Delhi, Agra, Varanasi: Indiens Grauzone

KURIER.at-Serie Städtereisen: Axel N. Halbhuber beschreibt in seinem Buch "Einfach eine Weltreise" den Besuch in Indiens Nord-Städten als "den Versuch, nicht in die Scheiße zu steigen".

Indien ist nicht in ein Wort zu fassen, noch weniger in eine Geschichte. Der Subkontinent ist so unterschiedlich: Von arm bis reich, von Dürre bis Regenwald, von einer Alphabetisierungsrate bis zu 98 Prozent im Süden bis zu jener von 30 im armen Mittelnorden. Ebendort liegen die Städte Delhi, Agra und Varanasi. In seinem Buch "Einfach eine Weltreise" (erschienen im Amalthea Verlag, 270 Seiten, rund 170 Abbildungen, 19,95 Euro) erzählt er von besonderen Städten, großartigen Ländern und bemerkenswerten Situationen. Über Indien sagt er, die drei Städte Delhi, Agra und Varanasi hätten ihn erschrocken und verängstigt. Hier seine Geschichte mit Bildern aus dem Buch. Indien. Oder: Der Versuch, nicht in die Scheiße zu steigen

Dem Reisenden bleibt schlussendlich nur eine Sammlung von Einzeleindrücken. Bleibt er eine Woche in einem Land, sind das wenige. Bleibt er sechs Monate, sind es mehr. Aber es sind individuelle Momente, die unterm Strich keine Urteile erlauben. Was weiß er denn, der Reisende, ob seine Begegnungen und Einblicke repräsentativ waren? Was ich damit sagen will: Vielleicht ist Indien viel schöner, als ich es in der einen Woche zwischen Delhi und der Grenze zu Nepal erlebt habe. Damit gleich zur zweiten Gewissheit: Der Reisende sieht nur Ausschnitte. In meiner Indien-Woche war ich in Delhi, Agra, Varanasi und dem indisch-nepalesischen Grenzort Sunauli. Dazwischen in Zügen und auf Landstraßen. »You have only seen the shit of India«, kommentierte Monu, der Eigentümer meines Guesthouses in Varanasi, diese Route. Ich gebe ihm Recht. Bei meiner Ankunft in Delhi, beim Schritt aus dem Flughafen, freute ich mich noch: 41 Grad kurz vor Mitternacht, eine schöne Hitze, viel trockener als in den sieben vergangenen Südostasien-
Wochen. Eine Stunde und die Gewissheit später, dass indischer Verkehr sich kaum von lateinamerikanischem oder vietnamesischem unterscheidet, bog der Wagen in das Viertel Karol Bagh (Bild) ein. Ein von Backpackern gerne gewähltes, weil zentrumsnahe. Ein Marktviertel. Und die Heimat der Verwahrlosung. In den folgenden Tagen stellte ich fest, dass fast ganz Delhi so aussieht. Wie Bagdad, kurz nachdem George W. Bush auf den Knopf gedrückt hatte. Wie eine Stadt nach jahrelangem Bürgerkrieg. Die meisten Häuser sind baufällig, kaum zu erkennen, ob sie gerade abgerissen oder schleppend aufgebaut werden. Nur zur Klarstellung: nicht in den abgelegenen Gegenden, sondern auf dem Connaught Place (Bild), Hauptplatz der Hauptstadt. Die Straßen voller Schutt, über Müll sehe ich sowieso längst hinweg. Schlussendlich befand ich, ganz Delhi sieht aus wie Stadtrand, wie das letzte Haus vor dem Nichts. Wie wenn man daheim auf einer Baustelle am Stadtrand hinters Eck geht – hinters hässliche Eck, dort wo alle hinbrunzen. Nur dass in Indien auch hingeschissen wird. Die meisten Exkremente stammen von den heiligen Kühen, einige von Hunden, aber bemerkenswert viele auch von Menschen. Ich war tagelang unsicher und wusste nur, dass ich nach knapp neun Monaten Reise, auch durch sehr arme Länder, erstmals eine Stadt gar nicht verstehe. In Delhi schlafen viele Menschen in notdürftigen Zelten zwischen erwähntem Schutt. Der UNO wäre solch ein Flüchtlingscamp peinlich. In Delhi ist das normal. Ich hielt mich an meiner eigenen Weisheit fest, nach der es überall einen Charme gibt. Aber um welche Ecke schaust du, wenn du schon ums Eck bist? Ich fand ihn im Taxi. Der Vorgang, ein solches aufzutreiben, inkludiert in Delhi das Besteigen einer Rikscha, die Versicherung des Rikscha-Fahrers, unweit von hier sein Auto geparkt zu haben, den daher überraschenden Besuch einer Travel-Agency, das Abwimmeln der Pauschalpakete des aufdringlichen Zwischenhändlers (»No, I don’t want to Kashmir region, I want to the Presidental Palace«) und das Gefühl, nochnirgendwo auf der Welt so schamlos übers Ohr gehaut worden zu sein. Die Chance, schlussendlich zu vernünftigem Preis ein Taxi zu haben, steht fifty-fifty. Ich hatte am ersten Tag Glück und ein Ganztags-Taxi für 800 Rupees (rund 15 Euro), am zweiten schon einen echten Hass und nach Stunden einen sich erbarmenden Taxler. Und die beiden Chauffeure bestätigten dann auch endlich meine Weisheit: Sie waren nett, plauderten gerne, lachten mit mir und wirkten fair. Endlich hatte Delhi ein bisschen Charme. Mishra, der mich am ersten Tag zwischen Botschaften (zwecks Visa-Beschaffung) und Banken (zwecks Visagebühren-Einzahlung) herumführte, hat drei Söhne und eine Tochter. Auf seine Tochter, das jüngste der vier Kinder, ist er besonders stolz, hinduistisches Patriarchat hin oder her. Mishra ist nicht aus Delhi, sondern aus dem Norden, aus Amritsar. Er sagte: »Niemand ist aus Delhi. Alle sind nur wegen der Arbeit hier.« Anil machte am zweiten Tag mit mir das Sightseeing-Programm. (Zu dem in einem Satz zu sagen ist, dass es quasi nicht existiert.) Er hat drei Söhne und keine Tochter, hätte aber gerne eine. Er ist aus dem Süden, aus Bangalore. Auf meine Frage, ob er gerne in Delhi ist, sagte Anil: »Niemand mag Delhi. Delhi ist Arbeit, nicht das Leben.« Womit das für mich vorerst geklärt wäre.

