Reise
10.06.2017

Altaussee: Der Mythos der Lederhosenmetropole

Arthur Schnitzler empfand zunächst „Naturgrauen“, für Erzherzog Johann „schwand hier jeder Kummer“ und heute errichtet der reichste Österreicher an der „schönsten Sackgasse der Welt“ eine Jausenstation.

Es war heiß. Und ich vielleicht zu vollmundig. Als ich vor zwölf Jahren in einem Steiermark-Buch schrieb Ich tauche jetzt ein. In die schönsten 2,1 Quadratkilometer der Welt. In den Altausseer See. Eines steht fest: Der Mythos Altaussee besteht zurecht. Mit dem 52 Meter tiefen, geheimnisvollen See, umrahmt von der Trisselwand und dem mächtigen Loser, einem Ausläufer des Toten Gebirges – in dem sich schon Kaiserin Sisi auf einsame Wanderungen begab.

Tintenfass für die Dichter

Der Altausseer See, ein Tintenfass, in das die anwesenden Dichter ihre Federkiele tauchten, zieht seit der morbiden Fin-de-siècle-Epoche Literaten und ihr geselliges Umfeld hierher. Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal, Jakob Wassermann und Friedrich Torberg. Aber auch Sigmund Freud, Theodor Herzl und Gustav Mahler fühlten sich von Altaussee angezogen.

Bootshäuser und die Ägidiuskirche im Ortszentrum

Und fanden hier während der Sommermonate eine zweite Heimat. Wassermann meinte, das sei kein Ort, sondern eine Krankheit, die man nicht loswerde. Und Schnitzler beschrieb in seiner Autobiografie, dass er als Kind beim Blick in die Tiefe des Altausseer Sees – der scheinbar ohne Grenze mit der umgebenden Nacht in eins zusammenfloss – ein Naturgrauen empfand. Dieses Gefühl änderte sich bald. Die Begeisterung der Dichterfürsten, der Aristokraten und der rasant zu Geld gekommenen Großbürger in breitkrempigen Strohhüten war bald grenzenlos.

Begehren und betrügen

Man pflegte – inmitten eines berauschenden Naturschauspiels – gesellschaftliche Konventionen. Doch das Kammerspiel von Begehren und Betrügen, amouröse Ausrutscher, würzten inmitten der amoralischen Lieblichkeit (Hermann Broch) die Sommerfrische. Und man ließ sich auch durch den Schnürlregen die Plaudereien auf den handgeschnitzten Holzveranden nicht nehmen. Man berichtete vom letzten Bridgeturnier oder der nächsten Kur in Ischl. Die Gastgeber-Legende Graf Albert Eltz beruhigte früher seine gut situierten Gäste mit stoischem Gesichtsausdruck: In Altaussee regnet’s nur zweimal im Jahr: Einmal sechs Wochen und einmal sieben.

Leben in Lederhose und Dirndl

Das Leben hier unterliegt schon immer ganz speziellen Gesetzen. Ruhig und gelassen erwarten die Einheimischen jedes Jahr die Sommerfrischler, die sich gleich in Lederhose und Dirndl schmeißen, weil sie hoffen, in diesem ländlichen Biotop auch eine Rolle spielen zu dürfen. Vor einer magischen Kulisse, die vielen, die zum ersten Mal in der schönsten Sackgasse der Welt – wie Friedrich Torberg meinte – angekommen sind, den Atem raubt. Und für manche bleibt dann die Sehnsucht nach Altaussee ein Leben lang bestehen. Dieses Gefühl beschrieb Friedrich Torberg, der vor den Nazihorden fliehen musste: Gelten noch die alten Strecken? Streben Gipfel noch zur Höh? Ruht im bergumhegten Becken noch der Altausseer See? Und von seiner Geliebten, seiner Sekretärin, ließ er sich ein Foto in den Zufluchtsort Amerika schicken: Von der Wasnerin auf der gegenüberliegenden Seite Altaussees fabrizierte sie mit ihrer Voigtländer-Klapp-Kamera sieben verschiedene Einzelfotos, die sie zu einer Panorama-Ansicht zusammenklebte und Torberg schickte.

