Kolumbien: Jenseits der Zeit

Heiß und kalt, friedlich und abenteuerlich, traditionell und modern – Kolumbien hat viele Gesichter. Und liegt doch abseits aller touristischen Landkarten. Ein Segen und ein Fluch, meint freizeit-Autor Alfred Dorfer.
Zwei Männer unterhalten sich auf einer Straße mit farbenfrohen Kolonialgebäuden.

Eldorado war der Grund für die Spanier, nach Kolumbien zu kommen. Denn dort wurde angeblich jeder Priester, quasi zum Amtsantritt, mit Harz beschmiert, worauf man eine dünne Blattgoldschicht aufbrachte. Dann schickte man den Gottesmann in einem kleinen Boot über einen mit Wasser gefüllten Krater. Als Zeichen der Demut sprang er in die Fluten, das Gold löste sich und sank auf den Grund. Die Zeit ging ins Land, viele Priester entledigten sich auf diese Weise ihres Goldkleids. Das brachte die bekannt bescheidenen Conquistadores auf die Idee, den mühevollen Weg in die Anden anzutreten, um das Edelmetall zu ernten.

Eine belebte Plaza mit einer Skulptur, Tauben und traditioneller Architektur in Cartagena, Kolumbien.
Langwierig wurde das Wasser aus der Caldera abgelassen, doch zu Tage traten nur Schlamm und Algen. Eine schöne Parabel auf die schnöde Gier des Menschen, hatte doch das Gold für die indigene Bevölkerung keine materielle, sondern nur rituelle Bedeutung. Eindrucksvoll zu besichtigen im Goldmuseum der Hauptstadt Bogotá. Grandiose Meisterwerke, feinstens verarbeitet, bieten sich den staunenden Besuchern.

Faszinierend, mit welcher Kunst­fertigkeit Plastiken aus hauchdünnem Gold geformt wurden. So dünn, dass man schon beim Anschauen Angst bekommt, es könnte zerfallen. Bogotá zeigt sich sonst eher von der rauen Seite. Schattige zwölf Grad im Hochsommer, trotz Äquatornähe. Man liegt auf 2.700 m Seehöhe. Im August, das ist der Monat der Winde, schläft der Reisende komplett bekleidet, denn Heizen hält man hier für überschätzt.

Drei farbenfroh gekleidete Frauen verkaufen Obst an einem gelben Gebäude.
Im alten Viertel Kalendario lässt sich die Kolonialzeit sehr vital erahnen. Zahlreiche kleine Bodegas, quirlige Atmosphäre. Das Studentenviertel repräsentiert die Schokoladenseite Kolumbiens. Ein Land im Aufbruch, höchst bemüht, die jüngste Vergangenheit vergessen zu machen. Man erinnert sich dennoch, um die Ecke im Regierungsviertel mit dem Parlament, einst niedergebrannt vom allmächtigen Drogenboss Escobar. Sein Geschäft muss einträglich gewesen sein. Machte er sich doch erbötig, die gesamten Staatsschulden zu bezahlen, wenn er unbehelligt geblieben wäre. Er blieb es nicht, 1993 bei einer Razzia in Medellín erschossen, blieb ihm immerhin die Auslieferung erspart. Doch die Drogen waren nicht das einzige Sicherheitsproblem. Mit finanzieller Hilfe der USA gelang es, den Bürgerkrieg gegen die FARC in den Griff zu bekommen. Heute noch soll es verstreute Gebiete in den Hochländern und im südlichen Dschungel an der Grenze zu Brasilien in der Hand der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia geben. Für Ausflüge sind diese Regionen nicht unbedingt anzuraten, allzu gerne werden Touristen dort verschleppt.

Doch davon abgesehen ist Kolumbien unaufgeregt und sicher. Die alten sozialen Spannungen sind für die Reisenden nicht spürbar, das Land präsentiert sich über weite Teile prätouristisch: keine Belästigungen, keine Aufdringlichkeiten und eine ungemein freundliche, offene Bevölkerung. Zusätzliches Plus ist im Unterschied etwa zu großen Teilen Mittelamerikas die Qualität und Vielfältigkeit der Küche. Vom großartigen Rindfleisch, das dem argentinischen um nichts nachsteht, bis zum allgegenwärtigen Ceviche (roh marinierter Fisch) reicht die Palette an sehr raffinierten Fleisch- und Fischgerichten, die im Norden noch um karibische Details bereichert werden. Apropos Norden: auch die karibische Küste Kolumbiens (das Land liegt ja als einziges in Südamerika an Atlantik und Pazifik) eignet sich nicht für Massentourismus. Zu klein die Strände, zu zerklüftet die Küste. Ein Vorteil auf lange Sicht gesehen. Der Pazifikteil verfügt zwar über lang gezogene Strände, stellt gelsentechnisch aber eine Herausforderung dar. Daher auch dort: kaum Reiseindustrie.

