Reise
15.07.2018

Auf den Spuren der Kluftinger-Erfolgskrimis

Bei den geführten Literatur-Touren lernt der Gast mitunter das schaurig-schöne Gruseln an den Tatorten des Alpenvorlands kennen.

In der glatten Wasserfläche des Alatsees bei Füssen spiegeln sich die Wälder und die Berge Südbayerns. Alles sieht so still und friedlich aus – und dennoch geschah hier ein grauenhaftes Verbrechen. Zumindest im Buch – in den im deutschsprachigen Raum megapopulären Kluftinger-Krimis des Autorenduos Klüpfel und Kobr. Hier geht es im Alpenvorland zwischen Memmingen und Füssen wild zu. In der Realität hingegen herrschen Idylle und Friede pur.

Krimifans bietet Allgäu Tourismus geführte Erlebnistouren auf den Spuren von Kommissar Kluftinger und den beiden Erfolgsautoren Volker Klüpfel und Michael Kobr an, die Literatur-, Kultur- und Naturgenuss mit etwas Nervenkitzel würzen.

Im Buch „Seegrund“ macht der Kommissar bei einem Sonntagsspaziergang am Alatsee einen gruseligen Fund: Am Ufer liegt ein lebloser Körper in einer roten Lache im Wasser. Blut? Oder eine organische Substanz? Der Schlüssel zur Lösung des Falles liegt auf dem Grund des geheimnisvollen Sees.

Rätselhafter Alatsee

Nach mehreren Stationen erreicht unsere Kluftinger-Fangruppe den sagenumwobenen Bergsee. Erih Gößler macht hier seit 2007 „Seegrund“-Krimiführungen. „Der kleine Alatsee ist ein Naturphänomen“ erzählt die resolute Bayerin. „Er ist bis zu 32 Meter tief und hat keinen Zufluss. Und hier kommt der sogenannte Stinkstein vor, ein seltener Hauptdolomit, der nach Benzin und Schwefel müffelt.“ Wir sind nicht wirklich beeindruckt, denn letzteren gibt es auch am Tiroler Achensee.

Erih weiß aber mehr: „Baden ist erlaubt, tauchen hingegen nicht. Denn in rund 15 Meter Tiefe schwebt eine tiefrote Schicht aus Schwefelpurpurbakterien. Das größte Vorkommen in einem See weltweit“.

Jetzt wird es spannend. „Friert der See im Winter zu, dringen oft Purpur-Bakterienschlieren und Rotalgen nach oben, die unter der Eisschicht gespenstisch rot wabern. So trägt der Alatsee den Beinamen ,blutender See’. Und angeblich liegen am Grund Nazi-Kriegsgegenstände. 1942 wurden hier mit Holzflugzeugen Studien zum Strömungsverhalten durchgeführt und der Raketenmann Wernher von Braun stellt Torpedoversuche an.“ Zugegeben: Viele Mysterien und eine perfektere Location für einen Krimimord.

 

Gemeinsam mit Erih wandern wir rund um den naturbelassenen Bergsee, hören spannende Passagen aus dem Buch sowie Sagen der Region und staunen über manch weitere Absurdität: Esoteriker finden an diesem Kraftort „gedrehte“ Bäume und in einer kleinen Holzhütte haust der Schamane, „der mit dem Wald lebt“. Er ist sich sicher: Nur hier wird seine Seele eins mit dem Chi des Waldes. Realität und Roman verschmelzen hier.

Kluftinger-Erfolgsstory

15 Jahre Kommissar Kluftinger, unlängst erschien das zehnte Buch, fünf wurden verfilmt – so die Erfolgsgeschichte der Allgäu-Krimis. Alles begann in der schmucken Kleinstadt Memmingen. „Regionalkrimis funktionieren hier perfekt. Jeder kennt jeden und weiß, wer mit den Figuren gemeint ist. Die Krimis transportieren viel Lokalkolorit, die Kluftinger-Filme sind mehrmals im Fernsehen gelaufen. Das hat einen enormen Stellenwert für die ganze Region.“ so Simone Zehnpfennig von der Allgäu GmbH, Organisatorin der Kluftinger-Führungen. Sie erzählt so intensiv und viel vom „Klufti“, dass wir bald überzeugt sind, es handle um eine tatsächliche Existenz.

Gemeinsam geht es von einem „ Tatort“ zum nächsten – doch nirgendwo ist es so mysteriös wie am Alatsee. Vielmehr erinnert das liebliche Allgäu an unser Mühlviertel: kleinräumig gegliederte Naturlandschaft, stets geht es bergauf oder bergab, die Straßen schlängeln sich durch stille Wälder, saftige Wiesen und urige Ortschaften mit pittoresken Fachwerkhäusern.

