Autos haben Gesichter

Europäer sehen in Autos Gesichter und schreiben ihnen menschliche Eigenschaften zu, dass haben Wissenschaftler vor Jahren herausgefunden. Neu ist: Das Phänomen ist offenbar kulturunabhänig.

Menschen sehen in Autos Gesichter und schreiben ihnen menschliche Eigenschaften wie kindlich-erwachsen, weiblich-männlich oder unterwürfig-dominant zu. Das haben Wissenschaftler der Uni Wien schon vor einigen Jahren herausgefunden. Um zu klären, ob diese in Österreich erzielten Ergebnisse nicht durch Autowerbung, Marken-Stereotype oder Filme beeinflusst sind, haben die Forscher ihre Studie nun auch in Äthiopien durchgeführt. Es zeigte sich eine hohe interkulturelle Übereinstimmung der Ergebnisse - hier wie dort werden etwa Autos mit großem Kühlergrill mit erwachsenen Männern assoziiert. Die Studie wurde im Fachmagazin Evolution and Human Behavior veröffentlicht. In ihrer ursprünglichen Studie zeigten die Wissenschaftler, dass rund ein Drittel aller Befragten mindestens 90 Prozent der präsentierten Fahrzeug-Fronten mit einem Gesicht assoziieren. Da werden Scheinwerfer zu Augen, Rückspiegel zu Ohren, Windschutzscheiben zur Stirn, der Kühlergrill zur Nase und Lüftungsschlitze zu Lippen.

Bild: Welche Eigenschaften die Menschen wohl dem Fiat Multipla zuschreiben? Doch in Österreich und allen anderen Industrienationen sind die Menschen nicht nur von Filmen mit sprechenden Autos - vom tollen Käfer "Herbie" bis zu "Lightning McQueen" in Disneys "Cars" - beeinflusst. Sie sind auch von Autowerbung überflutet, die vor allem die Wahrnehmung bestimmter Automarken verändern könnte. Weil das die Studienergebnisse beeinflussen könnte, haben die Wissenschaftler ihre Untersuchungen nun auch im ländlichen Äthiopien durchgeführt, wo es kaum Werbung und nur wenige Pkw gibt. "Dabei zeigte sich eine hohe interkulturelle Übereinstimmung in der Beurteilung der Fahrzeuge", erklärt Studienautorin Sonja Windhager vom Department of Anthropology der Uni Wien. Es gebe kaum Unterschiede zwischen den beiden Kulturen, hier wie dort würden die "Gesichter" der Autos sehr ähnlich wie menschliche Antlitze beurteilt. Autos mit schmalen, weit auseinanderliegenden Scheinwerfern und kleinen Windschutzscheiben werden in beiden Ländern als "männlich", "erwachsen" und "dominant" gesehen, genauso wie breitere menschliche Gesichter mit kleineren Augen und Stirn eher maskulin eingeschätzt werden.

Bild: Der neue 3er BMW ist wohl ein Mann. Und dominant. "Die Studie belegt einmal mehr, dass Menschen offenbar evolutionär veranlagt sind, überall Gesichter zu erkennen, in Wolken, Steinen und selbst in Autos", so Windhager. Behält man mit dieser Einschätzung recht, kann es von Vorteil sein, etwa wenn man ein Raubtier oder einen Feind rechtzeitig erkannt hat. Lag man falsch, ist nicht viel verloren. "Hält man einen Bären für einen Stein, kann das tödlich sein, während umgekehrt nicht viel passiert", so die Wissenschaftlerin. Die Ergebnisse würden auch zeigen, dass die Art, wie Menschen Gesichter wahrnehmen, universell ist. In weiterführenden Studien wollen die Wissenschaftler herausfinden, ob das Design eines Autos den Fahrstil beziehungsweise das Verhalten von Fußgängern beeinflusst. Zudem interessiert die Forscher, ob die Fahrzeug-Fronten Einfluss auf das Kaufverhalten haben.
(APA, KURIER.at / spp) Erstellt am
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