Kolumbien: Jenseits der Zeit
Eldorado war der Grund für die Spanier, nach Kolumbien zu kommen. Denn dort wurde angeblich jeder Priester, quasi zum Amtsantritt, mit Harz beschmiert, worauf man eine dünne Blattgoldschicht aufbrachte. Dann schickte man den Gottesmann in einem kleinen Boot über einen mit Wasser gefüllten Krater. Als Zeichen der Demut sprang er in die Fluten, das Gold löste sich und sank auf den Grund. Die Zeit ging ins Land, viele Priester entledigten sich auf diese Weise ihres Goldkleids. Das brachte die bekannt bescheidenen Conquistadores auf die Idee, den mühevollen Weg in die Anden anzutreten, um das Edelmetall zu ernten.
Faszinierend, mit welcher Kunstfertigkeit Plastiken aus hauchdünnem Gold geformt wurden. So dünn, dass man schon beim Anschauen Angst bekommt, es könnte zerfallen. Bogotá zeigt sich sonst eher von der rauen Seite. Schattige zwölf Grad im Hochsommer, trotz Äquatornähe. Man liegt auf 2.700 m Seehöhe. Im August, das ist der Monat der Winde, schläft der Reisende komplett bekleidet, denn Heizen hält man hier für überschätzt.
Doch davon abgesehen ist Kolumbien unaufgeregt und sicher. Die alten sozialen Spannungen sind für die Reisenden nicht spürbar, das Land präsentiert sich über weite Teile prätouristisch: keine Belästigungen, keine Aufdringlichkeiten und eine ungemein freundliche, offene Bevölkerung. Zusätzliches Plus ist im Unterschied etwa zu großen Teilen Mittelamerikas die Qualität und Vielfältigkeit der Küche. Vom großartigen Rindfleisch, das dem argentinischen um nichts nachsteht, bis zum allgegenwärtigen Ceviche (roh marinierter Fisch) reicht die Palette an sehr raffinierten Fleisch- und Fischgerichten, die im Norden noch um karibische Details bereichert werden. Apropos Norden: auch die karibische Küste Kolumbiens (das Land liegt ja als einziges in Südamerika an Atlantik und Pazifik) eignet sich nicht für Massentourismus. Zu klein die Strände, zu zerklüftet die Küste. Ein Vorteil auf lange Sicht gesehen. Der Pazifikteil verfügt zwar über lang gezogene Strände, stellt gelsentechnisch aber eine Herausforderung dar. Daher auch dort: kaum Reiseindustrie.
Dasselbe gilt für die abenteuerlichste Region Kolumbiens, den einsamen Süden. Einsam ist vielleicht nicht ganz korrekt, verfügt dieser Landesteil im Dschungel doch über eine reichhaltige, nicht immer menschenfreundliche, Fauna. Dieser Umstand und das grassierende Gelbfieber lassen die meisten Reisenden von einem Besuch eher Abstand nehmen. Doch zurück zum Norden. Dort landeten die Spanier, um ihre Raubzüge ins Landesinnere fortzusetzen. Die positive Seite: ausgezeichnet erhaltene Kolonialstädte wie Cartagena oder Mompóx.
Letzteres erfordert eine längere Anreise. Die lohnt sich allerdings. Seit 1995 als Baukunst-Juwel des 17. Jahrhunderts UNESCO-Weltkulturerbe und auf einer Sumpfinsel liegend. Die Architektur ist einzigartig, maurische und indigene Elemente kommen hier zusammen. Besonders beeindruckend sind die gewaltigen Torbögen, die den Zugang zu extravaganten Patios mit Springbrunnen bilden.
Ganz anders das quirlige Cartagena. Ein komplett erhaltener historischer Stadtkern, karibisch, erfüllt mit Musik und Vitalität. Wer schon genug Reggae gehört hat, entdeckt hier die Champeta. Grandiose Rhythmen, die ihre afrikanischen Wurzeln nicht verbergen können, erfüllen die Straßen. Keine aufgesetzte Geste für uns Fremde, eher unabsichtlich, ganz normal.
Hochinteressant, selbst für Juwelengleichgültige, ist der Besuch im Smaragdmuseum. In Kolumbien gewinnt man angeblich die reinste Form dieses unwirklich schönen, grünen Edelsteins. Man erklärt uns, dass der einzige Platz für Smaragdabbau in Europa bei uns zu finden war, im Pinzgauer Habachtal. Diesem mit Werkzeug einen Besuch abzustatten ist allerdings wenig lohnenswert, die Mine längst ausgebeutet. Dafür lohnt sich ein kolumbianischer Kaffee im Hotel Santa Clara allein wegen des Innenhofs. Wunderschön, mit tropischen Pflanzen zugewuchert, lässt sich hier die Geschichte erahnen und ist eine Oase der Ruhe in der turbulenten Stadt. Abgesehen von einem frechen Haustukan, mit dem sich manche das Essen teilen müssen.
Etwas kurios wird’s dann in der Dämmerung: Choräle ertönen und als Mönche verkleidete Kellner zünden die Kerzen an, danach erfreut man den Gast mit Vogelstimmen – vom Band. Bei unserem Besuch gleicht das Hotel einer Filmkulisse, sonnenbebrillte Männer mit Headset überall. Eine Hochzeitskutsche fährt vor, das Brautpaar betritt von Leibwächtern beschützt das Hotel, dahinter eine weiß gekleidete Menschenschlange, optisch angelehnt bei "Der Pate". Ein Kellner flüstert mir zu, dass hier "gente importante" heiraten.
Es war nicht herauszufinden, auf welcher Seite des Gesetzes diese wichtigen Leute standen, doch die Braut tat mir leid. Ihr Gesicht wirkte nicht wirklich entspannt. Das ist das andere Gesicht Kolumbiens. Eines, das man gerne hinter sich gelassen hätte, eines, das immer wieder kommt, seltener zwar, doch immerhin. Es hält sich konstant im Gemüt der Bevölkerung und in den Vorurteilen all jener, die Kolumbien aus diesen Gründen kategorisch von ihren Reiseplänen ausschließen. Dies führt allerdings dazu, dass dieses Gesicht niemals verschwindet. Also. Nichts wie hin!
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