Dasselbe gilt für die abenteuerlichste Region Kolumbiens, den einsamen Süden. Einsam ist vielleicht nicht ganz korrekt, verfügt dieser Landesteil im Dschungel doch über eine reichhaltige, nicht immer menschenfreundliche, Fauna. Dieser Umstand und das grassierende Gelbfieber lassen die meisten Reisenden von einem Besuch eher Abstand nehmen. Doch zurück zum Norden. Dort landeten die Spanier, um ihre Raubzüge ins Landesinnere fortzusetzen. Die positive Seite: ausgezeichnet erhaltene Kolonialstädte wie Cartagena oder Mompóx.

Letzteres erfordert eine längere Anreise. Die lohnt sich allerdings. Seit 1995 als Baukunst-Juwel des 17. Jahrhunderts UNESCO-Weltkulturerbe und auf einer Sumpfinsel liegend. Die Architektur ist einzigartig, maurische und indigene Elemente kommen hier zusammen. Besonders beeindruckend sind die gewaltigen Torbögen, die den Zugang zu extravaganten Patios mit Springbrunnen bilden.

Die Kathedrale von Cartagena, Kolumbien, mit Menschen davor.
Erstaunlich auch die enorme Raumhöhe sowie mit Ziegeln überdachte Fenster mit christlichen Symbolen. Gabriel Garcia Márquez ließ seinen Bolivar sagen "Mompóx gibt es nicht, zuweilen träumen wir von dieser Stadt, aber es gibt sie nicht!" Erfreulicherweise gibt es sie doch, wer sie besucht, wird berührt sein von einer Stadt quasi außerhalb der Zeit.

Ganz anders das quirlige Cartagena. Ein komplett erhaltener historischer Stadtkern, karibisch, erfüllt mit Musik und Vitalität. Wer schon genug Reggae gehört hat, entdeckt hier die Champeta. Grandiose Rhythmen, die ihre afrikanischen Wurzeln nicht verbergen können, erfüllen die Straßen. Keine aufgesetzte Geste für uns Fremde, eher unabsichtlich, ganz normal.

Hochinteressant, selbst für Juwelengleichgültige, ist der Besuch im Smaragdmuseum. In Kolumbien gewinnt man angeblich die reinste Form dieses unwirklich schönen, grünen Edelsteins. Man erklärt uns, dass der einzige Platz für Smaragdabbau in Europa bei uns zu finden war, im Pinzgauer Habachtal. Diesem mit Werkzeug einen Besuch abzustatten ist allerdings wenig lohnenswert, die Mine längst ausgebeutet. Dafür lohnt sich ein kolumbianischer Kaffee im Hotel Santa Clara allein wegen des Innenhofs. Wunderschön, mit tropischen Pflanzen zugewuchert, lässt sich hier die Geschichte erahnen und ist eine Oase der Ruhe in der turbulenten Stadt. Abgesehen von einem frechen Haustukan, mit dem sich manche das Essen teilen müssen.

Etwas kurios wird’s dann in der Dämmerung: Choräle ertönen und als Mönche ver­kleidete Kellner zünden die Kerzen an, danach erfreut man den Gast mit Vogelstimmen – vom Band. Bei unserem Besuch gleicht das Hotel einer Filmkulisse, sonnenbebrillte Männer mit Headset überall. Eine Hochzeitskutsche fährt vor, das Brautpaar betritt von Leibwächtern beschützt das Hotel, dahinter eine weiß gekleidete Menschenschlange, optisch angelehnt bei "Der Pate". Ein Kellner flüstert mir zu, dass hier "gente importante" heiraten.

Es war nicht herauszufinden, auf welcher Seite des Gesetzes diese wichtigen Leute standen, doch die Braut tat mir leid. Ihr Gesicht wirkte nicht wirklich entspannt. Das ist das andere Gesicht Kolumbiens. Eines, das man gerne hinter sich gelassen hätte, eines, das immer wieder kommt, seltener zwar, doch immerhin. Es hält sich konstant im Gemüt der Bevölkerung und in den Vorurteilen all jener, die Kolumbien aus diesen Gründen kategorisch von ihren Reise­plänen ausschließen. Dies führt allerdings dazu, dass dieses Gesicht niemals verschwindet. Also. Nichts wie hin!

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