Politik 20.12.2011

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Fall Kampusch: Die Zeugin der Entführung sagt, die Justiz habe ihr nahegelegt, zu schweigen. Ihre Aussage sei schlecht für den Fall.

Zwei Täter. Irrtum ausgeschlossen. Ischtar A., die einzige Zeugin der Entführung von Natascha Kampusch im März 1998, bleibt auch 2011 dabei. Zwei Täter. Niemals habe sie etwas anderes behauptet. Niemals habe sie gemeint, sie hätte sich geirrt haben können, wie die Justiz in ihrer Begründung für die Einstellung des spektakulären Falles Anfang 2010 erläutert hatte. Mehr noch: Jüngste KURIER-Recherchen ergaben: Ischtar A. wurde von den Behörden unter Druck gesetzt. Sie dürfe ja nichts über zwei Täter erzählen. Auch nicht ihrem Arzt oder einem Psychologen.

Nun liegen dem KURIER Informationen über die Zeugenaussagen von Ischtar A. aus dem Sommer 2011 vor. Die Informationen stammen aus Innsbrucker Justizkreisen. Sie bergen gewaltigen Zündstoff.

Wahrheitspflicht

Natascha Kampusch hat sich auf einen Täter festgelegt.
© Bild: apa

Innsbruck, 2011. Verfahren gegen fünf hochrangige Staatsanwälte. Sie sollen wesentliche Erkenntnisse der polizeilichen Sonderermittler im Fall Kampusch ignoriert haben. Ischtar A., die nunmehr 25-jährige Schlüsselzeugin, ist am 29. Juli 2011 mit ihrer Aussage in Innsbruck an der Reihe. Sie muss sich unter Wahrheitspflicht erklären. Ihre Aussagen sind klar und bekräftigen die Mehrtätertheorie der Sonderermittler.

Zur Zeit der Entführung war Ischtar A. eine begabte, 12-jährige Mittelschülerin. Insgesamt hat sie zwischen 1998 und 2009 sechs Mal vor der Polizei angegeben, zwei Täter gesehen zu haben.

In Innsbruck wiederholt sie ihre Angaben. Zwei Täter. Ohne Zweifel. Einer sei am Steuer des Kastenwagens gesessen, ein anderer habe die damals 10-jährige Natascha Kampusch ins Wageninnere gezerrt.

Täuschungsmanöver

Vieles deutet darauf hin, dass Ischtar A. noch immer Angst hat. Angst vor einem zweiten Täter. Vor jenem Mann, den sie damals, nach dem Wiederauftauchen von Natascha Kampusch Ende August 2006, im Tatrekonstruktionsvideo mit Stoppelglatze beschrieb, und der – aus ihrer Sicht – noch immer frei herumläuft.

Am Beispiel der Ischtar A. lässt sich mittlerweile rekonstruieren, wie im Fall Kampusch getarnt und getäuscht wurde. Wie versucht wurde, das Licht der Ermittlungen nur ja nicht auf mögliche Hintermänner zu richten. Und wie man es schaffte, Ermittlungsergebnisse zumindest falsch darzustellen, womöglich gar zu vertuschen.

Brisant ist diesbezüglich die Gegenüberstellung von Zeugin Ischtar A. mit Opfer Natascha Kampusch vom 3. Dezember 2009.

Explosive Aussagen

Auch hier rückt die Zeugin Ischtar A. nicht von ihrer Position ab. Es waren zwei Täter.

Mehr noch: Laut KURIER-Informationen hat sie dies auch Natascha Kampusch, die sich auf einen Täter festgelegt hatte, zu Beginn der Gegenüberstellung deutlich erklärt. Eine explosive Aussage: Denn die Staatsanwaltschaft hat im Abschlussbericht als auch bei der Abschluss-Pressekonferenz (Jänner 2010) festgehalten, Ischtar A. habe bei dem Treffen mit Kampusch gemeint, sie hätte sich offenbar getäuscht.

Doch mitnichten. Recherchen ergaben, dass Ischtar A. sich bei der so genannten Gegenüberstellung, die nicht nach den Vorgaben der Strafprozessordnung verlief, von einem vernehmenden Beamten und vom Anwalt der Natascha Kampusch unter Druck gesetzt gefühlt hatte und deshalb im weiteren Verlauf der Begegnung einfach schwieg. Ihre Version jedoch hat sie nicht abgeändert.

Zudem brisant: Die Tatzeugin hat am 29. Juli 2011 im Innsbrucker Gericht erzählt, dass sie von Polizisten immer als Lügnerin hingestellt worden sei.

Polizisten hätten ihr gesagt, dass sie niemandem von zwei Tätern erzählen dürfe, weil dies "schlecht für den Fall" sei. Diesbezüglich hätte sie auch etwas unterschreiben müssen.

Offene Fragen

Diese Erkenntnisse werfen zahlreiche Fragen auf: Warum etwa wurde Ischtar A. nahe gelegt, nur ja nicht von zwei Tätern zu reden? Warum durfte sie sich nicht einmal einem Arzt oder Psychologen anvertrauen, die ohnehin der Schweigepflicht unterliegen? Vor allem aber: Warum wurde nach der Gegenüberstellung ein Aktenvermerk angelegt, in dem es heißt, die Zeugin könne sich geirrt haben, obwohl sie dies bis heute heftig dementiert?

Faktum ist, dass die Staatsanwaltschaft seit Jahren bemüht ist, den Ausführungen der Ischtar A. keine besondere Bedeutung beizumessen – es könne sich um eine Vermischung aus Fantasie und Realität handeln, heißt es in einer jüngsten Begründung.

Krasser Widerspruch

Eine Einschätzung, die in krassem Widerspruch zu den Ergebnissen der Evaluierungskommission steht, die sich unter der Leitung des ehemaligen Höchstrichters Ludwig Adamovich höchst kritisch mit der seltsamen Arbeitsweise der Staatsanwaltschaft auseinander gesetzt hat – und die stets die Mehrtätertheorie vertreten hat. Die neuen Erkenntnisse rund um die so wichtige Zeugin bestätigen diesen Eindruck.

Und erhärten ganz konkret den Verdacht: Hinter dem Fall Kampusch könnte doch viel mehr Schreckliches verborgen sein als ein toter Entführer.

Das Nachspiel im Parlament

Fast ein Jahr dauerten die Ermittlungen gegen fünf Staatsanwälte wegen Verdachts auf Amtsmissbrauch im Fall Kampusch (wesentliche Ermittlungsergebnisse, vor allem in Bezug auf einen zweiten Täter, sollen ignoriert worden sein). Vor einigen Wochen folgte das Justizministerium dem Vorhabensbericht der Staatsanwaltschaft Innsbruck, die die Ermittlungen geleitet hat: Verfahrenseinstellung, weil sich "klar ergeben" habe, "dass kein Fehlverhalten vorliegt".

Für die Politik ist der Fall nicht erledigt. Unter der Leitung von ÖVP-Mandatar Werner Amon wird zunächst in einem geheimen Unterausschuss überprüft, ob tatsächlich alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Der Vorhabensbericht aus Innsbruck wird dabei von gut zwei Dutzend Mandataren ebenso durchforstet wie Akten aus Innen- und Justizministerium. Es kommen auch Zeugen – wie die Evaluierungsrichter Rzeszut und Adamovich – zu Wort. Danach könnte ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss die Arbeit aufnehmen, den FPÖ und BZÖ schon jetzt heftig einfordern.

( Kurier ) Erstellt am 20.12.2011