Drei Fenster ins Mittelalter
Im Restaurant Olde Hansa trinken die Gäste Honigbier aus Steinkrügen und essen luftgetrocknetes Fleisch. Der mächtigste Mann am Tisch darf – wie im Mittelalter – Speisen und Getränke vor dem einfachen Fußvolk verkosten.
Tallinn hat zwei Altstädte. Ab dem 13. Jahrhundert schauten die Ritter und Geistlichen vom Domberg, der Oberen Stadt, missbilligend auf die freien Händler und Kaufleute der Unteren Stadt hinunter. Die Oberen versperrten den Unteren oft den Weg zum Hafen oder plünderten ihre Häuser und Läden. „Adelsnest“ nannten die Unteren spöttisch die gar nicht so feinen Herrn vom Berg.
Heute scherzen die Esten gern über ihre wirtschaftlich weniger erfolgreichen baltischen Nachbarn. „Esten messen sieben Mal, bevor sie ein Mal schneiden“, witzeln die Letten umgekehrt über die Langsamkeit der Nachbarn im Norden.
Gruselige Love-Story
Bei der Stadtmauer erzählt mir mein Guide eine schaurige Geschichte: „Hier wartete ein Mädchen einst vergeblich auf ihren heimlichen Geliebten. Wegen der ,unmoralischen‘ Affäre wurde es eingemauert, und noch heute hören manche an dieser Stelle ein zart gehauchtes ,Ich liebe dich‘.“
Magische Wirkung soll der „schwarze Balsam“ haben, der erstmals im Riga des 18. Jahrhunderts gemixt wurde. 23 verschiedene Kräuter, 45 Prozent Alkohol, und Abhilfe gegen fast jede Krankheit verspricht der Apotheker. Den Wundertrank gibt es an jeder Ecke zu kaufen.
Berg der Kreuze
„Wenn eine Schlange einen Litauer beißt, dann ist es die Schlange, die stirbt“, sagen die Litauer über sich selbst. Kurz nach der lettisch-litauischen Grenze befindet sich ein Symbol des litauischen Widerstandes. Der Berg der Kreuze, ein Hügel nahe der Stadt Siauliai, ist Anziehungspunkt für Gläubige und Touristen. Seit dem 15. Jahrhundert stellen Pilger Kreuze in allen Größen und Materialien ab. Heute sind es mindestens 15.000, und sie werden täglich mehr.
„Alles ist weglos, nur Sand, Sand und Himmel“, schrieb Thomas Mann über die Kurische Nehrung. Er verbrachte drei Sommer auf der 98 km langen, schmalen Landzunge, sein Haus ist zu besichtigen. Etwa 2500 Einwohner besiedeln den litauischen Teil der Nehrung, die von der Stadt Klaipeda per Fähre in wenigen Minuten erreichbar ist.
Wer Kirchen mag, wird diese Liebe erwidern. Da Litauen sehr lange heidnisch war, sind die Gotteshäuser in Vilnius noch nicht so alt und werden akribisch gepflegt. Fremdenführerin Elena zeigt auf die Abbildung eines Bauernmädchens in einer der über vierzig Barockkirchen der Stadt. „Man sagt, eine Hexe hat mit ihrem Besen die schönsten Mädchen in Europa zusammengekehrt und nach Litauen gefegt.“ Selbstbewusst sind sie, die Litauer. „Aber ein paar sind in Polen hängen geblieben“, fügt sie dann doch noch hinzu.
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