Lederhosen-Schneider Christian Raich

Die Hirschlederne und Altaussee. Friedrich Torberg trug sie nie. Der in Aussee geborene Klaus Maria Brandauer legt sie nur selten an. Eine Lederhose. Von Christian Raich. Sein Opa Herbert, der in den 1950er-Jahren begonnen hat, die zünftigen Hosen zu schneidern, hat ihm das Handwerk beigebracht. Seit 25 Jahren fabriziert Christian die schönsten Lederhosen des Landes. Mindestens 100 Arbeitsstunden sind nötig, um eine sämisch gegerbte Hirschlederne in Handarbeit herzustellen. Allein für die Stickereien pro Hosenbein braucht man rund 15 Stunden. Bei der Königsklasse, einer 9-nahtigen Hose, sind es bis zu 20 Stunden.

Drei Jahre Wartezeit

Die stolzen Besitzer benötigen Engelsgeduld – rund drei Jahre Wartezeit – bis man in die Hose, deren Leder aus dem Alpenraum, manchmal auch aus Neuseeland stammt, schlüpfen – und sich fast wie ein Ausseer fühlen kann. Nur rund 30 Exemplare fabriziert Christian Raich pro Jahr. In seiner Werkstatt, gerade einmal 2,5 x 2,5 Meter groß, scheint die Zeit stillgestanden zu sein: Die alte Singer-Nähmaschine, Bügeleisen wie aus einem Heimatfilm, Fingerhüte, Maßbänder und Lederballen in allen Farbschattierungen umgeben Christian Raich, der seelenruhig das nächste lederne Kunstwerk fertigstellt. Mit Erfahrung, Feingefühl und Gelassenheit.

Jausenstation Seewiese am See-Ende

Am Stammtisch beim Schneiderwirt, bei den Berndl-Musikabenden oder in der Jausenstation Seewiese am Ende des Sees: Überall treffen einander nicht nur die Fremden in ihren authentischen Lederhosen, sondern auch die Einheimischen. Und es wird getratscht. Über das luxuriöse Vivamayr-Gesundheitshotel des Hannes Androsch, wo man in einer neuen Dimension der Mayr-Abnehm-Kur für „des, dass an nix zum Essen geben, viel zahlen muss“. B., ein goscherter Ausseer Tennisfreund von mir (seit Jahren begrüßt er mich mit dem gleichen Spruch „Dir wird heut´ wieder die Zungen raushängen wia a roter Schal“), kann nach dem zweiten, dritten Achterl leicht in Rage kommen: „Dieser Riesenkasten, zwischen der Gradieranlage und dem Tennisplatz direkt am See … mindesten an Stock weniger hätt’´ die Diät-Hüttn scho’´ haben können …“ (Anm.: In der denkmalgeschützten Gradieranlage unter freiem Himmel tropft seit 60 Jahren Sole über Tannenreisig. Ätherische Öle werden freigesetzt – eine Wohltat für strapazierte Großstadt-Bronchien).

Mateschitz lässt bauen

Und natürlich diskutiert man in Altaussee über den neuesten Coup des mehr als 13 Milliarden Dollar schweren Dietrich Mateschitz. Gleich neben der Jausenstation in der Seewiese habe er schon vor Jahren von einem Primar um weniger als 700.000 Euro ein 7000 m² großes Grundstück direkt am See gekauft. Inmitten des Besitzes steht das ehemalige Jagdhaus des Reichskanzlers Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Jetzt haben die Bauarbeiten im Natura 2000-Naturschutzgebiet begonnen: Schon im nächsten Frühjahr soll eine weitere Jausenstation auf der Seewiese eröffnet werden. Eine riesige Plane verbirgt inzwischen die Baustelle. Und ob jemals an der Schiffsanlegestelle, die dem Hotel am See-Besitzer Franz Frischmuth gehört, ein Boot anlegen wird, ist noch offen …

