Kathmandu: Größtes Dorf der Welt

Nepals Hauptstadt ist bunt, freundlich, interessant, geschichtsträchtig, spirituell. Vor allem ist Kathmandu aber charmant. Und noch immer ein Dorf.

Es war vielleicht auch gar nicht schwierig, dass mich eine Stadt nach den indischen Enttäuschungen Delhi, Agra und Varansi begeistert. Als ich nach zwei Wochen Nordindien über die Grenze trat und auf nepalesischem Boden stand, änderten sich aber zwei Dinge: Regen durchbrach plötzlich die drückende Hitze. Und freundliche Lächeln die Massen an verstörten Blicken. Unfassbar, wie unmittelbar beides einsetzte, als ich über die Grenze trat.

Bild: Blick auf Durbar Square/Ganga Path Ich vergeudete keine Zeit, mich darüber weiter zu wundern. Ich genoss, was da geschah. Ich genoss die Freundlichkeit, die offenen Arme. Das einfache Essen, das arme Menschen zum Teilen anboten. Nepal wird nachgesagt, ein beseeltes Land zu sein. Wegen des Buddha vielleicht. Oder wegen der Geschichte. Oder einfach wegen des Ausblicks auf die 8000er des Himalayas. Ausblick schafft Weitblick, kann man meinen. Jedenfalls fiel mir schon in drei Wochen Nepal auf, wie besonders dieses Land ist.
Und dann kam ich in die Hauptstadt Kathmandu. Es ist schwer zu beschreiben, wie wunderbar ich diese Stadt fand, die in einem prächtigen Hochtal liegt. Sie braucht kein Lob, sie braucht sogar nur geteilte Aufmerksamkeit. Denn was sie einem so nebenbei gibt, ist beachtlich. Inhaliert man sie vollständig, könnte es sein, dass man bleibt. Ich flanierte also nur. Und saugte die Geschichte dieses Spazierganges auf. Später schrieb ich sie auch in das Buch "Einfach eine Weltreise" (erschienen im Amalthea Verlag, 270 Seiten, rund 170 Abbildungen, 19,95 Euro). Folgender Text und die Bilder sind aus dem Buch. Wundergroßes Dorf

Gleich hinter dem Platz mit der Buddhafigur und den vielen Gewürzständen bog ich in die lange gerade Gasse Richtung Durbar Square. Über der schmalen Gasse strahlte der Himmel blau, durchsetzt von hunderten, tausenden bunten Gebetsflaggen-Strängen. Auf den ersten Metern drängten sich noch Gewürz-, dann die Stoffhändler, dann Vorhängeschloss-Läden. Und dann fing die Meile der Bronze- und Kupfergeschirr-Tandler an. Aus den Geschäften, die meist nur aus einem Eingang bestanden, quollen die Töpfe, Teller und Becher und verengten die Gasse zu einem Pfad. Ich staunte, war mir aber sicher, hier nichts zu kaufen.

Ich war mir so sicher. Der mitunter dümmste Gedanke in Ländern mit Basar-Kultur ist, dass Schauen nichts kostet. Der Knall, der eine Lawine auslöst, tötet auch nicht. Der Kauf einer Tafel Schokolade macht niemanden dick und von dem »schnellen Kaffee oben bei mir« wird niemand schwanger. Aber Epiloge führen zwangsläufig zu einem Theaterstück und das Bühnenbild, in dem ich nun saß, war umwerfend: ... Das Geschäft ein Gang, keine zwei Meter breit. Links und rechts Regale mit Bechern, von der Decke hingen Kannen, alles funkelte in Bronze und Kupfer. Ich saß auf einem Mini-Schemel, mir gegenüber ein freundlicher Nepalese mit Schnurrbart.

Als er den ersten Becher auf die Schale der Waage legte, die von der Decke hing und so breit wie der Raum war, sagte ich mir: »Vier solche Becher, gefüllt mit Rotwein, auf meinem Tisch, das macht sich gut.« Er eröffnete elegant: »Weight makes price. This one is 400 Rupees.« Dabei hatte tags zuvor alles ganz harmlos begonnen: Die Fahrt von Pokhara nach Kathmandu war wie eine extrem gelungene Diashow an mir vorübergezogen und nach den letzten Serpentinen schaute mich das Hochplateau rund um die Hauptstadt an. Mir gefiel dieses Kathmandu Valley, das gar kein Tal ist, sofort. Grüner, saftiger, kühler und übersichtlich. An der Einfahrtsstraße standen Häuser, stets einzeln, keine Häuserzeilen. Ich weiß bis jetzt nicht warum, aber die Nepalesen bauen ihre Häuser am Stadtrand wie Bäume, die aus der Wiese wachsen. Wie Einfamilienhäuser, aber vierstöckig, für zwanzig Familien. An der Straße herrschte Leben, hier grillte eine Frau Mais, dort verteidigte ein Straßenköter sein Revier. Ein Affe überquerte die Straße, ohne die in der Mitte liegende Kuh zu grüßen. Und dann landete ich in Thamel. Der freundliche Schnurrbart stand bei 350 Rupees pro Becher. Ich begann mich zu fragen, woraus die anderen vier trinken sollten, wenn ich einmal acht Gäste habe?

