Entschleunigung auf der Kaugummi-Insel

Griechenland ganz anders: Graffiti-Häuser, Mastix und italienische Baukunst in Zitrusplantagen.
Blick auf eine malerische Bucht mit Sandstrand und kleinen Häusern im Hintergrund.

Die 72-jährige Smaragda ist die einzige Bewohnerin des Dorfes Anavatos, das auf Deutsch „das Unerreichbare“ heißt. Langweilig ist ihr trotzdem nicht. Denn sie teilt ihr bescheidenes Leben hinter uralten Steinmauern mit vier Katzen, vier Hunden, zehn Hühnern und einem TV-Gerät.

„Ich hab’ nicht viel Zeit“, sagt sie. „Es läuft grad meine Lieblingssendung.“ – Und bleibt trotzdem, um mithilfe meines Dolmetschers Georgios, eines nach Österreich ausgewanderten Chioten, bereitwillig meine Fragen zu beantworten. Touristen, die jetzt im Frühling nur vereinzelt ihr Dorf besuchen, sind immer eine willkommene Abwechslung für sie.

So ursprüngliche Dörfer wie Anavatos findet man auf Chios zuhauf. Die fünftgrößte griechische Insel ist noch nicht vom Tourismus verdorben, hier kann man Griechenland noch in seiner urigsten Form erleben. Und ab 29. Mai extra bequem: Austrian fliegt jeden Mittwoch ab Wien direkt auf die Insel.

Es zahlt sich aus, Chios mit dem Mietauto zu entdecken – die Insel, die nur eine Fährstunde von Cesme an der türkischen Küste entfernt liegt, hat einige Attraktionen zu bieten, die es nur dort gibt.

Pistazien-Harz

Den Natur-Kaugummi Mastix zum Beispiel. Das klebrige Harz wird in einer aufwendigen Prozedur aus den Stämmen einer Pistazienbaumart gewonnen. Im Mastix-Dorf Mesta kann man bei der Ernte dabei sein.

Einzigartig ist auch das Dorf Pirgi im Süden mit seinen Graffiti-Fassaden. In einem der Cafés bei einem Glas Souma (Feigenschnaps) die kunstvollen Verzierungen bestaunen – und schon stellt sich stoische Ruhe ein.

Ganz Chios ist entschleunigte Zone – in der Region Kambos südlich der Hauptstadt, die ebenfalls Chios heißt, bekommt man noch einen gewaltigen Schuss Toskana-Feeling dazu. Adelsfamilien aus Genua haben hier im Mittelalter einen blühenden Handel mit Zitrusfrüchten aufgezogen – ihnen verdanken die Chioten heute noch wunderbare Anwesen mit italienischer Architektur, prächtigen Gärten, Zypressen und wunderbar frischen Düften von Zitronen und Orangen. In einigen Plantagen kann man urlauben – von einfach bis luxuriös. Einen Besuch wert ist auch das Citrus Museum, das Einblicke in die Geschichte der Zitrusproduktion gibt. Im Museums-Shop gibt’s Genüsse auch mit österreichischer Herkunft: Steirische Zotter-Schokolade mit Zitrusfrüchten aus Chios.

Eine alte Steinkirche mit einem Turm und einer Ruine auf einem Hügel.

Chios Griechenland…
Ein Mann zeigt auf ein Dorf mit einer Kirche und Bergen im Hintergrund.

Chios…
Ein belebter Platz mit einem Café und mehreren Personen in einer griechischen Stadt.

Chios Griechenland Mesta Dorf…
Eine steinerne Greifenstatue vor einem Gebäude mit Bögen und lila Blumen.

Chios Griechenland Kampos Zitrushaine Luxushotel A…
Eine ältere Frau lächelt und hält ein Glas mit eingelegten Tomaten in ihren Händen.

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Ein Haus mit roten Fensterläden und einer roten Tür, davor eine Sitzecke auf einem Kieselmosaikboden.

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Zwei Windmühlen stehen an einem sonnigen Tag an der Küste.

Chios Griechenland Windmühlen…
Ein Haus mit geometrischen Mustern an der Fassade in Pyrgi, Chios.

Chios…
Ein Mann telefoniert in einem Raum mit religiösen Ikonen und Gemälden an der Wand.

Chios Griechenland…
Ein Glockenturm aus Stein mit griechischen Flaggen davor.