Hüttenwirt und Original Pauli König

Nach dem Prachtgrund auf der Seewiese – erzählt man sich an den Ausseer Stammtischen – soll der Dosen-Tycoon Mateschitz bereits zwei weitere Schätze des Salzkammerguts gekauft haben: Das traditionsreiche Landhaus zu Appesbach am Wolfgangsee, das der Herzog von Windsor am Ostermontag 1937 für längere Zeit gemietet hatte, und die Fischerhütte am mythenumwobenen Toplitzsee – wo man nach 1945 inmitten der Alpenfestung in den Tiefen des Sees versenkte Schätze der Nazis vermutete. Bis heute sind alle Bergungs-Versuche gescheitert …
Auf der Seewiese, neben dem geplanten, neuen Mateschitz-Reich, betreibt ein Altausseer Original die Jausenstation. Der Pauli. Paul König. Der ehemalige Elektriker, Lkw-Fahrer und Bergmann in der Saline ist Garant für gute Laune und gediegene Wirtshausküche. Als Ski-Servicemann betreute er Ski-Legenden wie Markus Wasmeier und Stefan Eberharter, Werner Franz und Fritz Strobl. Vor fast 20 Jahren ist der Pauli in der Seewiese gelandet.

Mit der Plätte zur Jause

Hat das kleine Naturmuseum im ersten Stock und die Jausenstation aufgebaut und fühlt sich hier geerdet – und genauso wohl wie seine Stammgäste. Wie die hier geborene Schriftstellerin Barbara Frischmuth. In Woher wir kommen schreibt sie: „Ich habe ein Plätte organisiert … Wir fahren ans andere Ufer zur Seewiese. Dort haben sie die besten Strudel, die ihr euch vorstellen könnt.“ Neben der Jausenstation, in der vor zwei Jahren auch Spectre, das 24. James Bond-Abenteuer mit Daniel Craig gedreht wurde, betreibt Pauli die Geigeralm am Fuße des Losers. Im Dienste seiner Gäste. Am späten Nachmittag, wenn abgeschnallt wird, beginnt hier der Bär zu tanzen. Mit König Pauli als Mittelpunkt.

Maler Horst Jandl

Ein Altausseer Original ist auch Horst Jandl. Der 76-jährige Maler, der sensibilisiert durch die Einmaligkeit der Ausseer Landschaft ist und dessen Bilder Ruhe und Schönheit des einfachen Lebens ausstrahlen, lebt und arbeitet in der ehemaligen Villa Königsgarten. Einem feudalen, üppig umwachsenen Herrschaftshaus, in dem Friedrich Torberg im Sommer an den Anekdoten rund um die Tante Jolesch schrieb, und auch Bruno Kreisky immer wieder für ein paar Tage Entspannung suchte. In den umliegenden geschichtsträchtigen Villen logierten Adalbert Stifter, Raoul Auernheimer und Arthur Schnitzler. Immer wieder wird auch heute noch die Jandl-Villa am Künstler-Wanderweg Via Artis als Kulisse für filmische Dokumentationen genutzt. Die beseelten Bilder des Romantikers des Ausseerlandes, des heutigen Hausherrn Horst Jandl, sind über das ganze Haus verstreut. Stundenlang werden Besucher vom Herrn Professor durch die Villa geführt. „Früher bin ich auf den Loser und die Trisselwand geklettert, die ich von meinem Haus aus sehe. Aus Liebeskummer.“ Auch das nie fertiggestellte Œvre Am Stammtisch hängt in seinem Atelier: Der Maler konnte es nie vollenden, weil gerade wieder einer der Porträtierten gestorben war …

Genialer Geiger Gottfried Gaiswinkler

Viele der früheren Partner von Gottfried Gaiswinkler, 77, leben auch nicht mehr. Die meisten Musikerfreunde sind längst gestorben. Der geniale Geiger Gottfried ist einer der letzten, der mit ihnen bei der Bauernmusi, bei der Walzerabendmusik, auf Hochzeiten und bei runden Geburtstagen aufgespielt hat: der Temel Franz mit seiner Ziehharmonika, der Posaunist Köberl Engelbert, Wimmer Franz und seine Bassgeige und der Wimmer Karl – der Geige und Klarinette gespielt hat. Doch Gottfried Gaiswinkler musiziert weiter. Beim Streichorchester.
Im benachbarten Bad Aussee. Wo der Rebell der Habsburger, Erzherzog Johann, feststellte Jeder Kummer schwindet hier …

14.-18.6.

