Mythos Roadmovies: Menschen unterwegs

Dem Ruf der Straße folgten unzählige Kultfiguren der Kinogeschichte - als Sinnbild für die die Suche nach Individualismus und Abenteuer.

In den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eroberte ein neues Filmgenre die Kinos, das die Landstraßen und Highways dieser Welt als Kulissen nutzte: Das Roadmovie. Es steht für die Suche nach Freiheit und die Flucht vor dem Alltag. Meist werden die Protagonisten allerdings von den realen Verhältnissen wieder eingeholt - wie hier in "Thelma & Louise". Das tut der Faszination des Genres aber keinen Abbruch. ...

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"Thelma & Louise" von Ridley Scott (1991) mit Geena Davis und Susan Sarandon. Als Vorläufer der ruh- und rastlosen Protagonisten der Roadmovies kann Charlie Chaplin mit seiner Interpretation des Tramps gesehen werden, der stets unterwegs auf der Suche nach Glück ist. In den 1950er Jahren bedienten dann Filme wie "Der Wilde" (1953) mit Marlon Brando ein völlig neues Freiheitsgefühl, dass auch unverblümt mit jugendlicher Rebellion verbunden ist. Die Ära des "New Hollywood" war schließlich in besonderer Weise mit Roadmovies verbunden, sind diese doch in besonderem Maß geeignet, eine gesellschaftskritische Grundhaltung zu vermitteln. 1967 produzierte Warren Beatty "Bonnie & Clyde" (Regie: Arthur Penn), in dem er gemeinsam mit Faye Dunaway das legendäre Gaunerpärchen Bonnie Parker und Clyde Barrow verkörperte. Sex und Gewalt werden plötzlich in ungewohnt drastischer Weise dargestellt, klassische Genres des Hollywood-Kinos wie der Film noir werden weiterentwickelt. Mit "Easy Rider" (1969) war dann der absolute Kultfilm des "New Hollywood" geboren. Unabhängig vom Studiosystem gedreht (Regie: Dennis Hopper), vermittelte der Film das Lebensgefühl der späten Sechziger Jahre und zeigt ein Amerika, das plötzlich nicht mehr das Land der unendlichen Möglichkeiten ist. Erstmals wurden auch statt eines durchkomponierten Soundtracks einzelne Rocksongs zur Untermalung verwendet. Berühmt wurde "Born to be Wild" von Steppenwolf - noch immer der musikalische Stoff, aus dem Biker- und Autofahrerträume sind.

Kult as Kult can: Dennis Hopper (führte auch Regie) und, rechts, Peter Fonda (produzierte mit) mit Jack Nicholson am Sozius. Der Grundstein war gelegt, oder - besser gesagt - die Straße asphaltiert für eine Unzahl an Filmen, die den amerikanischen Traum neu vermaßen: Auch das Genre Gangsterkomödie wurde von den Roadmovies aufgegriffen. ...

