Miami Nice

Auf Spurensuche in Miami und Miami Beach. Die einst schäbige Stadt und das ehemalige Fischerdorf können sich sehen lassen. Wer in den Süden Floridas reist, bekommt mehr geboten als Sonne, Strand und Meer. Auch wenn das keiner vermuten mag.

Wenn mich heute jemand fragt, wie oft ich in Miami war, kann ich sagen: Locker hundert Mal. Die Hälfte davon ging für Verbrecherjagden mit Crockett drauf, den Rest meiner Besuche stattete ich der Gegend in Form von Fernseh-Dokus, Filmen und Büchern ab. Mit Sonny trieb ich mich regelmäßig zwischen den Hot Spots Ocean Drive, Art-déco-Viertel und South Beach herum, viel mehr gab es nicht zu sehen. Miami galt als Synonym für Sonne, Strand und Meer – und nicht viel mehr. Zugegeben: Es war vorerst ein kindlicher Wunsch, einmal im Leben Miami zu sehen. Meine Eltern hätten einer Neunjährigen wohl kaum erlaubt, alleine in ein Flugzeug zu steigen. Und ob Sonny Crockett über den Besuch eines verträumten Mädchens auf seinem Hausboot, das am Bayside Marketplace vor Anker lag, erfreut gewesen wäre? Verliebt war ich trotzdem, und so waren meine Dates mit Sonny von 1984 bis 1989 Pflicht. Doch der Schauplatz meiner Mädchenträume hat die Augen nicht verschlossen, vor dem, was man Entwicklung nennt. Und es ist nicht übertrieben, wenn David Leddick, in Miami lebender Autor, sein Zuhause das "New York des 21. Jahrhunderts" nennt.

Als ich, mittlerweile längst erwachsen, zum ersten Mal meine Füße und jede Menge Geld in den Sand von South Beach setzte, war Amerikas südliche Metropole nicht mehr dieselbe. Sonny war weg und hatte das Miami-Vice-Image mitgenommen. Ocean Drive, South Beach und Art-déco-Viertel waren aber noch da. Gar nicht selbstverständlich, hatten Spekulanten vor 30 Jahren geplant, die schmucken Häuser mit den schönen Art-déco-Fassaden in pastelligem Mauve und Green abzureißen. Ohne die Proteste der Anrainer hätte ich die Zeitzeugen der 1930er- und 1940er-Jahre mit den Neon-Schriftzügen, Bullaugen-Fenstern und tropischen Dekors nie live gesehen. Das Art-déco-Viertel in Miami Beach gilt noch immer als Hauptattraktion der Gegend. Mittlerweile hat es aber Konkurrenz bekommen. Früher wäre wohl kaum ein Tourist auf die Idee gekommen, Downtown einen Besuch abzustatten. Jetzt, wo der Weg geebnet ist, zur Hauptstadt des spanischsprachigen Nordamerika zu werden, kann davon keine Rede mehr sein – mit Spanglisch als künftiger Landessprache und einem französischen Einschlag, der nicht zu überhören ist. Viele Quebecer stranden auf der Flucht vor dem harten kanadischen Winter hier und sind gekommen, um zu bleiben. So kommt es auch, dass Florida der Einwanderer wegen zu den am schnellsten wachsenden Staaten der USA gehört. Miamis Hafen zählt zu den größten der Welt und jährlich reisen per Flugzeug mehr als 14 Millionen Touristen an. Das bringt Geld, und so ist aus dem schäbigen Downtown nicht nur ein wichtiges Finanzzentrum geworden. Seit der Eröffnung des "Cesar Pellis Carnival Center for the Performing Arts", 2006, schreitet die Metamorphose vom Seebad zum Kulturzentrum voran. Konzertsaal, Theater, Ballett- und Opernhaus, alles unter einem Dach – und rundherum eine Gegend, die statt heruntergekommen nun als aufstrebend gilt. Auch am Beach hat die Kunst längst Einzug gehalten. Die "Art Basel Miami Beach", die ab 1. Dezember zum neunten Mal über die Bühne geht, verleiht der Party-Metropole einen intellektuellen Touch. Gefeiert wird auch hier, keine Frage. Doch mit dem Kauf von Gegenwartskunst gesellt sich ein neues Hobby der Superreichen dazu. Kunst ist chic. Wen kümmert es da, dass junge Exponate so teuer sind, wie die der alten Meister. Dass die "Heilige Messe" dem Ort einen Aufschwung verpasst, ist kaum zu übersehen. Luxus-Wohnungen und Nobel-Hotels schießen wie Pilze aus dem Boden. Und so ist auch im Haus 116 Ocean Drive der Glamour zurückgekehrt. Dort hat einst Designer Gianni Versace gelebt, ehe er auf den Stufen der "Casa Casuarina", wie das Haus zu seinen Lebzeiten hieß, erschossen wurde. 14 Jahre später ist daraus "The Villa by Barton G." geworden, ein exklusives Projekt des umtriebigen Geschäftsmannes Barton G. Weiss, unter Insidern auch "Miami Weiss" genannt. Der Event-Manager und Gastronom vermietet zehn der 14 exklusiven Suiten an eine zahlkräftige Klientel. Und seit er seine Gäste mit achthändigen Massagen, in Großbritannien ausgebildeten Butlern und einem schicken Restaurant lockt, geben die Promis sich die Klinke in die Hand. Einen Haussalat, dessen Dressing mit Stickstoff gefrostet wird, bekommt man auch nicht alle Tage. Tom Cruise und Katie Holmes sind jedenfalls auf den Geschmack gekommen und haben sich nach dem Dinner im Sterne-Observatorium des Luxus-Domizils verlobt. Und ich? Flanierte mit Respektabstand an der schönen Villa vorbei, eingeschüchtert von der fast erdrückenden Opulenz und den unentwegt glotzenden Medusenköpfen.
Am South Beach ist es nicht viel anders. Auch dort steht Glotzen auf der Tagesordnung. Der Atlantikstrand am berühmten Lummus Park ist nichts für einsame Stunden. Das Motto lautet: Sehen und gesehen werden. Dort flaniert ein durchtrainierter Muskelprotz, dessen wohldefinierter Körper erahnen lässt, wie viel Zeit und Arbeit in ihm steckt. Da posiert ein topgestyltes Silikonpüppchen, das als lebender Beweis fungiert, dass Kunst absolut nicht nur Museen und Galerien vorbehalten ist.

Sonny Crockett habe ich bei meinen Streifzügen übrigens nicht erspäht. Er wäre aber ohnedies nicht mehr derselbe. So wie Miami – und so wie ich. Das ist gut so. Man muss Veränderungen Raum geben.
(KURIER.at) Erstellt am
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