Statusmeldung Langeweile: Facebook gefällt nicht mehr

Ein „Daumen runter“-Symbol ist auf einem blauen Stoff aufgenäht.
Soziale Netzwerke sind wie Ökosysteme: Sie können viel Dreck aufnehmen, doch plötzlich kippen sie. Trendforscher beobachten, dass der Reiz der digitalen Lebenswelt, in der man sich gerne aufhält, verloren geht.

Was war zuerst? Die Henne oder das Ei? Der Facebook-Aktienkurs im Sinkflug oder die Facebook-Müdigkeit der User? Analysten würden diese Frage eindeutig mit: "Das Ei!" beantworten. Facebook-Müdigkeit geht um, diagnostizieren Trendforscher. Das Chat-Unternehmen mit Hang zur Daten-Bulimie erweise sich als bedenklich visionslos, schreibt Eike Wenzel vom deutschen Zukunftsinstitut in seinem Newsletter. Und beobachtet "eine gewisse Erdung der Social-Media-Begeisterung, die kühl rechnende Börsen-Auskenner schon früher beobachtet hätten". Wenzel: "Gemessen an den gigantischen Zahlen ist die Werbewirkung bescheiden. Facebook ist grandios überbewertet."

Die schlechte Presse der vergangenen Wochen wird den Durchschnittsnutzer wenig kümmern. Irgendwo ist dennoch der Wurm drinnen: Facebook ist heute der unbeliebteste Social-Media-Dienst – weit hinter Google Plus. In den USA ist Facebook fast so unbeliebt, wie es Myspace vor zwei Jahren war. Wie das ausging, wissen wir.

"Ich bin aus Facebook ausgetreten, nicht nur aus Datenschutzgründen, sondern mit der Überzeugung, dass Facebook mittlerweile out ist." Das erklärte Sarah Spiekermann, Leiterin des Instituts für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Wirtschaftsuni Wien, unlängst bei den Technologiegesprächen des Forum Alpbach. Facebook langweile viele Menschen, eine Studie hätte ergeben, dass es 70 Prozent der Nutzer egal wäre, wenn Facebook ihre Daten löschen würde.

Neu, neuer, am neuesten

Das Facebook-Logo und der Schriftzug „NASDAQ LISTED“ sind zu sehen.

Unsere Gesellschaft scheint süchtig nach Neuem. "Und Facebook ist kein Newcomer mehr. Doch gerade Social-Networks leben von Innovationen", sagt der Zukunftsforscher Andreas Steinle. Eindeutig: "Facebook ist träge geworden." Und auch Michael Pachter, Analyst bei Wedbush Securities, sagte im Zeit-Magazin: "Das Hyperwachstum ist wahrscheinlich vorbei. Und es ist offensichtlich, dass nicht jedes menschliche Lebewesen auf diesem Planeten dabei sein will. "

Facebook (die Aktie fiel auf ein neues Allzeittief von 18,23 Dollar) wurde so groß, weil es Menschen erlaubte, ihr Leben im digitalen Raum zu erzählen, wie sie es gerne hätten. Selbstinszenierung darauf ausgerichtet, so dazustehen, wie es für das Umfeld akzeptabel und wünschenswert ist. Und was tut Facebook? Es rüttelt am eigenen Denkmal, um Mark Zuckerbergs Anspruch zu erfüllen, die User zu gläsernen Menschen zu machen, deren Leben für immer in den Untiefen des digitalen Netzwerks gespeichert bleiben. Facebook vergisst nichts. Menschen dagegen wollen vieles vergessen.

Daneben geht es mehr denn je darum, die Nutzer als Marketing-Masse auszuschlachten. Alle Likes, alle Suchen werden von FB sofort registriert und in zielgerichtetes Business umgewandelt. Eine Funktion, die sich abschalten lässt. Aber: All diese Privatsphären-Einstellungen sind nicht so einfach zu finden – man muss sie sich erst mühsam erarbeiten.