"Die letzten beißen die Hunde" (Thunderbolt and Lightfoot) aus dem Jahr 1974, mit Jeff Bridges und Clint Eastwood auf der Flucht. Regie führte Michael Cimino Voll durchgetreten wurde das Gas- und Gag-Pedal dann in Action-Komödien wie "Ein ausgekochtes Schlitzohr" (Smokey and the Bandit). Burt Reynolds konnte als "Bandit" in seinem TransAm Männerfantasien ausleben - die etwa darin bestanden, gemeinsam mit seinem Trucker-Kumpel "Schneemann" 400 Kisten Bier von Texas nach Atlanta zu schmuggeln. Der Streifen von 1974 (mit Sally Field als Co-Pilotin) zog zwei Fortsetzungen, sowie die Massen-Verfolgungsjagd "Auf dem Highway ist die Hölle los" nach sich. Aber es geht auf der Straße auch gemächlicher zu. Europäische Autorenfilmer entdecken das Genre ebenfalls für sich. Wim Wenders schickt seine Figuren immer wieder auf die Straße und in die mythische, amerikanische Weite, wie in "Paris, Texas" (1984) mit Harry Dean Stanton und Nastassja Kinski. Detail am Rande: Wenders' langjährige Filmproduktionsfirma hieß Road Movies. Auch der US-Parade-Autorenfilmer Jim Jarmusch schaffte mit einem Roadmovie seinen Durchbruch in Cannes. 1984 drehte er "Stranger than Paradise". John Lurie (rechts) schrieb auch die Filmmusik, weitere Darsteller sind Eszter Balint und Richard Edson. Der dreigeteilte Film spielt in New York, Cleveland und Florida. Auf der Straße ist stets auch das Elend zuhause. Entsprechend doppeldeutig ist der Titel des Dramas "Vogelfrei" (Originaltitel: Sans toit ni loi) von Agnès Varda gemeint. Der Film der Nouvelle-Vague-Regisseurin (1985) zeigt in pseudokumentarischer Weise eine Frau (Sandrine Bonnaire), die in absoluter Freiheit leben will und als Landstreicherin durch das winterliche ländliche Südfrankreich (das Midi) zieht - und dafür bitter bezahlt. Auch der finnische Regie-Kauz Aki Kaurismäki näherte sich dem "American Dream" über die Straße. 1989, im Jahr des Falls der Berliner Mauer, schickte er eine erfolglose finnisch/russische Band in die USA auf der Suche nach Glück und Erfolg. "Leningrad Cowboys go America" führt die skurrilen Musiker mit ihren spitzen Frisuren über zahlreiche Hotels, Bars und Kneipen schließlich zu einer Hochzeit nach Mexiko. In einer Gastrolle verkauft Jim Jarmusch den Musikern einen schwarzen Cadillac. Die ursprünglich fiktiven Leningrad Cowboys formierten sich schließlich zur erfolgreichen Liveband. In den Neunziger Jahren erlebte das Genre Roadmovie weitere Neu-Adaptionen. Mit "Thelma & Louise" (1991) gelang es Regisseur Ridley Scott, dem männerdominierten Filmgenre auch im US-Kino eine weibliche Note zu verleihen. Er verfilmte das Drehbuch von Callie Khouri (mit dem Oscar prämiert), in dem die chaotische Hausfrau Thelma Dickinson (Geena Davis) und ihre unternehmungslustige Freundin, die Kellnerin Louise Sawyer (Susan Sarandon, links), das Abenteuer ihres Lebens beginnen. Mit den Filmen von Gus Van Sant wurde schließlich die Ära der Post-Roadmovies eingeläutet. Das Genre wird dekonstruiert und gleichzeitig wieder an seine Ursprünge, einer wilden, jugendlichen Subkultur zurückgeführt.

"Generation X" in Reinkultur: In "My Own Private Idaho" (1991) spielen River Phoenix und Keanu Reeves zwei Stricher in Oregon. In "Even Cowgirls Get the Blues" von 1993 parodierte Gus Van Sant das Genre selbst. Sissy Hankshaw (Uma Thurman) hat seit der Geburt große Daumen, was sie auch im späteren Leben für das Reisen per Anhalter prädestiniert. Sissy wird Fotomodell und lernt in einer Beautyfarm skurrile Charaktere wie Chink und Bonanza Jellybean kennen. Sehenswert sind Cameo-Auftritte von Udo Kier bis Kult-Literat William Burroughs. "Natural Born Killers" von 1994 greift das Bonnie-und-Clyde-Motiv auf und führt es in Oliver Stones medienkritischem, zum Teil surreal übersteigerten Thriller in die USA der Neunziger Jahre. Mickey (Woody Harrelson) und Mallory (Juliette Lewis) ballern sich durch die USA. Das Drehbuch stammt von Quentin Tarantino, der den Film zunächst eigentlich selbst machen wollte. Noch einmal Jim Jarmusch: Sein Spät-Western "Dead Man" von 1995 spielt zwar in einer Epoche, in denen man keine Roadmovies vermuten würde. Dennoch weist William Blakes (Johnny Depp) letzte Reise in eine spirituelle Welt einige Merkmale des Genres auf, auch wenn er diese Reise per Zug und zu Pferde antritt. Schließlich sind die Ursprünge des Roadmovies und seine bevorzugten Motive im Western zu suchen.

