Reise 05.12.2011

Dürre: "Selbst Kamele sterben wie Kleinvieh"

Caritas-Helfer Florian Lems ist im Norden Kenias, im Dürregebiet, unterwegs. In der Region finanziert die Caritas fünf Wassertanks.

Caritas-Helfer Florian Lems ist in Kenia eingetroffen und kümmert sich dort um die Trinkwasserversorgung. Auf KURIER.at berichtet er von seinem Einsatz in den Dürregebieten:

"Hier hört Kenia auf", hatte mein Begleiter auf der Fahrt nach Norden gesagt. Wir hatten gerade den Äquator überquert und verließen die fruchtbare Hochebene Zentralkenias. Als er meinen fragenden Blick sah, fügte der lokale Nothelfer hinzu: "Wir erreichen jetzt das vergessene Land." Tatsächlich ging die Fahrt bald jetzt durch eine staubige Landschaft mit vergilbtem Gras und verdörrten Büschen weiter. Wir waren im Dürregebiet.

Das war vor wenigen Tagen. Inzwischen weiß ich - es geht noch schlimmer. Beim Lokalaugenschein in einer Siedlung von Halbnomaden im äußersten Norden des Landes zeigt sich das ganze Ausmaß der ostafrikanischen Katastrophe. So weit das Auge reicht erstreckt sich hier eine verbrannte Ebene, eine Wüste aus harter Erde und Millionen von Steinen. Kein Grashalm, kein Strauch weit und breit. Mitten in der Steinwüste stehen Hütten: Das Dorf Yaa Odola. Es ist eine der Gemeinden von Halbnomaden, die von der Caritas mit Trinkwasser versorgt werden. In wenigen Tagen wird es hier auch Lebensmittelhilfe geben.

Seit drei Jahren ist es trocken

Zuerst die Rinder, dann die Schafe, dann die Kamele - die Menschen verlieren ihr Vieh.

"Sie würden diese Gegend nicht wieder erkennen, wenn Sie uns ein anderes Mal besuchen würden", sagt ein alter Mann. Er wirkt fast beschämt, den Gast aus Europa in dieser Zeit empfangen zu müssen. "Die ganzen Steine hier, die sind unter normalen Umständen gar nicht zu sehen." Doch "normale Umstände", die gibt es hier seit drei Jahren nicht mehr. So lange hat es nicht mehr geregnet, erzählen die Menschen bei der "Kora", der Dorfversammlung.

Als erstes seien die Kühe gestorben, berichten sie. Dann die zäheren Schafe und Ziegen. Inzwischen müsse man immer öfter erschöpfte Kamele zurücklassen, wenn sie Wasser für ihre Dörfer holen. Die natürlichen Wasserstellen sind längst ausgetrocknet, und die geschwächten Tiere schaffen den Trek zum Brunnen einfach nicht mehr. Denn der befindet sich im 65 Kilometer entfernten Bubisa. "Man bezeichnet Kamele oft als Wüstenschiffe. Doch jetzt sterben sie, als handle es sich um Kleinvieh", erzählt der 63-jährige Guyo Abgudho bei der "Kora". Schätzungen zufolge ist in Nordkenia bereits 40 Prozent des Kamel-Bestandes verendet, bei Kühen und Schafen liegt die Zahl bedeutend höher.

"Dieses Wasser ist wie Regen für uns"

Zuerst die Rinder, dann die Schafe, dann die Kamele - die Menschen verlieren ihr Vieh.

Im Dorf herrscht inzwischen aufgeregte Hektik: Alle Dorfbewohner haben sich jetzt versammelt, die Frauen, Kinder und Männer warten auf den Lastwagen aus Bubisa. In langen Reihen stehen bunte Kanister vor dem neuen Wassertank, der gerade erstmals mit 10.000 Litern Trinkwasser befüllt wird. "Dieses Wasser ist für uns wie Regen!", sagt Mamo Yattani dankbar, nachdem er die Plastikbehältnisse seiner Familie aufgefüllt hat. Der 77-Jährige fügt hinzu: "Jetzt können wir nicht nur kochen und trinken, es ist genug da, um die Kinder endlich wieder waschen zu können."

Ein Luxus, den sich die Bewohner von Yaa Odola schon lange nicht mehr leisten konnten. In den vergangenen Monaten musste sie ihre fünf Kinder manchmal zehn Tage mit nur 20 Litern durchbringen, berichtet die 27-jährige Gumato Chachu. Die zierliche Frau sitzt in ihrer Hütte und bittet die Besucher, auf kleinen Holzschemeln Platz zu nehmen. Zufrieden sieht sie zu, während ihre Kinder essen. "Mit dem Wasser habe ich als allererstes etwas für die Kleinen gekocht. Ich hatte noch ein wenig Bohnen und Mais, konnte es aber nicht kochen", sagt sie. Durch die Unterstützung aus Österreich steht ihrer siebenköpfigen Familie jetzt genügend Wasser zur Verfügung: Der Tank im Dorf wird jeden zweiten Tag aufgefüllt, es ist genug für alle da.

Der Bedarf ist enorm

Der Wassertank in Yaa Odola ist einer von insgesamt fünf solcher Not-Reservoirs in der Region, die von der Caritas finanziert werden. Drei Lastwagen bringen regelmäßig Nachschub aus den nächstgelegenen Brunnen - eine stundenlange Fahrt über holprige Steinpisten. Der Chef der lokalen Caritas-Partnerorganisation "Pacida", Wario Guyo Adhe, erklärt, dass auf diese Weise in den kommenden Monaten rund 1330 Familien (gut 7900 Menschen) regelmäßig mit sauberem Trinkwasser versorgt werden. Freilich - der Bedarf an Hilfe ist noch viel größer. Das zeigt sich, als wir zurück in das Städtchen Bubisa fahren und mitten in der Steinwüste Menschen mit ihren Kanistern sehen. Sie sind unterwegs zur einzigen Wasserstelle im Umkreis von 45 Kilometern. Mit Kamelen, Eseln oder zu Fuß.

"Wasser ist Leben", hatte der alte Mamo Yattani gesagt, als wir uns von den Dorfbewohnern verabschiedeten. Und bat uns, den Menschen in Österreich unseren Dank auszusprechen. "Wir hoffen auch, dass Sie uns nicht vergessen", fügte er hinzu. "Denn die Menschen hier leiden. Wir sind verzweifelt."

Caritas-Spendenkonto: PSK 7.700 004, BLZ 60.000, Kennwort: Hungerhilfe
Nachbar in Not: PSK 91.091.200, BLZ 60.000, Kennwort: "Hunger in Ostafrika"

Florian Lems ist für die Caritas im Dürregebiet im Einsatz und blogt aus Nordkenia.

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund

  • Hintergrund

Erstellt am 05.12.2011