Bunbo ahoi!
Rumms! Die Fahrt an diesem Morgen endet nach einer Minute jäh. Wir sitzen fest. Unser schwimmendes Ferienhaus, mit dem wir seit fünf Tagen auf der Havel im ostdeutschen Bundesland Brandenburg nordwestlich von Berlin unterwegs sind, bewegt sich nicht mehr. Nach einer windigen Nacht sind wir frohgemut in einen sonnigen Tag gestartet. Und nun das. Es geht nichts mehr, unter Wasser versteckte Mauerreste, die einst die Versandung der Ufer verhindern sollten, sind unserem Bunbo zum Verhängnis geworden.
Bunbo steht für Bungalowboot – und für eine Idee, die so einfach wie genial erscheint. Man nehme eine Art Katamaran und versehe ihn mit einem kleinen Holzhaus und einem 15 PS starken Außenborder. So entsteht ein schwimmendes Wohnmobil, jedoch mit weit mehr Platz und Komfort. Zwischen 21 und 27 m² Wohnfläche bietet dieses Ferienhaus auf dem Wasser, das in vier Versionen zu mieten ist. Küche, Dusche, Toilette, ein oder zwei Schlafzimmer, Kaminofen und Esstisch sowie Terrasse nebst Feuerschale machen unser Bunbo zur urgemütlichen Kuschelzone.
Und nun zum schlechten Schluss der Reise diese Havarie! Gestartet sind wir in Plaue, einem Ortsteil der Landeshauptstadt Brandenburg. Hier hat Günter Großmann seine Bunbo-Idee verwirklicht. Eigentlich wollte der Bayer große luxuriöse Hausboote bauen, doch der Markt in den neuen deutschen Bundesländern sorgte nicht für den nötigen Rückenwind. Die Idee dümpelte vor sich hin, erst das Bunbo, der schwimmende Ferienbungalow, sorgte für Auftrieb. Jahr für Jahr vergrößert Großmanns nun seine Flotte. Neben der Havel sind Bunbos ab Bad-Saarow/Berlin-Süd, an der Müritz und im holländischen Friesland zu bewegen.
Rettungsaktion
Apropos bewegen. Eine Stunde und mehrere hektische Telefonate später erscheinen unsere Retter. Zwei ebenso schweigsame wie verwegene Gestalten in einem zerbeulten Fischerboot, das sich anschickt, unser Bunbo freizuschleppen. Otto, der das wortkarge Sagen hat, lässt seinen Außenborder immer wieder aufheulen, zieht hier und zerrt da, bis es endlich gelingt, unser lieb gewordenes Domizil freizubekommen. 120 Euro wechseln den Besitzer und Otto der Retter gibt uns noch ein weisen Rat mit auf den Wasserweg: "Vorne muss immer eener kiecken." Sagt es und tuckert hinweg.
Natürlich haben wir stets nach vorne geschaut, aber offenbar an dieser Stelle der Havel, als am Vortag Wind aufkam, die Hinweisbojen ignoriert. Wind mag unser Bunbo nicht, ab Windstärke vier soll man die schwimmende Schachtel nicht mehr bewegen. Zumal, wenn seefahrerische Greenhorns am Ruder stehen. Denn einen Bootsführerschein braucht man für so eine Bunbo-Kreuzfahrt nicht. Eine kurze Einweisung (man nennt das Charterschein), eine Übung mit einem Lot aus Bindfaden und Gewicht, um später die Wassertiefe zu peilen, eine Demonstration, wie die Ankerpfähle zu bedienen sind – und schon steht dem neuen Leben als Binnenschiffer nichts mehr im Wege.
Doch halt. Wer mit einem Bunbo in See sticht, sollte dies nicht ohne Proviant tun. Und nicht ohne Schlauchboot im Schlepp. Denn der Bunbo-Törn ist nicht mit einer klassischen Hausbootfahrt etwa auf dem Canal du Midi zu vergleichen. Das meist flache und sandige Ufer der Havel, die immer wieder in traumhafte Seen übergeht, erlaubt es kaum, anzulegen. Bunbos halten Abstand zum Ufer und stehen dank ihrer beiden Ankerpfähle, die sich vorne und hinten in den sandigen Untergrund rammen (sofern die Seetiefe genau ausgelotet ist), stabil. Ist für manche Hausbootkapitäne der Weg das Ziel, so genießen wir Bunbologen das Verweilen. 24 Stunden in einer malerischen Bucht, den Tag mit einem hüllenlosen Sprung ins Wasser beginnen, Frühstück auf der Terrasse, Dösen in der bordeigenen Hängematte, vielleicht ein Ausflug mit dem Beiboot an Land zum Joggen oder in einen Biergarten, den Sonnenuntergang auf dem Wasser genießen – schöner kann Entschleunigung nicht sein. Sofern natürlich die Vorräte stimmen, denn einen Supermarkt sucht man oft vergebens. Für Hundebesitzer gilt: Mit dem Vierbeiner muss man "Gassi" rudern, da man das erleichternde Festland meist nur per Beiboot erreicht.
Die Havel bei Brandenburg ist das ideale Bunbo-Revier. Der breite Strom und die Seen verzeihen auch hektische Seemanöver der maritimen Laien, denen routinierte Freizeitkapitäne freundlich, aber doch milde lächelnd zuwinken. Von Plaue, in der einst Ahnherr Friedrich von Goerne eine blühende Porzellanmanufaktur aufbaute, geht der Weg entweder Fluss aufwärts Richtung Brandenburg, das man bequem durchquert, weiter bis zum Beetzsee. Oder man wählt den Norden und tuckert flussabwärts auf der hier engeren Havel bis Havelberg. Fortgeschrittene Bunbofahrer mit Bootsführerschein können gar bis Potsdam und Berlin vorstoßen.
Revier für Anfänger
Neulinge freilich begnügen sich mit dem Revier rund um Plaue und Brandenburg. Die letzte Prüfung nach der glücklich überstandenen Havarie, für die Bunbo-Erfinder Großmann später prophylaktisch 200 Euro verlangt, schließlich habe der Rumpf bestimmt einen Kratzer abbekommen, steht uns noch bevor. Nach einer Woche "auf See" ein Anlegemanöver an der Marina Plaue, wo die Bunbos zu Hause sind. Einparken auf dem Wasser. Doch die beste Ehefrau von allen meistert auch diese Übung bravourös, was später an Land gefeiert wird. Und da bietet die Region so manch positive Überraschung. Zum Beispiel die Kneipe Pur in Plaue mit eigener Hausbrauerei, wechselnden Bierspezialitäten, regionalen Köstlichkeiten und einem schmucken Gastgarten. Aber das ist eine andere Geschichte.
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