben nachgedacht haben. Inwiefern blieben diese Gedanken in Ihrem Leben nach der Reise?

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde: Geld ist mir egal. Aber ich habe gemerkt, dass "immer mehr" nicht immer glücklicher macht. An manchen Tagen hat mich auf der Reise ein kostenloses Butterbrot glücklicher gemacht als hier in Deutschland ein riesiges Menü. Alles ist relativ. Wir gewöhnen uns an Standards. Dadurch entsteht das Gefühl des Glücklichsein. Wenn die Vergleiche und Gewohnheiten aber niedrig sind, ist man mit ganz wenig sehr glücklich. 

(Bild: Unterwegs zum Machu Picchu) Buchtipp:
Die ganze Geschichte von Michael Wigges Reise lesen Sie in

Michael Wigge 
Ohne Geld bis ans Ende der Welt: Eine Abenteuerreise 
Kiepenheuer & Witsch, 198 Seiten
8,95 Euro
(KURIER.at) Erstellt am
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