"Auch Piefke wollen sich willkommen fühlen"

Interview: Die Autorin Christine Weiner ist seit Jahren begeisterte Wien-Touristin. Nun hat sie einen Reiseführer der besonderen Art geschrieben, und übt auch Kritik an Österreichern.

"Wien Wien, nur du allein ..." - davon kann Christine Weiner wahrhaftig ein Lied singen. Vor mehr als 20 Jahren besuchte die Deutsche Wien zum ersten Mal, seither lässt sie die Stadt nicht mehr los. Nun hat sie einen "Guide durch die schönste Stadt der Welt" geschrieben. Im Interview mit KURIER.at verrät Weiner ihre Wiener Lieblingsplätze und erzählt, was sie an Wien beziehungsweise Österreich nicht so schätzt. 


KURIER.at: Frau Weiner, warum ist Wien für Sie die schönste Stadt der Welt? 

Christine Weiner: Wien ist bei jedem Besuch anders. Die Stadt lässt sich etwas einfallen, für die Wiener selbst und für die Touristen. Wichtig ist für mich, ... ... dass Wien eben nicht nur Touristen angelt, sondern dass die Bürger der Stadt mit im Fokus stehen. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich mir das Angebot anschaue. So etwas wie die sommerlichen Events vor dem Rathaus, bei dem alle miteinander sind und wunderbarer Musik lauschen können, das habe ich noch in keiner anderen Stadt gefunden. 

(Bild: Wiener Festwochen, auch auf ORF zu sehen) Es gibt in Wien einen hohen Respekt vor Kunst und Kultur bei gleichzeitigem Alltagsgebrauch. Kunst und Kultur sind hier "Lebensmittel", das macht nicht nur das Angebot, sondern auch die Stadt schön, denn es drückt sich im gesamten Stadtbild aus. Wie nehmen (deutsche) Touristen Wien als Reiseziel wahr?

Wenn ich bei meinen Vorträgen auf Wien zu sprechen komme, oder auch im privaten Kreis, da bekommen halt viele gleich einen sehnsuchtsvoll verliebten Blick. Da ist viel Herz dabei und natürlich auch Augenzwinkern, man denke an das Bild des "schlecht gelaunten Herrn Ober". Was die meisten Deutschen nicht wissen - und ich zum Glück auch erst einmal gekonnt ausblendete - sind diese Vorurteile, die Österreicher gegenüber Deutschen haben. Ich liebte Wien von Anfang an und ich dachte, Wien liebt mich auch. Dass es da noch andere Haltungen gibt, davon wusste ich nichts. Genau das erlebe ich auch bei meinen Landsleuten. Sie wissen nicht, dass sie von manchen Wienern "eigentlich" nicht gemocht werden. Sie kennen diese Piefke-Geschichte nicht und das ist auch gut so. Denn die meisten Deutschen sind auch nur Menschen und Menschen wollen sich gemocht und willkommen fühlen. Was ist typisch wienerisch?

Der Tanz um die Klarheit. Es braucht lange, bis man, besonders von Freunden, ein klares NEIN bekommt. Ich als Deutsche bin klare Ansagen gewohnt und werde "narrisch" wenn man mir auf die Frage "Wollen wir uns heute Nachmittag treffen" mit hundert Variationen von "Na ja, geht sich des aus?" antwortet. Wenn diese Rückfrage kommt, dann weiß ich inzwischen, dass mein Gesprächspartner mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Absage nett verpacken will. Diese Vorsicht ist bei mir, der "Deitschen", nicht nötig. Ich kann mit einem Nein gut leben, denn dann mache ich einfach etwas Anderes. Was ist Ihrer Meinung nach das Pflichtprogramm für einen Wien-Besuch?

Das klettenheimers KleinKunstCafé. Und wenn die Sommerpause haben, dann das Rathaus Festival und wenn ich nachdenken muss, ... ... dann der Zentralfriedhof und wenn ich´s lustig will, ... ... dann die Zwergerlbahn im Prater und wenn ich richtig gute Mehlspeisen will und Wiener Gesprächen lauschen, dann das Kleine Café in der Josefstadt. Und dann muss ich natürlich zu Carla, der "Halle für alle" von der Caritas, weil dort meine Buchfundgrube ist. Ich bin dort sogar Stammkunde mit Karte! Oh je, es gibt so viel, nicht so fest dran denken, ich bekomm´ schon wieder Heimweh nach Wien.

(Bild: Blick auf den Prater) Haben Sie persönliche Lieblingsplätze in Wien?

