Obama-Versprecher beim Atomgipfel

Der US-Präsident hat den Russen mehr Flexibilität in Rüstungsfragen zugesprochen - und die Öffentlichkeit hat unbeabsichtigt zugehört.

Barack Obama gilt eigentlich als Rhetoriktalent – nun ist dem US-Präsidenten allerdings bereits zum zweiten Mal ein Lapsus vor dem Mikrofon unterlaufen. Beim Gipfeltreffen zu atomarer Sicherheit in Südkorea hatte er jetzt bei vermeintlich ausgeschaltetem Mikro „mehr Flexibilität in Rüstungsfragen und der Raketenabwehr in Europa" versprochen  - und zwar dem russischen Noch-Staatschef Medwedew. Der Rückzieher folgte prompt. Auch vergangenes Jahr unterlief Obama eine peinliche Panne: Am Rande des G20-Gipfels 2011 in Cannes hörten Journalisten, wie der US-Präsident mit Frankreichs Premier Nicolas Sarkozy über Israels Ministerpräsidenten herzog. "Ich kann ihn nicht mehr sehen, das ist ein Lügner", soll Sarkozy Mithörern zufolge über Benjamin Netanyahu gesagt haben. Obama darauf: "Du bist ihn leid, aber ich habe jeden Tag mit ihm zu tun." Nicht ausgeschaltete Mikrofone haben es US-Präsidenten angetan, scheint es. Bereits 1984 stolperte der damalige Staatschef Ronald Reagan über einen Versprecher - vor einer Radioansprache scherzte er, die USA hätten die Sowjets gerade für "vogelfrei" erklärt. "Wir beginnen in fünf Minuten mit der Bombardierung." Dass er schon mitgeschnitten wurde, ahnte er natürlich nicht. Für peinliche Auftritte geradezu berühmt war auch George W. Bush – und für seine oftmals etwas derbe Wortwahl. So geschehen beim  G-8-Gipfel in St. Petersburg Mitte 2006  - dort lästerte der frühere US-Präsident bei eingeschaltetem Mikro über langatmige Reden und den damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan. Zum Konflikt zwischen Israel und dem Libanon sagte, der "Scheiß" müsse bald beendet werden. Ein Ausrutscher in einer langen Reihe: Bereits im Jahr 2000 hatte er einen Journalisten vor offenem Mikrofon als "Riesenarschloch" bezeichnet. US-Politikerin Sarah Palin unterhielt mit ihren teils sinnbefreiten Aussagen oftmals die ganze Nation – auf Video festgehalten ist etwa ihr Ausspruch, Alaska habe eine direkte Grenze zu Russland. Geographie scheint ohnehin nicht das Steckenpferd Palins zu sein: Fox News berichtete zudem, man habe der Gouverneurin erklären müssen, dass es sich bei Afrika nicht um einen Staat, sondern um einen Kontinent handle.
Nicht nur die US-Amerikaner, auch die Briten haben mit ihren Mikros zu kämpfen. Der ehemalige Premier John Major nannte bei der Aufzeichnung für ein Fernsehinterview 1993 euroskeptische Minister "Bastarde". Zumindest zeigte er auch etwas Selbstkritik  - und bezeichnete sich selbst als einen "Waschlappen".
17 Jahre später vergriff sich auch Gordon Brown im Ton: Eine Woche vor der Wahl wurde der britische Premier 2010 erwischt, wie er eine Wählerin als "verbohrt" beschimpfte. Nach dem Gespräch mit ihr sagte er: "Das war ein Desaster - sie hätten mich niemals mit dieser Frau zusammenbringen dürfen." Was Brown nicht ahnte: Das Mikro eines TV-Senders war noch an seinem Hemd...
Auch royale Persönlichkeiten sind vor derartigen Vorfällen nicht gefeit: Prince Charles' respektlose Bemerkungen über einen BBC-Korrespondenten gingen 2005 dank offener Mikrofone um die Welt. "Furchtbar, der Typ", raunte der britische Thronfolger seinen Söhnen bei einem Interview zu. "Grässliche Leute, in kann den nicht ausstehen." Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, ein Freund derber Worte, sorgte 2007 mit einem Auftritt vor Journalisten für ordentlich Gelächter. Er lallte merklich – und sein Erklärungsversuch erntete noch mehr Lacher: Er habe sich zu lange mit Präsident Putin unterhalten, sagte er grinsend  ins Mikrofon. "Versprecher" im doppelten Sinn: Obama wusste nicht, dass das Mikro eingeschalten war - und versprach Medwedew so einiges

Mehr Flexibilität in Rüstungsfragen und bei der Raketenabwehr in Europa" - das hat US-Präsident Obama jetzt seinem russischen Konterpart Dmitirij Medwedew im Rahmen des Atomgipfels in Seoul zugestanden. Das Privatgespräch hätte nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollen; dennoch hörten es alle: Die Mikrofone waren nicht ausgeschlatet.

Die Reaktionen darauf sind gespalten: Die US-Republikaner warfen Obama sogleich vor, vor den Russen "einzuknicken"; das weiße Haus relativierte die Äußerung sogleich. Kremlchef Dmitri Medwedewdas Gespräch indes als "mustergültig" gelobt. Obama sei ein "sehr angenehmer Gesprächspartner", sagte Medwedew nach Angaben der Agentur Interfax.Dass ein US-Präsident die russischen Bedenken zur Raketenabwehr in Mitteleuropa ernst nehme, habe Moskau nicht immer erlebt, sagte Medwedew nach einem Treffen mit Obama.

Moskau werde am Ende von Washington entweder eine Garantie dafür erhalten, dass das Abwehrsystem nicht gegen Russland gerichtet sei. Oder es drohe ein neues Wettrüsten, betonte Medwedew. Zugleich warnte er angesichts des US-Präsidentenwahlkampfes vor einem Rückfall in die Zeiten des Kalten Krieges. Es gebe einige US-Politiker wie den Republikaner Mitt Romney, die die Frage einer Raketenabwehr in Mitteleuropa für ihre Interessen instrumentalisieren wollten.

(apa / ep) Erstellt am
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