Antigua & Dominica: Segen der Karibik

Der kleinste und der größte Inselstaat der Kleinen Antillen sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Strandträume da, Regenwald und imposante Wasserfälle dort.

"Streichelt sie! Sie begrüßen euch wie alte Freunde", muntert uns Tauchlehrer Joe auf. Wir stehen am Strand von Antigua, bis zum Hals im Wasser und werden von riesigen, furchterregend wirkenden, schwarzen Schatten umkreist. Stachelrochen! Die langen Stachel am Schwanz der Rochen streifen sanft an unseren Beinen und Bäuchen. "Es ist noch nie was passiert", beruhigt Joe. Die Stachelrochen entspannen die Situation. Sie stupsen uns zärtlich an, als ob sie mit uns tanzen wollten. Antigua – 365 Strände. Für jeden Tag einen. 

So lautet der Werbeslogan Antiguas, das mit der Nachbarinsel Barbuda die kleinste Karibik-Republik bildet. Sie ist mit 442 noch kleiner als Andorra. Die Strände gehören zu den feinsten der Region. Und es gibt für jeden Geschmack welche: Die von Touristen und Kreuzfahrern bevölkerten, aber nie überfüllten Sandbuchten der Runaway und der Dickenson Bay nördlich der Hauptstadt St. John’s mit Rum-Bars, Reggae, Shops und Sportangeboten aller Art. Oder die Halfmoon Bay im Südosten, wo es nichts gibt außer einem langen, weißen Strand und einer kleinen Bar. Oder buntes Karibik-Leben an der Long Bay und am Jolly Beach, wo Einheimische gerne den Tag abfeiern. Die Hauptstadt St. John’s mit 25.000 Einwohnern ist ein enges Gassengeflecht, in dem es nicht viel zu entdecken gibt. Die meisten älteren Häuser sind tropisch bunt, aber äußerst renovierungsbedürftig. Mit Ausnahme der herausgeputzten und bestens bewachten Meinl-Bank und dem Kai, an dem die Kreuzfahrtschiffe anlegen. Jeden Morgen wuseln Tausende aus den schwimmenden Hochhäusern und nehmen die Ramschläden, Restaurants und Rum-Bars in Hafennähe in Besitz. Davon lebt die Stadt. Nach 17 Uhr ist der Spuk vorbei: Es wird zugesperrt und aufgeräumt, in der Markthalle liegen gerade noch ein paar überreife Bananen herum. Erst nachts wird es wieder lebendiger, wenn Steelband-Bässe aus den Bars auf die Straßen dringen. Demzufolge ist das einzig Sinnvolle außer Baden und Faulenzen Tauchen und Schnorcheln (nicht nur mit Stachelrochen), am besten von Segelyachten aus. Dafür ist Antigua einer der Hot Spots dieser Welt. Zentren der Szene sind Falmouth und English Harbour im Süden. Der Hafen war schon im 18. und 19. Jahrhundert Stützpunkt der britischen Flotte. Nach Admiral Nelson sind die Dockyards benannt, die historischen, teils gut erhaltenen Docks und Wohnhäuser der Offiziere und Crews. Heute liegen hier sündteure Katamarane in den noblen Yachtklubs vor Anker.

Den schönsten Blick auf die Segler und Buchten hat man vom benachbarten Hügel Shirley Heights. Dort finden jeden Sonntagnachmittag bei guter Live-Musik Grillpartys statt, an denen Touristen mit Einheimischen bis nach Sonnenuntergang abfeiern. Ganz anders Dominica: Die dicht bewachsene, steile Vulkaninsel ist ein Naturjuwel der Extraklasse und war der optimale Schauplatz für das Piraten-Filmspektakel "Fluch der Karibik". Die Insel ist so unberührt, dass die Filmcrew die meiste Infrastruktur für die Dreharbeiten selbst errichten musste. Die 500 Schauspieler und Mitarbeiter wurden in Unterkünften auf der ganzen Insel verteilt. Dominica – 365 Flüsse. Für jeden Tag einen. 