Zur Erklärung: Eine Zeitlang war Kathmandu ein wenig das Auffanglager für übriggebliebene Hippies. Der gewaltfreie Kampf gegen Anzug-Kapitalismus und für freie Liebe wurde im Westen verloren und Nepal schien als Basis perfekt, vor allem weil Tibet ja schon von den Chinesen besetzt war. Also Nepal, genauer Kathmandu, noch genauer Thamel. Dieses Touristen-Viertel ist heute voller Hanfläden, Filzpatschen, Klangschalen, German Bakerys und Organic Supermarkets. Es ist die westliche Enklave in Kathmandu, auf den ersten Blick »total Nepali«, auf den zweiten »Kitsch mit gutem Marketing«. In mir kämpfte seit dem ersten Schritt aus dem Hotel das Kind mit dem Reisenden: »Disneyland, cool, lass uns mit allem fahren.«
»Nein, raus hier, unauthentisch.«
»Oh, der weit gereiste Erwachsene spricht. Nicht wieder Ecken entdecken, hier bleiben!«
(Der dritte Marihuana-Verkäufer innerhalb von zehn Minuten wird verscheucht.)
»Kompromiss: Touristenroute, aber raus hier, Richtung Hauptplatz.«
»Kompromiss: Cappuccino in der Bakery, dann Touristenroute Richtung Hauptlatz.«
»Fein.«
»Passt.« Der freundliche Schnurrbart stand bei 320 Rupees pro Becher. Ob es nicht besser wäre, gleich acht zu nehmen? Große Party, großer Spaß …

Der Kaffee war ekelhaft, dafür begann gleich hinter der Bakery ein anderes Kathmandu. Die Trekking-Geschäfte wurden zu Greißlern. Nicht mehr die Touristen schlurften in nepalesischen Gewändern umher, sondern die Nepalesen. Dafür strahlten die Gewänder nicht mehr penetrant, sondern waren ausgebleicht. Hier eine Harmonium-Werkstatt, dort ein Elektrohändler, der noch Drähte lötete. Die alten Häuser hatten hölzerne, geschnitzte Balkone. Sie standen in Reihen, sind aber niedrig genug, um das Dorfbild nicht zu zerstören. Hindu-Tempel und Ganesh-Statuen, hupende Motorräder und gammliges Obst. Dann plötzlich der Platz mit den vielen Gewürzständen. Der freundliche Schnurrbart war mittlerweile bei 280 Rupees pro Becher. Während er acht davon zusammensuchte, griff ich zu einem der wunderbaren Bronzeteller und schaute ihn mir genauer an. Am Ende der Gasse mit den Bronzehändlern liegt der Durbar Square. Die vielen Stupas, Tempel und andere religiöse Gebäude wirken wie ein Archiv für Heiligtümer. Eines begeisterte mich: Im Kumari-ghar lebt eine der drei Gottheiten Nepals. Lebt. Das kleine Mädchen in dem Tempel empfängt Nepalesen zur Audienz, zeigt sich den Touristen auf einem Holzbalkon und darf niemals fotografiert werden (außer für die Postkarten, die am Eingang angeboten werden). Sie erhält Unterricht, weiht den König und ist bis zu ihrer ersten Periode »living goddess«. Dann wird nach strengen Regeln neu ausgewählt. Ich mochte, wie sie mich da vom Balkon aus ansah, echte Göttin, hallo, da verbleicht jede Papst-Audienz, Schmied und Schmiedl, Sie wissen schon. Der freundliche Schnurrbart eröffnete mit 900 Rupees pro Teller. Mein Unterbewusstsein wusste da schon, dass zu acht Bechern acht Teller gehören. Die sogenannte Freakstreet hinter dem Durbar Square war einst Hippie-Kommandozentrale. Heute ist sie so eine Art War-Memorial dafür, dass die Hippies den Kampf auch in Kathmandu verloren haben. Ich musste raus, ganz raus. Nix Altstadt, nix Thamel. Vorort. Ecken entdecken, Menschen sehen, Schwammerl-Einzelhäuser zwischen Reisfeldern. Also machte ich mich zunächst auf den Rückweg zum Hotel, nach Thamel. Um später das echte Kathmandu zu entdecken. Ich wusste ja schließlich noch nicht, dass ich in den nächsten drei Tagen nicht Erforscher, sondern Erforschter sein würde. Nämlich: Die International CIWEC Clinic in Kathmandu ist total toll, die Ärzte fanden mein geschwollen-gerötetes Bein weniger unbedenklich als ich. (Ich: »Geben Sie mir halt ein Pulverl.« Dr. Rashila: »Haben Sie Wäsche für drei Tage dabei?«) Sie behandelten aggressiv, intravenös, autsch. Und nach drei Tagen war die Blutvergiftung-Bakterielle-Infektion-wasauchimmer wieder vorbei. Der freundliche Schnurrbart sagte, 650 Rupees pro Teller seien sein letztes Angebot. Ich rechnete im Stillen, mit einem Lächeln, nur keine Schwäche, und kam auf 7440 Rupees. Aber ich brauche doch noch einen Krug! Auf dem Rückweg vom Durbar Square zum Hotel begann mein Bein etwas zu schmerzen. Vielleicht auch, um mich kurz hinzusetzen, schaute ich nochmal zu dem Bronzehändler mit dem freundlichen Schnurrbart hinein. Die Idee, nepalesisches Geschirr daheim zu haben, reizte mich. Vor allem aber wollte ich noch mal in gebückter Haltung durch den Laden kriechen, an der großen Waage vorbei und mich auf den Schemel setzen. Ich wollte noch mal diesen Dorfcharme spüren, das Handeln zwischen Töpfen. Wir einigten uns auf 7000 Rupees für je acht Becher und Teller und einen Krug. Nachsatz: Wenn Sie auf dem Heimweg auch einen Flug von Kathmandu über Delhi haben, setzen Sie sich im Flugzeug ganz rechts zum Fenster. Die Wolken mögen zwar hoch stehen, so auf 6000 Meter. Aber die Gipfel haben hier über 8000. Und Ausblick macht Weitblick, kann man meinen.

Mehr zum Thema

(KURIER.at / Axel N. Halbhuber) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?