Ein wahres Schatzkästchen am Weg ist die barocke Kartause Buxheim mit den engen Mönchszellen des Schweigeordens, der Annakapelle und dem herrlichen Chorgestühl in der Kirche. Der Ort beeindruckte auch den „muhaglen“ (wie die Allgäuer zu wortkarg sagen) und etwas tölpelhaften Kommissar sehr – wie er in „Erntedank“ schildert.

 

Im leer stehenden Schloss Görenbach (das Kluftinger als „hochgeschlossenes Landhaus“ bezeichnet – nur Neuschwanstein sei ein echtes Schloss) wird es gespenstisch. Mehr noch am Gschnaidt, einer Anhöhe bei Frauenzell. Hinter der kleinen Kirche machen wir einen makabren Fund: Mitten im Wald stehen dicht gedrängt rund 1500 Holzkreuze, so wie sie provisorisch auf frischen Gräbern aufgestellt werden. Eine gruselige Sammlung.

Mörderisch schön

Bei der Weiterfahrt eröffnet sich nach dem Naturschutzgebiet Iller-Durchbruch (Spielort im Buch „Schutzpatron“) erstmals der Blick auf die Allgäuer Alpen sowie das imposante Zugspitz- und Wetterstein-Massiv. Nun zeigt das Allgäu seine alpine Seite: Vom Ferienort Oberstdorf aus radeln wir Kluftis-E-Bike-Tour im Buch „Himmelhorn“ ins Oytal nach.

Per Seilbahn schweben wir anschließend auf das 2224 Meter hohe Nebelhorn, und genießen – so wie auch der heimatverliebte Kommissar – Sonne und Fernblick.

Zu guter Letzt treffen wir bei einer Lesung in Kempten die Autoren Kobr und Klüpfel höchstpersönlich. Bisher haben die beiden etwa sieben Millionen Bücher verkauft. Wie kommen sie auf all die Ideen? „Das Allgäu liefert mehr Stoff und Charaktere als Platz in den Büchern ist“, erklären die beiden. „Die Grundideen kommen hier ganz von allein. Und sollten wir mal mehr Input brauchen, fahren wir einfach mal übers Land.“ Als ob das so einfach mit Erfolgskrimis wäre.

Info

Anreise Railjet nach München; weiter mit Nahzug  bis Kempten.  www.oebb.at. Auto: über München und die A 96 nach Memmingen, weiter A7 nach Kempten. Oder: A 12 Inntalautobahn, Fernpass/Reutte (B 179) und A7 nach Kempten oder Memmingen.

Auf den Spuren von Kommissar Kluftinger Die Allgäu GmbH bietet mehrere Kluftinger-Touren an (auf Anfrage auch mehrtägig), die zu unterschiedlichen „ Tatorten“ der Krimis führen (übersichtlich auf einer Landkarte verzeichnet), allgaeu.de/kluftinger-fuehrungen und allgaeu.de/kluftinger-karte;
z.B. Krimiführung „Seegrund“ zum geheimnisvollen Alatsee, wöchentl. in den Abendstunden, fuessen.de.   

Unterkunft Hotel Weber am Bach, Memmingen: 12 schlicht-moderne Zimmer in einem 700 Jahre alten Haus im Zentrum; legendär gute Küche (Autoren Kobr und Klüpfel und  lokale Promis sind oft zu Gast). DZ/F ab 85 €, weber-am-bach.de
– Gasthof Alatsee,  Füssen:  traditionsreicher Gasthof mit exzellenter Küche direkt am Alatsee; einfache Zimmer und Apartments im  Landhausstil (teilw. Etagendusche). 1 ÜF/P. ab 35 €. hotel-alatsee.de
– Allgäu-Hotel Tanneck 4*, Fischen: an einem aussichtsreichen Logenplatz; zwei „Kluftinger-Suiten“, Wellness-Oase mit Infinity-Pool, Alpin-Park mit Naturteich. 1 N/VP ab 103 €/ P., in der Kluftinger-Suite ab 155 €. hotel-tanneck.de

Einkehren Brauerei-Gasthof Kronburg (Spielort in „Erntedank“): Kluftinger-Spezialität ist der Zwiebelrostbraten, der Kommissar nimmt statt Bratkartoffel als Beilage aber lieber Kasspatzen. Weitere Spezialität: Maultaschen. brauerei-kronburg.de/gasthof
 – Berggasthof Oytalhaus Oberstdorf: mitten im spannenden „Himmelhorn“-Buchende und im autofreien Tal. berggasthof-oberstdorf.de

Spezialtipp Kluftinger Escape Room Kempten: Escape-Game angelehnt an Band 10, room-of-secrets.com

Auskunft allgaeu.de, germany.travel