So heißt es auf Dominica. Von den Hängen der bis 1500 m hohen Regenwaldberge und Vulkangipfel purzeln zahlreiche Flüsse und Bäche zur Steilküste, teils als pompöse Wasserfälle. In den Becken zu baden, ist eine äußerst erfrischende, aber nach schweißtreibendem Marsch durch rutschige, steile Dschungelpfade irgendwie verpflichtende Belohnung. Eine Ruderbootfahrt auf dem Indian River ist da weitaus entspannender, auch im Vergleich zu den Filmpiraten. Statt flackernden Kerzen schimmern nur Glühwürmchen und das grellbunte Gefieder der Vögel. Die Baumwipfel neigen sich bis zur Wasseroberfläche herab – fast wie im Regenwald des Amazonas. Und rundum prächtige Orchideen. Noch intensiver erlebt man die Blüten- und Farbenpracht Dominicas auf einer Trekking-Tour. Organisiert wird die meist von den Hotels. Die Wege sind allerdings oft so gut markiert, dass man auch ohne weiters ein Sammeltaxi anhalten kann und so – zwar umständlicher aber preiswerter – zu den Ausgangspunkten der Pfade gelangt. Die besten Trekkingrouten, teils auch für wenig Geübte, findet man im Süden, im Morne Trois Pitons Nationalpark. In der Ruhe des Bergregenwaldes mit seinen gigantischen Farnen, Baumriesen und würzigen Düften merkt man den langen Anstieg zum Boeri Lake, dem höchsten See der Insel, kaum. Auf dem Weg dahin ist der Freshwater Lake zu passieren. Eine Umrundung dieses größten Sees Dominicas ist ein Härtetest, wird aber mit sensationellen Panoramen auf Küsten und Berge belohnt. Entspannen kann man auf dem Weg talwärts in einem Wildbach, der von einer Schwefelquelle gespeist wird und so zur perfekten Naturtherme mutiert. Gleiches gibt es auch in der Titou Gorge, einer Höhle, zu der man schwimmend und durch kurze Canyons tauchend gelangt, um sich dann vom Wasserfall massieren zu lassen. Wasserfälle sind überhaupt das Um und Auf Dominicas. Beeindruckend die Middleham Falls, die sich mitten im Dschungel majestätisch in eine Schlucht ergießen. In ihrem brodelnden Becken, gleichsam ein Whirlpool, kann man ebenso baden wie unter dem Touristenmagnet Trafalgar Falls. Am Fuß dieser Zwillingsfälle gibt es Dutzende Naturpools, gespeist aus warmen Quellen. Man wählt sich seine Wunsch-Badetemperatur also selbst aus. Die mühsamste und aufregendste Tour ist die geführte Bergwanderung durch das "Tal der Verzweiflung" mit Geysiren und Schlammlöchern zum "Boiling Lake", dem zweitgrößten kochenden Kratersee der Welt. Weiße Traumstrände sucht man hier zwar vergeblich, aber der braune von Calibishie im Norden ist nicht zu verachten. Schöne Vulkansandstrände findet man an der Westküste, wie etwa bei Portsmouth, Salisbury und Soufrière. An der Ostküste leben rund 3500 Kariben, die letzten Ureinwohner der Karibik. In ihren Dörfern lässt sich das ursprüngliche Leben vor der Kolonialisierung erahnen. Es gibt frisches Kassawa-Brot, ein köstliches Gebäck aus Kokos und Süßkartoffel. Roseau zählt sicher zu den entspanntesten Inselhauptstädten der Karibik, auch weil der Hafen zu klein für mehr als ein Kreuzfahrtschiff ist. Zwei hübsche Kirchen, ein Markt mit herrlichen Tropenfrüchten und ein paar kleine Bars, Restaurants und Souvenirstandln, das war’s. Einfach idyllisch, wie das Gesamtkunstwerk Dominica.
(KURIER / Wolfgang Godai) Erstellt am
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