Chios Griechenland Kloster Nea Moni…

Makaberes im Kloster

Beeindruckend ist auch das Nonnenkloster Nea Moni (UNESCO-Weltkulturerbe) aus dem 11. Jahrhundert. Die wenigen noch hier lebenden Nonnen betrachten es als ein Wunder, dass ihr Kloster von den Flammen verschont blieb, die im Vorjahr im gesamten Tal wüteten. Auf der Fahrt dorthin lässt sich erahnen, wie dramatisch der Waldbrand gewesen sein muss: Verkohlte Bäume säumen den Weg, aber es ist auch überraschend, wie rasch sich die Natur erholt und wieder neues grünes Leben nachwächst. Imposant sind die ikonenreiche Kirche und der ehemalige Speisesaal mit einem endlos langen steinernen Tisch, makaber die Schädel-Sammlung in der Kapelle, die an das türkische Karfreitags-Massaker von 1822 erinnert. 4000 Chioten wurden von den Türken ermordet.

Steinerne Idylle

Idyllischer ist da schon das Dorf Avgonyma. Der Ort liegt hoch über dem Meer und bietet wunderschöne Ausblicke über die Westküste. Die Häuser wurden in den vergangenen Jahren liebevoll restauriert. Als Griechenland-Fan habe ich ja schon viele Unterkünfte auf Hellas gesehen, aber die komfortablen Zimmer, die mir Maria gleich neben der Taverne zeigt, machen mich gewiss: Hier komme ich privat wieder her, aber ohne zu arbeiten. Das Frühstück wird in der Taverne serviert, in der man abends unbedingt einmal Ziege in Zitronensoße probieren sollte!

Essen kann auf Chios überhaupt zur Lieblingsbeschäftigung werden – denn ich habe auch noch selten so eine Dichte an wirklich hervorragenden Tavernen erlebt, wo ganz viel Hausgemachtes serviert wird.

Natürlich wird es die Touristenfallen auch geben – mit lieblos zu Tode gegrillten Souvlakis (Fleischspieße), aber der Griechenland-Profi erkennt schon an der Art der Begrüßung,wie das Essen schmecken wird. Nur wenn die griechischen Tavernenwirtinnen und -wirte ihre Gerichte mit Warmherzigkeit würzen, erfreuen sie auch verwöhnte Gaumen. Und so eine herzliche Gastfreundschaft wie in der Taverne „Fabrika“ im Dorf Volissos habe ich noch nie zuvor erlebt. Da standen die hübschen Töchter des Hauses zur Begrüßung Spalier, für jeden in der Gruppe gab’s Küsschen, ehe prompt aufgetragen wurde, bis sich der Tisch bog. „So sind die immer zu den Gästen“, versicherte mir mein griechischer Tischnachbar.

Abgesehen von der köstlichen Hausmannskost ist schon das Interieur ein Besuch wert: Die rustikale Taverne ist in einer ehemaligen Ölmühle untergebracht, diverse Gerätschaften an der Wand und im Lokal zeugen von der Vergangenheit des Gebäudes.

Natürlich hat Chios auch alles, was Griechenland an Klischees zu bieten hat: Unzählige Kirchen, Popen (orthodoxe Landpfarrer), die in der typischen schwarzen Kluft mit langen weißen Bärten gemütlich im Kafenion sitzen, mittelalterliche Burgen, in der Inselhauptstadt auch alte Windmühlen und natürlich auch etliche Strände. Es gibt sicher Inseln mit schöneren Sandstränden, aber dafür sind die auf Chios noch nicht so überlaufen. Hier kommen vor allem Insel-Entdecker auf ihre Kosten, die gerne gemütliche Ausflüge mit Baden in versteckten, romantischen Buchten kombinieren wollen. Noch herrscht auf Chios striktes Bauverbot an den Stränden, so dass es bei vielen nicht einmal eine Taverne gibt. Ein eigener Sonnenschirm im Gepäck kann daher nicht schaden. Der Vorteil: Chios ist auch weitgehend von hässlichen Beton-Bettenburgen verschont geblieben.

Voll auf ihre Kosten kommen Wanderer und Naturliebhaber. Der perfekt Deutsch sprechende pensionierte Lehrer Giorgos Chalatsis kennt alle 160 Wanderwege auf der Insel und ist dabei, sie zu beschildern und in einem Buch zu beschreiben. Mit Hingabe zeigt er Touristen die schönsten Wege seiner Heimat. Wenn er nicht gerade in den Alpen wandert, die er ebenfalls besser kennt als so mancher Österreicher.

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