Bild: Lotus-Tempel Nach drei Tagen war ich gar nicht unglücklich, in den Zug Richtung Agra zu steigen. Wobei es schon auf dem New Delhi Bahnhof ein bisschen wie in Agra war: Man versucht, nicht in die Scheiße zu steigen. Metaphorisch und tatsächlich.

Bild: Im Hintergrund das India-Gate Und man verzweifelt beim Versuch, nicht zu gaffen. Ich weiß mittlerweile, wie Armut aussieht, einige der neunzehn bisher bereisten Länder gaben Aufschluss. Aber Indien ist anders. Indien ist nicht bloß Armut. Indien ist Elend. Das wurde mir besonders in Agra bewusst. Die Kleinstadt beheimatet das Taj Mahal (Bild), ist daher Fixpunkt auf den meisten Indien-Reiseplänen. Dieser Prunkbau, von einem irren König als Grabstätte für seine Frau gebaut, ist auch wirklich schön. Wunderschön. Prachtvoll. Rund um das Gelände sind großzügige Gärten, rund um die Gärten ist Grauen. Zwar sind hier die Häuser halbwegs fertig, aber die Menschen eben auch. In anderen armen Ländern sah ich arme Menschen mit glücklichen Gesichtern. Hier nicht. Nicaragua, Peru,Laos – überall hatte ich das Gefühl, die Menschen würden aus dem wenigen, das sie haben, das Beste machen. Hier nicht. Die ärmste Hütte wirkt warm, wenn die Menschen in ihr leben, feiern, zurücklächeln. Hier ist es kalt. Ich fragte mich: warum? Dann passierte etwas: Auf einer der grindigen Straßen stand mir wieder einmal eine Kuh im Weg. Die sind in Indien bekanntlich heilig und dürfen nur weggelobt werden, wenn sie wieder mal aus dem Mistkübel speisen, in der Gasse thronen oder den Hauptplatz zuscheißen. Meine Kuh ging zu einer Tür, stieß dagegen. Die Türe öffnete sich und man reichte der Kuh ein paar Fladen Brot. Der Bettler neben der Türe bekam nichts. Hinduismus und Kastenwesen haben mit dem Elend etwas zu tun, mutmaßte ich. Und in Varanasi wurde es mir klar.

