Madeira: Gipfelsturm im Atlantik

Nur Wanderern erschließt sich die Schönheit der Blumeninsel in aller Vielfalt. Zum Beispiel entlang der Levadas oder beim Skywalk über Gipfelpfade.
Wanderer auf einem schmalen Pfad entlang einer Klippe mit Blick auf das Meer.

Karnischer Höhenweg, Dolomiten, Pico Ruivo: Die letzte Bergwanderung ist wohl immer die schönste. Mag sein, dass ich deshalb ein bisschen euphorisch von Madeira erzähle: Der Wanderpfad vom Pico Arieiro, dem zweithöchsten Berg auf der Atlantikinsel, zum höchsten, dem 1862 Meter hohen Pico Ruivo, ist eine Hochschaubahn über Felsflanken, ein Skywalk über den Wolken und dem tief unten liegenden Blau des Atlantik, ein grandioses Abenteuer für Menschen wie mich, die hier mit null Bergsteiger-Können, aber solider Sonntags-Wander-Kondition eine "Klettertour" erleben.

Die 5-Stunden-Tour ist die schönste Wanderung, die man auf Madeira machen kann. Sie führt verwegen über gepflasterte schmale Grate, bergauf und bergab über geschätzte 5000 Stufen, durch Tunnels, in denen man eine Taschenlampe benötigt, durch senkrechte Felswände mit grandiosen Ausblicken. Schwindelfreiheit ist dennoch nicht notwendig. Wo sich Abgründe auftun, wird der Pfad zum Balkon – einen Meter breit, zur Talseite bestens gesichert mit Eisenpfeilern und Stahlseilen.

Schwitzkur schwänzen

Eine Wanderin auf einem Pfad entlang einer Levada auf Madeira.

Tipp für Faule: Ein spektakulärer Teil der Tour, der Skywalk über den schmalsten Grat, liegt gleich am Beginn. Eine Stunde Marsch hin und retour vom Parkplatz am Gipfel des Arieiro reicht, um "abzuheben". Danach genießen Schwitzkuren-Schwänzer den Ausblick auf Madeiras schönste Berge und das Meer ohne Muskelkater von der Terrasse des Gipfel-Restaurants bei einem kühlen Cerveja Coral, dem süß-herben Madeira-Bier.

Eines ist klar: Nur Wanderern erschließt sich Madeiras Schönheit in aller Vielfalt. Etwa auch entlang der Levadas, dem 2000 Kilometer langen Netz von Wassergräben. Sie sind die Lebensadern der Insel und größte Touristenattraktion. Wer ihnen folgt, entdeckt das Herz Madeiras.

Zum Beispiel am Weg zu den 25 Quellen oder entlang der Forellen-Levada von Ribeiro Frio nach Portela durch den UNESCO-geschützten subtropischen Lorbeerwald, der einst die ganze Insel bedeckte. Es riecht nach feuchtem Moos und Eukalyptus. Überall tropft und gluckert es. Im bemoosten Steinbett schlängelt sich die Levada den Berghang entlang. Mannshohe Farne säumen den Weg, dick mit Flechten behangene Lorbeerbäume bilden ein schattiges Kronendach. Am Jausenplatz naschen Singvögel mit, fressen fast aus der Hand.

Zwei Mal führt die Forellen-Levada durch kurze Tunnel. Sie ist – wie die Tour zu den 25 Quellen – ein Klassiker, der alles bietet, was man sich von einer Levada-Wanderung erwartet. Wer den Weg von Portelo nicht wieder retour gehen will, nimmt für ca. 25 € ein Taxi zurück zum Ausgangspunkt Ribeiro Frio. Dort serviert das urige Dorf-Gasthaus frische Forellen. Köstlich und passend zur Forellen-Levada.

Der Begriff Levada kommt vom portugiesischen Wort "levar", was so viel wie "führen" oder "bringen" bedeutet. Das ausgeklügelte Bewässerungssystem versorgt die trockenen Küstengebiete seit 600 Jahren mit dem lebenswichtigen Nass aus dem niederschlagsreichen Inselinneren. Die ersten Gräben wurden bereits im 15. Jahrhundert von afrikanischen Sklaven für die ersten Siedler gebaut. Die Zuckerrohr-Plantagen brauchten Wasser, viel Wasser. Der Bau war eine unglaublich harte und gefährliche Arbeit, die vielen das Leben kostete. In schwindelerregenden Höhen mussten die Sklaven in Körben hängend die Kanäle in senkrechte Felswände meißeln.

Wüste mit Meerblick

Ein Buchfink sitzt auf einem moosbewachsenen Ast.

