US-Wahlkampf: Streit um die Pille

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Foto: REUTERS Gesundheitsreform: Laut Obama müssen Arbeitgeber künftig Verhütungskosten übernehmen. Frauenrechtler freut das, Abtreibungsgegner (Bild) und viele Republikaner sind dagegen.

Im Wahlkampf wird immer heftiger über das Recht auf Verhütung diskutiert. Es geht um entscheidende Stimmen – die der Frauen.

Ein bitterer Streit über die Anti-Baby-Pille lässt in den USA seit Wochen die Wogen hochgehen und rückt die entscheidende Rolle von Frauen bei den diesjährigen Präsidentschaftswahlen in den Vordergrund. Kern der Kontroverse ist eine Regelung des Weißen Hauses, die vorsieht, dass Arbeitgeber die Kosten von verschreibungspflichtigen Verhütungsmitteln ihrer weiblichen Angestellten übernehmen müssen. Ein Aspekt von Präsident Barack Obamas Gesundheitsreform, über die der Oberste Gerichtshof in Washington ab Montag entscheiden soll.

Katholische Institutionen und Bischöfe leisteten sofort starken Widerstand. Umgehend attackierte auch die Republikanische Partei (Rick Santorum siegt bei jüngster Vorwahl) Obama wegen der angeblichen Verletzung des von der Verfassung garantierten Rechts auf Religionsfreiheit.

Rush Limbaugh, der meistgehörte Radiomoderator Amerikas, bekannt für seine krasse Ausdrucksweise und radikale Weltsicht, gab den Ton vor. Er beschimpfte live auf Sendung eine junge Befürworterin der Gratis-Pille als "Prostituierte" und "Schlampe" und argumentierte, sie wolle für Sex bezahlt werden. Vor einem Millionenpublikum verlangte er von ihr sogar Internet­videos, "damit wir alle zuschauen können".

Die Betroffene, die Studentin Sandra Fluke, hatte zuvor bei einer Sitzung im US-Kongress ausgesagt, dass Frauen die Pille keineswegs nur dafür benötigen, nicht schwanger zu werden. Manche bräuchten sie schlicht zur Behandlung von hormonell bedingten Beschwerden, so die Brünette mit dem überzeugenden Auftreten. Ein wütender Mediensturm war die Folge, der bis heute andauert. Mittlerweile sprechen die Kommentatoren sogar von einem "Krieg gegen die Frauen".

Zurückhaltung

dapdRepublican presidential candidate, former Pennsylvania Sen. Rick Santorum pumps his fist while talking to reporters during a news conference in Green Bay, Wis., Saturday, March 24, 2012. Rick Santorum won the Louisiana Republican presidential primary Foto: dapd Präsidentschaftskandidat Santorum: "Absurd"

Wenig zu hören war dazu bisher von den republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Rick Santorum, der ehemalige Senator aus Pennsylvania und überzeugter Katholik, tat die Sager Limbaughs als die eines "Entertainers" ab und nannte sie einfach nur "absurd". Besonders Spitzenreiter Mitt Romney hat nach Meinung mancher Beobachter eine Chance verpasst, Charakterstärke zu beweisen. Der Ex-Gouverneur von Massachusetts (der am Sonntag die Vorwahl in Louisiana gegen Kontrahenten Santorum verlor) meinte nur, dass die Wortwahl keinesfalls "die Sprache sei, die er verwendet hätte".

Während einer Wahlkampfveranstaltung im Bundesstaat Illinois vorige Woche zeigte Romney sich dann doch aggressiv, jedoch nicht gegenüber Limbaugh. "Wenn Sie alles gratis haben wollen, dann wählen Sie doch den anderen Typen", sagte er einer jungen Frau, die ihn zum Thema kostenlose Anti-B­aby-Pille ansprach.

Diese Haltung könnte ihm im November wehtun. Frauen in den USA sind fleißigere Wähler als Männer und wechseln häufig das politische Lager. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2008 waren sie ein Hauptgrund für den überzeugenden Sieg Obamas. Nur zwei Jahre später jedoch, bei den Kongresswahlen 2010, liefen sie in großer Zahl zur anderen Seite über und bescherten der "Grand Old Party" die Mehrheit im Repräsentantenhaus.

Demokraten wollen bei Frauen punkten

Die Demokraten halten die Verhütungsdebatte daher am Leben, in der Hoffnung, bei Frauen politisch zu punkten. Obama griff persönlich zum Telefon, um Fluke öffentlichkeitswirksam seine Unterstützung zuzusichern. Auch Außenministerin Hillary Clinton äußerte sich zur Kontroverse. Vor einem großteils weiblichen Publikum fragte sie, warum Extremisten sich eigentlich immer auf Frauen fixieren müssen. "Ja, es ist schwer zu glauben, dass wir uns sogar hier zu Hause für die Rechte der Frau einsetzen und Versuche, uns zu marginalisieren, zurückdrängen müssen", sagte sie. "Dabei sollte Amerika dem Rest der Welt doch ein Vorbild sein."

Dieser Einsatz für Frauen macht sich für die Demokraten bis jetzt bezahlt. Laut einer Pew-Research-Center-Umfrage vom 14. März liegt Obama bei weiblichen Wählern um ganze 20 Prozentpunkte vor Romney.

Doch die Präsidentin der Nationalen Vereinigung Republikanischer Frauen, Rae Lynne Chornenky, bestreitet, dass hier überhaupt ein Streitthema vorliegt. "Für uns war das nur eine Nebenvorstellung", sagt Chornenky dem KURIER. "Wir sind ganz darauf konzentriert, die Debatte dort zu halten, wo sie sein sollte, weil Frauen besorgt sind über die Wirtschaft und die Richtung, die wir eingeschlagen haben." Sarah Palin, Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin und eine der bekanntesten republikanischen Politikerinnen, behauptete gegenüber dem Sender CNN sogar, dass die Kritik an Limbaugh "Heuchelei" sei.

Gesellschaftliches Problem

Carol Hardy-Fanta, Direktorin des unabhängigen "Center for Women in Politics and Public Policy" an der University of Massachusetts in Boston, ortet ein Problem im gesellschaftlichen Unterbewusstsein. "Ich glaube es geht hier nicht unbedingt nur um Frauen", meint sie zum KURIER. "Wir sind ein Land, das Sexualität insgesamt mit Unbehagen gegenübersteht."

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(kurier / Veronika Oleksyn, Washington) Erstellt am
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