Bild: Im Red Fort/Agra Diese Stadt liegt am Ganges und ist den Hindus superheilig. Wenn irgendwie machbar, bringen sie ihre Toten spätestens 24 Stunden nach Ableben hierher, wo sie am Ufer verbrannt werden. Mönche, Schwangere, Kinder und Witwen werden direkt in den Fluss geworfen. Manche Alten reisen zum Sterben an, damit sie rechtzeitig hier sind. Die Stadt selbst hat ein altes Viertel mit sehr engen Gassen, an sich romantisch, wäre da nicht das übliche, zugeschissene, krankheitserregende Elend. Ich machte eine der Bootsfahrten am Ganges, der beste Blick auf die pittoresken Ghats. Das sind die Stufen zum Fluss, in 26 Abschnitte unterteilt, mit mächtig religiöser Bedeutung. Wir kamen zunächst zu einer von zwei Verbrennungs-Ghats. Was ich sah, bewegte mich: Familien, die ihre Toten nach letzter Waschung im Ganges auf Holzhaufen aufbahren, die dann vom ältesten Sohn entzündet werden. Dazwischen fressen Kühe den Blumenschmuck von den Leichen, manchmal knabbern sie auch an ihnen. Nur eine vollständige Verbrennung gilt als Befreiung. Wenn währenddessen gejammert oder geweint wird, ist der Tote verdammt. Daher sind hier Frauen verboten. Mitglieder unterer Kasten und Kastenlose sind hier zwar nicht verboten, können sich das Brennholz jedoch nicht leisten. Sie werfen ihre Toten unverbrannt in den Fluss. An allen anderen Ghats tummeln sich Hindus, die zum Bad im Ganges, zur Waschung im heiligen Fluss, aus ganz Indien anreisen. Wir fuhren wenige Meter vom Ufer, wo Frauen und Männer auch von dem Wassertranken. Flussseitig schwamm eine Leiche, die es wohl nicht auf dem Flussgrund gehalten hatte. Ringsum schwemmten Menschen ihre Abfälle, die Kuhscheiße der Straße und den Dreck einer unhygienischen Armut in den Fluss. Dieser Fluss: ein wasserarmes, fast stehendes Gewässer bei 47 Grad Tageshöchstwert, randvoll mit Leichen und Fäkalien. Mich wunderte nichts mehr, ich verstand plötzlich: Die Religion steht den Menschen hier durchaus im Weg. Wie kann es im Sinn irgendeines Gottes sein, das Elend durch solche Rituale noch schlimmer zu machen? »I only bath in the Ganga river, when someone of my family dies. And then I always become sick and get fever«, sagte Guesthouse-Monu, als ich nachfrage. Ihm sei vieles dieser Religion egal, man müsse mehr für die Armen machen. Dabei ist Monu aus der Brahmin-Kaste, ganz oben. Aber er findet wohl auch, dass ein Land, das so tief in der Scheiße steckt, sich um soziale Zwänge nicht kümmern kann. »You have only seen the shit of India«, sagte Monu. Und er hatte wohl Recht. Trotzdem wird es dauern, bis ich mir den Rest anschauen komme. Dazu habe ich schon hinter zu viele Ecken geschaut und gesehen, wie schön es ist, wenn Menschen sich um ihr eigenes Befinden kümmern. Bei aller Armut. SCHNÄPPCHEN und NEPPs meiner Indien-Tage: Wie gesagt, ich habe Indien nicht verstanden. Daher ist auch diese Einteilung schwierig. Ich fasse hier Auffälligkeiten zusammen: Internet war für mich in Indien, dem rasant aufstrebenden Cyber-Spezialisten, kaum, WLAN gar nicht verfügbar. Die Gründe dafür waren ständige Stromausfälle und fehlende Leitungen. Das Zweimonats- und Double-Entry-Visum für Kasachstan bekam ich in Delhi für nur 1440 Indische Rupees (rund 28 Euro). Jenes für Usbekistan (ein Monat und einfache Einreise) kostete 6300 (rund 121 Euro). Auf die Frage, warum da solch Unterschied sei, antwortete der usbekische Konsul: »Our visa is not expensive.« Ah ja. Sightseeing in Delhi geht sich in der Werbepause aus: Lotus-Tempel und India Gate, ja eh; das meiste andere, oh Gott. Unterkünfte in Agra und Varanasi sind oft wirklich schäbig. Wer also auch als Backpacker gerne sichtbar saubere Zimmer hat, sollte der Zim-mersuche Aufmerksamkeit widmen.

Bild: Taj Mahal/Agra Stromausfälle passieren ständig und ohne Klimaanlage ist es sehr, sehr heiß. Das »Raj Hotel« in Agra ist wirklich pfui, hat aber ein unglaublich bemühtes Personal. (Dort lernte ich, dass Inder an ihren Ohrläppchen ziehen, wenn sie sich für etwas entschuldigen.) Das »Monu Guesthouse« in Varanasi ist alt, aber sauber. Und mit der Gastfamilie lässt es sich gut plaudern.

Bild: Ornamente aus Halbedelsteinen im Taj Mahal Zugfahren ist in Indien empfehlenswert, wenn man aber ein Mindestmaß an Standard will, muss man wirklich frühzeitig buchen (www.cleartrip.com).

Bild: Sarg im Taj Mahal Die indische Zwischenhändler-Elite im Allgemeinen ist widerwiderwiderlich. Der gemeine Taxizwischenhändler im Besonderen. Sitzt man aber einmal im vermittelten Auto bei dem ebenso übers Ohr gehauenen Fahrer, ergeben sich sehr schöne Gespräche. Ganztagesmieten lohnen sich also.

Bild: Palast neben dem Taj Mahal Weder Sonnenauf- (fünf Uhr!) noch untergang in Varanasi sind besonders toll. Die Bootsfahrt sollte man aber unbedingt machen, wann auch immer.

Bild: Red Fort/Agra Auch sehr empfehlenswert ist das bloße Schlendern am Ganges und die (tägliche) Zeremonie um halb acht abends (bei der Dashashwamedh Ghat, Bild). Hygiene-Vorkehrungen sind in diesem Teil Indiens so wichtig wie sonst nirgendwo: Niemals Wasser aus der Leitung trinken (man kommt beim Geruch meistens nicht auf die Idee), Vorsicht beim (Straßen-)Essen. Und sicherheitshalber Desinfektions-Zeug von daheim mitbringen, Insektenbisse entzünden sich rasend und heilen im Dunst kaum.
(KURIER/Delhi) Erstellt am
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