"Viele Nutzer haben aber großes Interesse daran, dass ihre Daten eben nicht verkauft werden und sie Werbung nicht zu sehr belästigt", sagt Steinle. Doch seit dem Börsengang versucht man die Daten noch besser wirtschaftlich auszuschlachten. Mehr Datenpreisgabe bedeutet ein attraktiveres Werbeumfeld. Beispiel gefällig? Klickt ein Nutzer den Like-Button eines Unternehmens an, macht er möglicherweise ohne es zu wissen Werbung für die Firma auf den Profilen seiner Freunde. Fazit: Was einst als Plattform für Selbstverwirklichung und Ich-Präsenz entstanden ist, hinterlässt immer häufiger das Gefühl, sich vor den Tücken dieses Netzwerks schützen zu müssen.

Zeiträuber

Mark Zuckerberg posiert neben dem Facebook-Logo.

Mark Zuckerberg rechnet mit einem langfristigen Trend zum Home Office.

Digitale Überforderung könnte ein weiterer Grund für die Facebook-Müdigkeit sein: Geprägt durch eine Firmenkultur von Innovation und Kreativität hat das Unternehmen ständig neuen Schnickschnack wie Video-Telefonate oder mobile Applikationen erfunden, um seinen Nutzern kostbare Zeit abzuluchsen. Dabei ist die Medienanalystin Rebecca Lieb überzeugt, dass es "wahrscheinlich ein gewisses Maximum an Technologien gibt, das die Menschen in ihrem Alltag zu nutzen bereit sind". Folge: Out of order wegen overload!

Bei den Usern hat sich also viel Unmut angehäuft. Wohin sie ausweichen? Zu Google Plus etwa. "Die bedienen verschiedene Kommunikationsgruppen ganz unterschiedlich – nicht alles für alle. Überhaupt werden die Social Networks künftig individueller und vielfältiger werden", prophezeit Zukunftsforscher Steinle. Er glaubt auch, dass Social-Media für das berufliche Umfeld immer wichtig wird: Für Projektmanagement beispielsweise oder das Suchen und Finden von Experten.

Viele verschiedene

"Mag sein, dass Facebook eines Tages den Bach runtergeht, aber das Grundprinzip von Social Media wird nicht verschwinden. Und so werden immer neue Dienste entstehen, die den Bedürfnissen der User entgegenkommen", ist auch die Einschätzung des Facebook-Experten Jakob Steinschaden. Als Beispiel dafür nennt er das neue App.net: "Es verzichtet im Gegensatz zu Facebook auf Datennutzung für personalisierte Werbung, verkauft auch keine Nutzerdaten, dafür muss man als User zahlen – 50 Dollar pro Jahr, das ist ein Krügerl pro Monat. Es wird sich weisen, wie viele Menschen bereit sind, für ein soziales Netzwerk zu bezahlen."

Auch Pinterest und Goodreads werden von Experten gute Chancen eingeräumt. Letzteres ist ein Social-Media-Portal für Literaturfreunde und Debattier-Begeisterte, auf dem sich 13 Millionen Buchrezensionen finden .

"Die Facebook-Strategie wird wohl sein, diese zukunftsträchtigen Networks frühzeitig zu erkennen, aufzukaufen und in den Konzern zu integrieren", orakelt Steinle. "Schließlich haben sie immer noch sehr viel Spielgeld und können ein paar Wetten auf die Zukunft riskieren."

