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Politik
05/02/2012

Polen wittern deutsche Doppelmoral

Polen wehrt sich gegen den Ruf nach einem Boykott der Fußball-EM im Partner- und Nachbarland Ukraine.

Bereits zwei Mal postierte sich Maria Stepan mit Mikrofon und ernster Miene vor dem Warschauer Nationalstadion. Ein Boykott der Europameisterschaft in der Ukraine nutze nur dem „Selbstwertgefühl einiger deutscher Politiker", meinte die Osteuropa-Expertin des polnischen Staatsfernsehens TVP. Sollten die Spiele dort tatsächlich nicht stattfinden, gebe es nur eine Richtung, in die sich das Land orientieren würde – nach Osten, womit Russland gemeint ist.

Deutsche Politiker, darunter Kanzlerin Angela Merkel, haben letztens zu einem Boykott der Spiele aufgerufen, sollte die ehemalige M­inisterpräsidentin Julia Timoschenko nicht in Deutschland behandelt werden dürfen. Timoschenko, die seit dem vergangenen Jahr in der Ukraine in Haft ist, klagt über Folter und befindet sich in einem Hungerstreik.

Die immer lauter werdende Kritik an der Ukraine stößt in Polen eher auf Ablehnung. Das ist nicht verwunderlich. Polen war – ob wie heute liberalkonservativ oder nationalkonservativ oder links regiert – stets eine Art Mentor der Ukraine. Erinnert sei an Aleksander Kwasniewski, der als damaliger polnischer Staatspräsident während der von Julia Timoschenko angeführten „Orangen Revolution" 2004 zwischen den Konfliktparteien vermittelte und so in Kiew wohl einen Bürgerkrieg verhinderte.

Zurzeit ist vor allem das polnische Außenministerium unter dem strebsamen Radek Sikorski um das östliche Nachbarland bemüht. Dort regiert seit 2010 Präsident Viktor Janukowitsch, der seine politischen Gegner ins Gefängnis stecken lässt. Sikorski will die Ukraine im Rahmen des EU-Projekts „Östliche Partnerschaft" näher an den Westen binden. Auch um eine Vereinnahmung durch den russischen Gaskonzern Gazprom zu verhindern, dessen Lobby in Kiew erstarkt ist. Sikorskis Sprecher bezeichnet die Boykottbestrebungen daher als „Missverständnis". Polen setzt auf stille Diplomatie.

Russland boykottieren

„Sport und Politik soll man nicht vermischen", erklärt Marcin Zborowski, Direktor des regierungsnahen „Instituts für Internationale Angelegenheiten". Sonst müsste man auch das russische Sotschi boykottieren, wo 2014 Olympische Winterspiele stattfinden. Das Vorgehen gegen die Ukraine hätte für Deutschland jedoch weniger wirtschaftliche Konsequenzen als ein Boykott Russlands.

Auch die auflagenstärkste Zeitung Gazeta Wyborcza schlägt in diese Kerbe und kritisiert vor allem die SPD, deren einstiger Kanzler Gerhard Schröder Putin einen „lupenreinen Demokraten" nannte und dem zur Straflager-Internierung des ehemaligen Oligarchen Michail Chodorkowski nichts einfiel.

In Internetforen werden viele der oben genannten Argumente aufgegriffen, aber nicht nur: „Warum sollen Fußballfans in ein Land fahren, wo Bomben hochgehen und de facto der Ausnahmezustand herrscht. Deutschland ist das einzige Land, das die EM noch kurzfristig übernehmen könnte", so ein „Internaut" des Portal onet, der mit dieser Meinung nicht alleine war.

Den Vorschlag, die EM neben Polen in Deutschland stattfinden zu lassen, machte ausgerechnet Erika Steinbach, Spezialistin für Menschenrechte in der CDU, und schaffte es in Polen wieder in die Schlagzeilen. Sonst ist sie in Polen vor allem als umstrittene Chefin der Vertriebenen bekannt.

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