Na fein, mit dieser Frage darf ich ja weiter schwärmen. Ein paar habe ich Ihnen ja bereits genannt. Bezirke, in denen ich gerne bummeln gehe, weil sie nicht so überlaufen sind, sind der 3. und der 5. Bezirk. Und manchmal steige ich einfach gerne in die Trambahn Nr. 5 und lass mich vom Praterstern zum Westbahnhof chauffieren. Das ist eine schön belebte Strecke!

(Bild: Praterstern) Verraten Sie uns Ihr Lieblingscafé in Wien?

Auch wenn ich gerne zum Mehlspeisen essen in die Josefstadt ausweiche und natürlich auch andere Kaffeehäuser sehr gerne besuche, ist und bleibt mein Lieblingscafé doch das Landtmann (Bild). Was ist das beste Souvenier, welches man als Tourist aus Wien mitbringen kann?

Für ...
Musiker: eine CD aus der Reihe "Wean hean"
Naschkatzen: etwas vom Schokokönig
Autofahrer: die Autofahrerschokolade vom Demel
Vegetarier: ein Korb mit Grün vom Naschmarkt (Bild) 
Kunstliebhaber: etwas aus einem der Museumsshops, etwa eine Mozartkugel als Flummy (Dopsball sagte man dazu in meiner Kindheit) Wo kaufen Sie in Wien am liebsten ein, Frau Weiner?

Auf einem der wunderbaren Märkte. Dazu zählt ganz besonders der Karmelitermarkt (Bild) im 2. Bezirk. Aber ich schlendere auch gerne durch die Supermärkte. Mit offenen Augen finde ich hier immer Produkte, die es bei uns nicht gibt und was ganz wichtig ist ein Meinl-Sackerl muss mit und einen Meinl Regenschirm hab ich auch. Den gibt es in Deutschland nämlich nicht, genauso wenig wie tiefgefrorene Mohnnudeln oder eine Gabeljause aus dem Kühlregal. 

(Bild: Meinl am Graben) Was vermissen Sie in ihrer deutschen Heimat?

Schon die Kaffeehäuser. In Wien und auch anderen österreichischen Städten kann man sich dort auch gut alleine hineinsetzen, Kaffee trinken und schauen. Und das auch am Abend. In Deutschland gibt es solche Orte nicht. Es gibt Restaurants und Bar´s und Cafés, aber nur sehr wenig Gasträume mit dieser Qualität. Das Dumme ist, man kann auch nicht einfach ein Wiener Kaffeehaus eröffnen, denn es braucht dazu ja auch den Ober und die Geschichte und die Wiener. Gibt es nicht doch etwas, was Sie an Wien nicht so mögen?

Ja, aber das habe ich, wie gesagt, erst spät mitbekommen. Diese Anti-Piefke-Haltung, die teilweise sogar für Werbung verwendet wird. Bei der letzten Fußball WM besuchte ich ein Public Viewing und hörte wie ein Wiener zum anderen sagte: "Ich hasse die Deitschen!" Das war sehr schlimm. So direkt hatte ich das alles noch nie gehört, denn ich bin behütet und umsorgt von einer großen Anzahl Wiener Freunde und Bekannte. Dann tauchte im letzten Jahr im Fernsehen eine "blöder Piefke"-Werbung auf. Das war auch ein sehr merkwürdiges Gefühl für mich als Deutsche, die zu sehen. Da denke ich mir, meine Güte, was soll das? Wir sind doch alle nur Menschen. Und außerdem habt ihr Wiener das doch gar nicht nötig, denn ihr seid in vielem so viel mutiger und weiter als wir. So ein großer Bühnenzauber wie "Alma" - das ginge in Deutschland niemals durch. Dafür liebe und bewundere ich Wien und deswegen muss ich diesen Sommer wieder lange hin. Das Gänsehäufel ruft! Zur Person: Christine Weiner hat sich in Wien verliebt. Vor mehr als 20 Jahren ist sie zum ersten Mal gekommen, und seither lässt sie die Stadt nicht mehr los. Ihre Erlebnisse  in Wien, sowie Tipps für Touristen hat Weiner in dem Buch "Verrückt nach Wien" (siehe folgenden Buchtipp) festgehalten. 

Herausgekommen ist dabei kein gewöhnlicher Reiseführer, sondern ein Buch, das Wien und seine Bewohner mit allen Macken und Liebenswürdigkeiten vorstellt. BUCHTIPPS:

Christine Weiner
Verrückt nach Wien
Metro-Verlag Wien, 159 Seiten
16,90 Euro Ebenfalls von Christine Weiner im Metro-Verlag erschienen ist:

Christine Weiner
Wien zum Selbermachen: Das Bastelbuch zur schönsten Stadt der Welt
Metro-Verlag Wien, 68 Seiten
14,90 Euro
(KURIER.at) Erstellt am
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