BUCHTIPPS: Jakob Steinschaden: "Phänomen Facebook – Wie eine Website unser Leben auf den Kopf stellt", Ueberreuter, 16,95 € und "Digitaler Frühling – Wer das Netz hat, hat die Macht?" Ueberreuter, erscheint im Oktober 2012, 16,95 €

Kritische Facebook-Fans: Gut für Freundschaft und Beruf

Natürlich fühlen sich "Schreiber" von sozialen Netzwerken angezogen. Vermutlich hält es die freie Journalistin Pia Bauer (49) deshalb schon so lange bei Facebook aus – seit 31. 1. 2009 ist sie (kritisches) Mitglied. Das weltgrößte Freundes-Netzwerk erzeugt auch bei ihr zuweilen Fluchtreflexe: "Die nur mühsam durchschaubaren Privatsphäre-Einstellungen machen mich oft stinkert. Und wenn es zu unnötigen Debatten oder gar Intrigen unter den ,Freunden" kommt, möchte man drauf pfeifen." Das Suchtpotenzial der Spiele erwähnt sie ebenfalls. Ärger hin, Ärger her – sie ist trotzdem gekommen, um zu bleiben: " Facebook ist eine ewige Beta-Version und wir sind die Versuchskaninchen."

Privat
Dafür hat Bauer schon viele schöne Erfahrungen mit Facebook gemacht – und macht sie immer noch: "Es hilft mir beruflich, und ich kann mit meiner Familie in Finnland in Verbindung bleiben. Ich habe schon sehr viele Freundschaften auf diese Weise geschlossen."

Etwa mit Romana Gamauf-Kainzner (47). Die beiden Frauen haben einander erst via Facebook beschnuppert – um festzustellen, dass sie seelenverwandt sind. "Wir haben uns irgendwann einmal eine ganze Nacht lang geschrieben und sind draufgekommen, dass wir einander total ähnlich sind und sogar ähnliche Lebensläufe haben." Jetzt sind sie dicke Freundinnen.

Geschäftlich
Gamauf-Kainzner hat ein Keramik-Atelier in Niederösterreich, sie entwirft unter anderem Schmuck. Facebook hilft ihr, mit potenziellen Kunden in Kontakt zu kommen: "Das ist schön. Man macht etwas füreinander, hilft einander. Außerdem ist Facebook für mich auch das Tor zur Welt – ich lebe mit meiner Familie auf dem Land, abseits der Stadt. Auf diese Art verliere ich nicht den Anschluss", sagt Gamauf-Kainzner.

Die "dunklen" Seiten von Facebook sind natürlich auch ihr bekannt – aber im Grunde genommen egal: "Ich sehe das nicht so eng, weil ich sehr bewusst mit diesem Medium umgehe. Außerdem: Von mir kann jeder alles wissen, ich bin im Netz nicht anders als im realen Leben."

Wussten Sie, dass...

... Internetnutzer inzwischen mehr Zeit in sozialen Netzwerken verbringen als bei Mittag- und Abendessen zusammen? Den meisten geht es um Selbstinszenierung – so eine neue ARD/ZDF-Online-Studie. Weitere Argumente für Facebook & Co: Vernetzen mit anderen Menschen, Informationen nützen.

... Facebook gar kein Teenie-Treff ist? Zwei Drittel der Nutzer sind – laut einer Studie des schwedischen Monitoring-Anbieters Pingdom – 35 Jahre und älter. Die älteste Userin ist 101 Jahre alt – die Amerikanerin Florence Detlor. Sie wurde von Mark Zuckerberg in das Facebook-Hauptquartier geladen.

... das Gros der sozialen Netzwerke von Frauen dominiert wird? Pinterest, der Dienst mit den schönen Bildern, liegt mit einem Frauenanteil von 79 Prozent ganz vorne.

... bei Facebook jeden Tag mehr als 500 Terabyte an Daten verarbeitet werden? 955 Millionen Facebook-Nutzer weltweit erzeugen täglich etwa 2,5 Milliarden Postings, 2,7 Milliarden Likes sowie 300 Millionen Bilder.

... laut einer US-Studie Facebook positive Effekte für Obdachlose hat? "Marxis Analysis of Social Media" hat herausgefunden, dass  die Netze bei der Suche nach Nahrung oder Unterkunft hilfreich sind – und, um mit der Familie in Kontakt zu bleiben.

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