Eine Tour der Extraklasse ist auch die Rundwanderung auf der Halbinsel Ponta de São Lourenço an der Ostspitze Madeiras. Das Naturreservat ist eine bizarre, windumtoste Kulisse aus Wüste, Lavaklippen und schäumender Brandung. Immer hat man freien Blick aufs Meer und den nicht weit entfernten Flughafen, dessen Landepiste auf mächtigen Betonpfeilern spektakulär an die Felsküste angedockt ist. Viel Kondition braucht man für diese Tour nicht, in drei Stunden ist sie zu schaffen.

Wanderungen sollten man möglichst am Vormittag unternehmen. Nachmittags ziehen oft Wolken auf und hüllen die Bergwälder und Gipfel in Nebel. Sichere Wetterempfehlungen lassen sich auf Madeira allerdings nur schwer geben. Oft wechselt es binnen Minuten, mit Regenschauern muss man fast immer rechnen, außer vielleicht den trockenen Monaten Juni bis September. Auch wenn Reiseführer als beste Wanderzeit gerne den Winter anführen, sind Sommer und Herbst dafür wohl besser geeignet, weil das Wetter stabiler ist. Vor Hitze muss man sich nicht fürchten, in den zwischen 800 und 1800 Meter hoch gelegenen Wanderregionen wird es nie heißer als 20 Grad. Im Winter dagegen kann es dort empfind­lich kühl sein.

Als Kontrastprogramm zur täglichen Dosis Natur macht es für Wanderer Sinn, das Basislager in der charmanten Hauptstadt Funchal aufzuschlagen – möglichst im Zentrum, etwa im gemütlichen und günstigen 3*-Hotel do Carmo, das auch einen kleinen Swimming-Pool am Dach mit herrlichem Blick auf die Stadt hat.

In Funchal kann man abends durch die schönen Gassen bummeln oder einen Drink mit Blick aufs Meer in den Lokalen an der hübschen Uferpromenade nehmen. Auch jede Menge Restaurants hat man zur Auswahl – vor allem in der Altstadt und rund ums schmucke Kathedralen-Viertel. Wohnt man dagegen in den Dörfern und Kleinstädten der Insel sind Restaurants und Unterhaltungsmöglichkeiten dürftig, spätestens am dritten Abend wiederholt sich der Film.

Nach dem Wandern

Eine Gruppe von Menschen steht vor einer Kirche mit zwei Glockentürmen.

Nach dem Wandern bleibt an den Nachmittagen genügend Zeit, die Insel zu erkunden, am besten per Mietauto. Einige Ziele, die sich lohnen:

Monte Hoch über Funchal liegt das Villenviertel mit prächtigen Anwesen der englischen Weinbarone aus dem 18. und 19. Jh. sowie die Kirche Nossa Senhora, in der Karl I. bestattet ist. Auto stehen lassen und die Gondelbahn Teleférico mit herrlicher Aussicht auf Funchal nehmen.

Fischerdörfer Zwei noch recht urige liegen keine 20 Kilometer von Funchal entfernt an der Südküste: Câmara de Lobos und Ribeira Brava.

Kunst Im Berghang über dem Badeort Calheta an der Südküste liegt das Art-Déco-Museum Casa das Mudas. Der einheimische Sammler Joe Berardo zeigt hier wechselnde Exponate seiner Sammlung. Reizvoll ist auch das Gebäude selbst, das man durch das Dach betritt. Architekt Paulo David erhielt für den würfelförmigen Bau aus Vulkangestein den Mies-van-der-Rohe-Preis.

Paúl do Mar Fischerdorf westlich von Calheta mit spektakulärer Anfahrt. Über eine 500 m hohe, fast senkrechte Felswand schlängelt sich die Straße hinunter zum Meer. Im Dorf-Café spielen die Fischer unter einem riesigen Gummibaum Domino. Der Postler liefert die Briefe gleich hier ab.

Adlerfels Der 590 Meter hohe Plateau-Berg Penha de Aguia beim malerischen Hafenort Porto da Cruz ist das Wahrzeichen der Nordküste. Früher lebten hier Fischadler.

Lava-Pools Die Attraktion von Porto Moniz an der Nordwestspitze sind die Piscinas Naturais, Naturpools im Lavagestein, in denen man geschützt baden kann. Davor tost die Brandung.

Paúl da Serra Die Fahrt über die karge Hochebene im Inneren der Insel ist ein landschaftlicher Hochgenuss. Im Frühsommer ist sie von blühendem Ginster übersät.

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