Zeitenwende: Crispin Glover vor Büffeljägern, die aus dem fahrenden Zug heraus ihre Beute erlegen. An einen gewissen Endpunkt führte das Genre 1996 David Cronenberg. Damals legte der kanadische Kultregisseur seinen auf J. G. Ballards Roman basierenden dunklen Thriller "Crash" vor, eine Meditation über Sex in Unfallautos (z.B. James Deans Porsche) und den erotischen Reiz von Beinprothesen (im Bild: Rosanna Arquette). Autos wurden zu reinen Fetisch-Objekten und die Kombination "Lack und Leder" bekam eine völlig neue Bedeutung. Aus Deutschland kamen nicht nur motorisierte Autoren-Filme von Wenders und Herzog, sondern auch Mainstream-Roadmovies. Während Bernd Eichingers "Manta, Manta" 1991 noch in die Richtung Blödel-Actionkomödie ging, wurde "Knocking on Heaven's Door" 1997 zum klassischen Roadmovie. Wieder war Til Schweiger dabei. Er und Jan Josef Liefers bilden ein dem Tod geweihtes Duo, das sich in einem geklauten, babyblauen Mercedes "Pagode" 230 SL-Cabrio auf eine Reise durch Deutschland aufmacht. Auf ihre Fersen heften sich vertrottelte Gangster, das Finale am Nordseestrand sahen mehr als 3 Millionen deutsche Kinobesucher. 1998 verfilmte Monty Python Terry Gilliam den Hunter S. Thompsons Roman "Fear and Loathing in Las Vegas". Anfang der Siebziger wird hier der amerikanische Traum in seine Einzelteile zerlegt. Und auf der Strecke zwischen L.A. und Las Vegas ("Fledermausland!") spielen sich bizarre Szenen ab, die den härtesten Autostopper in die Flucht schlagen. Mit einem bis zur Unkenntlichkeit komischen Johnny Depp als Thompson-Alter Ego und einem Benicio del Toro, der als dessen Anwalt "Dr. Gonzo" wirklich jeden drogeninduzierten Schwachsinn mitmacht. Wie so viele Gilliam-Filme schwächelte der Film an den Kinokassen, wurde aber zum absoluten Homevideo-Klassiker. Es geht aber auch weniger bizarr - und das ausgerechnet bei Regie-Exzentriker David Lynch, der 1999 ungewohnt linear und ruhig die wahre Geschichte von Alvin Ray Straight verfilmte. Dieser legte im Sommer 1994 eine Strecke von 390 Kilometer zwischen Laurens, Iowa und Blue River, Wisconsin zurück, um seinen Bruder zu besuchen, nachdem dieser einen Schlaganfall erlitten hatte. Da der 73-Jährige keinen Führerschein besaß, legte er die Distanz mit Hilfe eines Rasenmähertraktors zurück, an dem er einen Anhänger befestigt hatte. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 8 km/h geht es durch die USA - eben eine "Straight Story". Ein weiteres Beispiel aus der Kategorie: Skurrile Fahrzeuge: In "Dumm und Dümmer" legen Jim Carrey und Jeff Daniels mit einem Mini-Moped Hunderte Kilometer in Richtung Aspen, Colorado zurück. Mit dem Streifen, der die beiden Dödel Harry und Lloyd großteils auf Highways begleitet, legten die Farrelly-Brüder die erste einer Reihe von herrlich blöden "Lower Comedies" vor. In "From Dusk Till Dawn" kapern die ultrabrutalen Gecko-Brüder (George Clooney und Quentin Tarantino) ein von einem zweifelnden Priester (Harvey Keitel) gesteuertes riesiges Wohnmobil. Robert Rodriguez' Kult-Film von 1996 mutiert schließlich im mexikanischen Biker-Club "Titty Twister" vom coolen Roadmovie zum bluttriefenden Splatter-Ungetüm. Sein Wohnmobil besteigt auch Warren R. Schmidt, um an seinem Lebensabend, nach dem überraschenden Tod seiner Frau, die Weite Amerikas zu