USA: Teenager-Tod reißt alte Gräben auf

Der gewaltsame Tod von Trayvon Martin lässt die Wunde Schwarz gegen Weiß wieder aufklaffen - der tote Junge wird zum Politikum.

In den USA fordern tausende Menschen die Bestrafung eines Mitglieds einer Bürgerwehr, das Ende Februar im US-Bundesstaat Florida einen schwarzen Jugendlichen erschossen hat.
Bild: In New York wurde zu einer Demo aufgerufen Der 17-jährige Trayvon Martin war Ende Februar in Sanford von einem 28-Jährigen erschossen worden, der in der Nachbarschaft auf private Patrouille gegangen war.
Bild: Demo in Sandford Der afroamerikanische Jugendliche war unbewaffnet und befand sich auf dem Rückweg vom Einkaufen zur Wohnung der Freundin seines Vaters. Der Schütze, ein Weißer, erklärte, aus Notwehr gehandelt zu haben. Die Polizei schenkte den Angaben des Schützen Glauben und nahm ihn nicht fest. Sie beriefen sich auf das "Stand Your Ground"-Gesetz (Weiche nicht zurück). Diese Gesetzesregelung gewährt der Bevölkerung in Florida ein besonders weitgehendes Recht auf Selbstverteidigung. Am Donnerstagabend versammelten sich bis zu 20.000 Menschen in einem Park der Stadt zu einer friedlichen Kundgebung. Schon in der Vorwoche hatten Demonstrationen stattgefunden und via Facebook war in New York zu einem Protestmarsch der "1000 Hoodies" aufgerufen worden. Der Teenager hatte vor seinem Tod einen Kapuzenpullover (Hoodie) getragen.
Bild: Demo in Sandford Angesichts der wachsenden Empörung über das Vorgehen der Polizei in Sanford wurden die Behörden aktiv. Das US-Justizministerium hat seine für rassistische Verbrechen zuständigen Bürgerrechtsexperten geschickt, um eine "sorgfältige und unabhängige Prüfung der Beweise" vorzunehmen. Auch die Bundespolizei FBI ermittelt inzwischen.
Bild: Demo in Sandford Eine Grand Jury soll in Florida am 10. April klären, ob die Beweise ausreichen, um Anklage gegen den Schützen zu erheben. Im Internet unterzeichneten bereits mehr als eine Million Menschen eine Petition, die seine Strafverfolgung fordert.
Bild: Demo in Sandford Als erste Konsequenz ist Polizeichef Bill Lee am Donnerstag vorrübergehend zurückgetreten. Seine Rolle als Leiter der Polizeistation sei zu einer "Ablenkung" für die Ermittlungen geworden, so Lee in einer Erklärung. Er war unter Beschuss geraten, weil er und seine Mannschaft die Todesumstände des Teenagers nicht gründlich untersucht haben sollen. Der Stadtrat hatte ihm in einer Abstimmung zuvor das Vertrauen entzogen.
Bild: Ex-Polizeichef Bill Lee Der Vater des getöteten Teenagers bezeichnete die Amtsniederlegung indes bei der Demonstration in Sanford als unzureichend. "Wir wollen eine Verurteilung und wir wollen eine Verhaftung des Mörders unseres Sohnes." Zu der Demonstration waren Menschen aus ganz Florida und aus Nachbarstaaten angereist.
Bild: Die Eltern des getöteten Teenagers, Tracy Martin und Sybrina Fulton bei einer Demo in New York Der Umgang mit dem Tod des Teenagers hatte die Debatte um die Benachteiligung von Afroamerikanern im US-Justizsystem und unterschwelligen Rassismus in Teilen der US-Gesellschaft wieder aufflammen lassen.
Familienfoto von Trayvon Martin "Der Rassenfaktor hat ganz bestimmt eine Rolle gespielt", sagte die 33-jährige Karen Curry. "Wie kann es sein, dass die Polizei den Kerl nicht festgenommen hat, der einen jungen Mann erschossen und ihn wie Abfall hat liegen lassen?"
Bild: Demo in New York An der Demonstration nahmen auch Religionsvertreter und der afroamerikanische Bürgerrechtler Al Sharpton teil. Für Montag wurden neue Proteste vor dem Gerichtsgebäude der Stadt angekündigt. Die Familie des Schützen wies die Vorwürfe eines rassistischen Mordes zurück. Der 28-Jährige habe hispanische Wurzeln und viele afroamerikanische Freunde und Familienmitglieder. "Er wäre der letzte, der jemanden wegen irgendetwas diskriminiert", sagte sein Vater. In den USA wird Trayvon Martins Tod zum politischen Thema. Tausende waren bei Protestmärschen dabei

Die Eltern von Trayvon Martin haben es sich wohl nicht ausgesucht, die neuen Köpfe der schwarzen Bürgerbewegung zu werden. Seit Ende Februar der unbewaffnete 17-Jährige von einem privaten Bürgerwehrler in Sanford, Florida, erschossen wurde, stehen sie ganz vorne in einem Zwei-Fronten-Krieg um die Meinungshoheit in den USA. Denn der Tod des jungen Mannes drückt den Finger auf die eine alte Wunde: Schwarz gegen Weiß.

Dabei konzentriert sich oberflächlich alles auf eine Frage: Hat der Teenager zuerst gegen den Mann, der ihn später mit seiner Schusswaffe niederstreckte, die Hand erhoben und so den Schützen in die Notwehr gezwungen? War er selbst der Aggressor? Die weiterführende Diskussion dreht sich aber darum, wer mehr Angst vor dem anderen haben muss: Schwarze oder Weiße?

Längst haben sich zwei Lager verfestigt, die mitunter auch in den Schmutzkübel greifen. Der Schütze George Zimmermann wird entweder als rassistischer Lügner dargestellt oder als aufrechter Bürger und Opfer. Für Trayvon werden Songs kreiert, Märsche organisiert und sogar ein Kopfgeld auf Zimmermann ausgesetzt.

Wahlkampf

Die politische Elite Amerikas mischt mit – schließlich ist es ein Wahljahr und die Afroamerikaner stellen rund 13 Prozent der Bevölkerung. Nachdem Präsident Barack Obama gesagt hatte: "Wenn ich einen Sohn hätte, würde er aussehen wie Trayvon", wurde er heftig vom republikanischen Lager attackiert. Präsidentschaftsbewerber Newt Gingrich nannte Obamas Worte "schändlich". Konkurrent Rick Santorum warf Obama vor, den Fall "politisieren" zu wollen.

Dabei ist er längst Politikum. Die Debatte um Schuld oder Unschuld Trayvon Martins spitzt sich auf einen Punkt zu: Die Seite, die bei den Geschehnissen der Todesnacht recht behält, sieht sich auch ideologisch im Recht. Entschieden wird diese Frage womöglich am 10. April, wenn die Staatsanwaltschaft bekannt gibt, ob der sich auf freiem Fuß befindliche George Zimmermann, selbst halb Latino, vor Gericht gestellt wird oder nicht.

(kurier) Erstellt am
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