Ausseer Jazzfrühling
www.badaussee.at/jazz

1.7.

styriarte „Ein Elfenreigen“ Gößl/Grundlsee
www.styriarte.com

11.7.

Ausseer Sommernacht „Nacht der Musik“
www.stadtmarketing-badaussee.at

11.7.

„Wortklänge“ mit Tunkowitsch-Havlicek
www.buch-boot.at

14.7.

Eröffnung Ausseer Festsommer 2017
www.festsommer.com

15.7.

Classic Alpin – Klassik am Berg Loser-Bühne beim Augstsee
www.festsommer.com

15.7.

ORF-Klangwolke am Altausseer Solarschiff
www.kulturkik.at

16.7.

Wiener-Ausseer Konglomerat Musikalisch-literarische Mischkost
www.badaussee.at/kammerhofmuseum

17.7.

Szenische Lesung „Maria Montessori“. Von Helmut Korherr mit Gabriele Schuchter
www.salzkammerspiele.at

19.7.

Open Air Kino der Filmautoren Ausseerland, Seewiese Altaussee

21.7.

Altausseer Dorffest
www.altaussee.at/kultur-veranstaltungen

22.7.

Beethoven plus-Festival „Klavierlegende des Jahrhunderts“ Paul Badura-Skoda
www.badura-skoda.cc

24.7.

Szenische Lesung mit MOKusik aus dem Buch „Unheil Hitler“ im Kur- und Amtshaus Altaussee www.salzkammerspiele.at

Liest Torberg-Zyklus: Miguel Herz-Kestranek

27.7.

Losts na grad d´Spielleut an wia´s musizieren … Ausseer Bradlmusik
www.badaussee.at/kammerhofmuseum

27.7.

Lesung von James Hamilton Patterson „Eroica“ in englischer Sprache
www.literaturmuseum.at

29.7.

Sommernachtskonzert zum 165-jährigen Jubiläum Seewiese Altaussee
Tel. 03622/71643

1.8.

Ausseer- Kammermusik mit Adrian Brendel & Julian Jacobson
www.ausseerkammermusik.at

2., 4.8.

Klassik am Altausseer-See
www.festsommer.com

3.8.

Flower, Power, Rock’n’Roll-Gasthof Veit/Grundlsee
www.festsommer.com

8.8.

Meister des Barock, Pfarrkirche Altaussee
www.hopkinsonsmith.com

9.8.

In Memoriam Nikolaus Harnoncourt, Spitalkirche Bad Aussee
www.festsommer.com

10.8.

Franz Winter liest Friedrich Torberg „Auch das war Wien
www.literaturmuseum.at

12.8.

„Berge in Flammen“ Altaussee, Feuerwerk, bengalische Beleuchtung der Berge und Seebeleuchtung am Altausseer-See
www.ausseerland.at

16.8.

K&K-Strings feat. Frank Hofmann
www.festsommer.com

18., 19.8.

Tagebuch eines Mörders Lesung Wolfram Berger
www.bluatschwitzblackbox.eu

18.8.

Ausseerisch – Außerirdisch. Ausseer Bradlmusi, Grundlseer Geigenmusi und ausgfuXt spielen auf
www.badaussee.at

23.8.

Neue Geschichten von Polly Adler. Es lesen Angelika Hager und Maria Happel
www.festsommer.com

24.8.

Torberg Zyklus mit Miguel Herz-Kestranek
www.literaturmuseum.at

25.8.

Wolfgang Staribacher und Bernhard Rabitsch Gasthof Veit/Grundlsee
www.festsommer.com

25.8.

Exotische Saitenklänge Villa Liechtenstein/Altaussee
Tel. 0650/8613723

2-4.9.

56. Altausseer Kiritag & Bierzelt

www.bierzelt-altaussee.at