Drei Fenster ins Mittelalter

Blick auf die Altstadt von Riga mit der Petrikirche und einer Brücke über die Düna.
Gaukler in der estischen Hauptstadt Tallinn, „schwarzer Balsam“ im lettischen Riga und 15.000 Kruzifixe in Litauen, nahe der Metropole Vilnius.
Ein Mann in mittelalterlicher Kleidung posiert neben einem Schild für Elchsuppe.
Baltikum, Tallinn, Estland, junger Mann in Tallinn in mittelalterlichem Gewand
Die Esten haben ihre HauptstadtTallinnherausgeputzt wie ein Mädel, das auf seinen Liebsten wartet. Das helle nordische Licht strahlt bis zehn Uhr abends auf die ehemalige Hansestadt, und der „Alte Thomas“, die Wetterfahne in Form eines Landsknechts, grüßt vom Turm des ehemaligen Rathauses. Alte Handelshäuser stehen neben neuen Handwerksbetrieben, Kellner und Gaukler in mittelalterlicher Tracht und modisch gekleidete junge Menschen schieben sich durch die Innenstadt.

Im Restaurant Olde Hansa trinken die Gäste Honigbier aus Steinkrügen und essen luftgetrocknetes Fleisch. Der mächtigste Mann am Tisch darf – wie im Mittelalter – Speisen und Getränke vor dem einfachen Fußvolk verkosten.

Eine Sammlung von bemalten Tierfiguren, darunter viele Hasen, ein Kaktus und ein Hahn.
Baltikum, Tallinn, Estland, Marzipanherstellung, Kalev
Acht Straßen führen zum Rathausplatz, jede ist nach Berufsgruppen benannt, die dort ihrem Gewerbe nachgingen. Tallinn war schon immer ein guter Platz für Kreative. Das Kalev, ältestes Kaffeehaus der Stadt, belieferte einst die ganze Sowjetunion mit handbemalten Marzipanfiguren. Auch Sowjet-Oberbonze Breschnew bekam an seinen Geburtstagen süße Tallinner Bären.

Tallinn hat zwei Altstädte. Ab dem 13. Jahrhundert schauten die Ritter und Geistlichen vom Domberg, der Oberen Stadt, missbilligend auf die freien Händler und Kaufleute der Unteren Stadt hinunter. Die Oberen versperrten den Unteren oft den Weg zum Hafen oder plünderten ihre Häuser und Läden. „Adelsnest“ nannten die Unteren spöttisch die gar nicht so feinen Herrn vom Berg.

Heute scherzen die Esten gern über ihre wirtschaftlich weniger erfolgreichen baltischen Nachbarn. „Esten messen sieben Mal, bevor sie ein Mal schneiden“, witzeln die Letten umgekehrt über die Langsamkeit der Nachbarn im Norden.

Gruselige Love-Story

Die Fassaden von drei historischen Gebäuden in Riga unter blauem Himmel.
Die drei Brüder Riga; Lettland; Baltikum
In der lettischen HauptstadtRigazentrieren sich die meisten Sehenswürdigkeiten in der Altstadt und lassen sich gut zu Fuß erreichen.Vorausgesetzt, man trägt bequeme Schuhe. Das Stöckeln auf den unebenen Kopfsteinpflastern sollte man den geübten Lettinnen überlassen.

Bei der Stadtmauer erzählt mir mein Guide eine schaurige Geschichte: „Hier wartete ein Mädchen einst vergeblich auf ihren heimlichen Geliebten. Wegen der ,unmoralischen‘ Affäre wurde es eingemauert, und noch heute hören manche an dieser Stelle ein zart gehauchtes ,Ich liebe dich‘.“

Magische Wirkung soll der „schwarze Balsam“ haben, der erstmals im Riga des 18. Jahrhunderts gemixt wurde. 23 verschiedene Kräuter, 45 Prozent Alkohol, und Abhilfe gegen fast jede Krankheit verspricht der Apotheker. Den Wundertrank gibt es an jeder Ecke zu kaufen.

Das Schloss Rundāle mit seinem kunstvoll angelegten Garten im Vordergrund.
Barockschloss Rundale; Lettland
Für eine Landpartie eignet sich das Barockschloss Rundale, das etwa 77 km südlich von Riga liegt. Als Vorbild fungierte Versailles, auf einer Fläche von zehn Hektar lustwandeln die Besucher in einer wunderschönen französischen Gartenanlage.

Berg der Kreuze

„Wenn eine Schlange einen Litauer beißt, dann ist es die Schlange, die stirbt“, sagen die Litauer über sich selbst. Kurz nach der lettisch-litauischen Grenze befindet sich ein Symbol des litauischen Widerstandes. Der Berg der Kreuze, ein Hügel nahe der Stadt Siauliai, ist Anziehungspunkt für Gläubige und Touristen. Seit dem 15. Jahrhundert stellen Pilger Kreuze in allen Größen und Materialien ab. Heute sind es mindestens 15.000, und sie werden täglich mehr.

Der Berg der Kreuze in Litauen mit einer Statue der Jungfrau Maria.

hill of crosses
Der Hügel der Kreuze in Litauen mit unzähligen Kreuzen und einigen Besuchern.

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Eine Vielzahl von Kreuzen unterschiedlicher Größe und Materialien auf einem Hügel.

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Der Berg der Kreuze in Litauen mit unzähligen Kreuzen und Jesusstatuen.

Berg der Kreuze, Baltikum, Litauen…
Der Berg der Kreuze in Litauen mit unzähligen Kreuzen und Rosenkränzen bedeckt.

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Zwei Personen besuchen den Berg der Kreuze in Litauen, der mit unzähligen Kreuzen übersät ist.

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Zahlreiche Holzkreuze stehen auf dem Hügel der Kreuze in Litauen.

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Der Hügel der Kreuze in Litauen mit unzähligen Kreuzen und einer Treppe.

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„Alles ist weglos, nur Sand, Sand und Himmel“, schrieb Thomas Mann über die Kurische Nehrung. Er verbrachte drei Sommer auf der 98 km langen, schmalen Landzunge, sein Haus ist zu besichtigen. Etwa 2500 Einwohner besiedeln den litauischen Teil der Nehrung, die von der Stadt Klaipeda per Fähre in wenigen Minuten erreichbar ist.

Der Präsidentenpalast in Vilnius mit einem Blumenbeet im Vordergrund.
Platz 12: Vilnius (Litauen). Die malerische Altstadt gehört zum UNESCO Weltkulturerbe. Highlights sind der Gediminas-Turm auf dem Burgberg, die Universität, der Backstein des Gotischen Ensembles, die klassizistische Kathedrale und viele barocke Kirchen. Index: 57,97 € pro Tag.
Die HauptstadtVilniusempfängt die Besucher mit einer Liebeserklärung aus Blumen. „Ich liebe dich“ steht auf der einen Seite des Flussufers, „Ich dich auch“ auf der anderen.

Wer Kirchen mag, wird diese Liebe erwidern. Da Litauen sehr lange heidnisch war, sind die Gotteshäuser in Vilnius noch nicht so alt und werden akribisch gepflegt. Fremdenführerin Elena zeigt auf die Abbildung eines Bauernmädchens in einer der über vierzig Barockkirchen der Stadt. „Man sagt, eine Hexe hat mit ihrem Besen die schönsten Mädchen in Europa zusammengekehrt und nach Litauen gefegt.“ Selbstbewusst sind sie, die Litauer. „Aber ein paar sind in Polen hängen geblieben“, fügt sie dann doch noch hinzu.

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