erkunden. Jack Nicholson brilliert in der Tragikomödie "About Schmidt" (2002) als pensionierter Versicherungsvertreter, der die verschiedenen Schläge des Lebens erträgt. Auf seiner Reise trifft er unter anderem auf alternde Hippies. Auf gewisse Weise kehrt Nicholson somit auch an den Beginn des Genres zurück: In "Easy Rider" spielte er den Anwalt George Hanson. In den Nullerjahren hat das Roadmovie als Erzählform noch lange nicht ausgedient. Im Jahr 2000 wurde mit "Road Trip" sogar das Genre College-Komödie auf die Straße verlegt. MTV-Blödler Tom Green begibt sich mit einigen Studenten der Uni Ithaca (Breckin Meyer, Seann William Scott) auf eine Spritztour voller Sex- und Ekelgags. 2004 kam mit "Sideways" die gesetztere Variante von Buben-Vergnügungen in die Kinos: Suff und Sex auf höherem Niveau, sozusagen. Wobei der geschiedene Lehrer und Weinliebhaber Miles (Paul Giamatti) eher Ersteres betreibt, und sein bester Freund Jack, ein abgehalfterter Schauspieler (Thomas Haden Church), eher für den Erfolg bei Frauen zuständig ist. Auf ihrer Reise durch die Weinbaugebiete Kaliforniens lernen sie mehr übers Leben, als bloß gut zu essen und Golf zu spielen. Mehrfach ausgezeichneter Independent-Kinohit von Alexander Payne (drehte auch "About Schmidt"). 2003 begab sich Vincent Gallo in seinem Essayfilm "The Brown Bunny" auf eine elegische Reise ins Nichts. Die desillusionierte Hauptfigur, ein Motorradrennfahrer durchquert in einem Lieferwagen die USA, um zu einem Rennen in Kalifornien zu fahren. Mitten im Film rollt Gallo sein Motorrad aus dem Wagen und brettert durch die endlos scheinende Salzwüste. Oder: Die Überwindung der Straße. Aufsehen erregte Gallos Film aber vor allem durch eine breit ausgewalzte Fellatio-Szene mit Chloé Sevigny. Das Roadmovie bleibt die Domäne des Independent Films - eines der liebenswertesten Beispiele dafür aus dem vergangenen Jahrzehnt ist die Tragikomödie "Little Miss Sunshine" von 2006.
Die junge Olive (Abigail Breslin) hat einen Traum. Sie möchte einen Schönheitswettbewerb gewinnen. Auf ihrer Reise zur bundesweiten Misswahl in Los Angeles werden die Schwachpunkte ihrer dysfunktionalen Familie freigelegt. Und: Nie wurde ein VW-Bus T2 besser in Szene gesetzt. Im Zusammenhang mit "No Country for Old Men" erinnert man sich vor allem an die unglaublich schlechte Frisur von Javier Bardem - und daran, dass der Film unglaublich viele Oscars (vier) gewann. In ihrem Werk von 2007 führten die Brüder Coen die Genres Western, Thriller und Roadmovie auf selten geniale Weise zusammen. Die Romanvorlage lieferte Cormac McCarthy.

Bild: Javier Bardem als unfassbar kaltblütiger Killer "Into the Wild" (2007) ist die bisher überzeugendste Arbeit von Sean Penn als Regisseur, und führt eines der großen Themen des Roadmovies bis zur letzten Konsequenz: Die Flucht vor den alltäglichen Verhältnissen als Zivilisationsflucht. Der Film basiert auf der gleichnamigen Reportage von Jon Krakauer und zeigt das Leben von Christopher McCandless (Emile Hirsch), der nach dem Abschluss seines Studiums eine zweijährige Reise durch die USA begann, sich unter dem Pseudonym "Alexander Supertramp" von allem materiellen Besitz lossagt und schließlich in der absoluten Wildnis Alaskas ankommt.
(KURIER.at) Erstellt am
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